Gesundheit : Wem ein Titel gebührt

Berlins Wissenschaftssenator a.d.

TURNERS THESEN

zu Bildung und Politik

Es ist schon verwirrend, wo und wie welche akademischen Grade erworben werden können. Die Zahl der Professoren, Doktoren und Inhaber eines Diploms ist rasant gewachsen. Neben dem Ausbau der Universitäten wurden gleichzeitig in den 70er Jahren ganze Kohorten von Akademischen Räten und Assistenten in Professorenstellen überführt; Pädagogische Hochschulen wurden in die Universitäten integriert, die Ingenieurschulen in Fachhochschulen umgewandelt – und aus Dozenten wurden Professoren.

Die Zahl der hauptamtlich an Hochschulen tätigen Professoren, in unterschiedlichen Besoldungsstufen zwar, stieg innerhalb von dreißig Jahren von fünftausend auf etwa vierzigtausend. Die Zahl der Honorarprofessoren nahm exponentiell zu. Nicht nur Universitäten können diesen begehrten Titel verleihen; auch Fachhochschulen machen regen Gebrauch davon. Und es gibt noch Professoren, verliehen durch die Ministerpräsidenten der Länder. Insgesamt hat eine Inflation stattgefunden.

Die Erinnerung kann auch schon mal versagen, wenn jemand den „Professor“ weiterführt, auch wenn dieser Teil der Amtsbezeichnung war, wie bei Direktoren von Museen, der mit Ausscheiden aus dem Amt entfällt. So erging es einem in Berlin ansonsten weithin geschätzten Kulturpolitiker.

Zukünftig sollen auch Juniorprofessoren nach ihrem Ausscheiden, also auch bei Nichtbewährung, als Trostpflaster des Titels nicht verlustig gehen. Kein Mensch weiß mehr, was sich – auf der Visitenkarte – hinter dem „Prof.“ verbirgt. Der fatale Eindruck, Deutschland liefe Österreich den Rang ab in der Konkurrenz „Kein Mensch ohne Titel“, ließe sich relativieren, wenn dem Titel die Herkunft beigefügt werden müsste. Auch beim Dr. h.c. sollte der aufklärende Hinweis, dass es sich um einen Titel honoris causa handelt, nicht „vergessen“ werden.

Auch beim Diplom haben wir seinerzeit eine Art Massentaufe erlebt. Durch Nachgraduierung erwarb man den Ing. grad., der dann die Basis für die Nachdiplomierung war, in einigen Ländern ohne den Zusatz „FH“. Bei manchen Fachhochschulen ging das per Postkarte (mit fünf Mark war man dabei.) Einfacher wäre es nur gewesen, wenn man das Diplom bei Volljährigkeit, zugleich mit den Wahlunterlagen bei der nächst anstehenden Wahl, verschickt hätte.

Im Geschäftsleben gilt das Prinzip von Firmenwahrheit und Klarheit, im Hochschulbereich das von Titelwirrwarr und Unübersichtlichkeit.

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