Gesundheit : Wenig kann schon zu viel sein

Ältere Menschen leiden häufig, weil ihre Medikamente zu hoch dosiert sind. Der Arzt sollte die Therapie regelmäßig anpassen. Jetzt kann er sich an einer neuen Liste orientieren

Rosemarie Stein
Schnell danebengegriffen. Bei Älteren schlagen eigentlich erwünschte Wirkungen von Medikamenten oft in unerwünschte um. Das macht die Dosierung so schwierig. Foto: p-a
Schnell danebengegriffen. Bei Älteren schlagen eigentlich erwünschte Wirkungen von Medikamenten oft in unerwünschte um. Das macht...Foto: picture-alliance / Frank May

Herr M. ist 83, hat eine erhebliche Herzschwäche (medizinisch: „Herzinsuffizienz“) und eine leichte Demenz. Mit etwas Hilfe kann er aber noch gut allein in seiner Wohnung leben. Auch seine Tochter kommt oft und kümmert sich um ihn. Er nimmt regelmäßig die verordneten Medikamente, darunter ein Diuretikum, ein Entwässerungsmittel.

Eines Tages bekommt Herr M. eine akute Infektionskrankheit, er schwitzt, hat Fieber und starke Durchfälle. Er wird zusehends schwächer und kann nach drei Tagen das Bett nicht mehr verlassen. Was die Tochter am meisten beunruhigt: Der alte Herr ist plötzlich ganz teilnahmslos und so verwirrt, wie man ihn nie erlebt hat. Also Einweisung ins Krankenhaus. Da erkennt ein erfahrener Altersmediziner sofort den Grund für den beängstigenden Zustand des Patienten: Sein Körper ist total ausgetrocknet. Er hat während der akuten Krankheit sehr viel Wasser verloren und viel zu wenig getrunken. Das gewohnte Entwässerungsmittel hat er aber weiter geschluckt.

Diese typische Krankengeschichte stammt vom Chefarzt des Zentrums für Altersmedizin im Wenckebach-Klinikum, Claus Köppel. Er behandelt dort im Monat etwa zehn Patienten, die wegen der Folgen relativer Überdosierung eines Diuretikums eingeliefert werden. „Relativ“ heißt, dass die normale Dosis eines Arzneimittels für einen individuellen Patienten zu hoch ist. Denn: Erstens brauchen ältere Menschen schon in der Regel eine niedrigere (manchmal aber auch eine höhere) Dosis der meisten Medikamente. Zweitens muss die Dauertherapie eines chronischen Leidens immer wieder überprüft werden. Vielleicht schreitet es fort, eine akute Krankheit kann hinzukommen wie bei Herrn M., und viele Ältere haben ohnehin mehrere chronische Krankheiten. Dann brauchen sie auch mehrere Arzneimittel. Nach der Berliner Altersstudie nehmen über Siebzigjährige täglich im Durchschnitt sechs verschiedene Mittel.

So können zu den möglichen Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen auch noch schädliche Wechselwirkungen kommen. Deshalb empfehlen die Experten, im Alter zwar unbedingt die wirklich notwendigen Mittel zuverlässig einzunehmen, aber die kaum wirksamen, überflüssigen oder gar nur schädlichen wegzulassen – zum Beispiel die meist selbst verordneten „Anti-Aging“-Mittel, die angeblich das Altern verzögern und die schwindende Leistungskraft steigern. Aber: „Wirksame Mittel solcher Art gibt es nicht“, heißt es klipp und klar in „Arzneiverordnungen“, dem Handbuch für Mediziner, herausgegeben von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Erwünschte Wirkungen schlagen gerade im Alter öfter in unerwünschte um. Deshalb stellte man schon vor Jahren im Ausland Listen von Arzneisubstanzen zusammen, die älteren Patienten nur mit besonderer Vorsicht oder in niedriger Dosierung verschrieben werden sollten. Von einigen Substanzen raten diese Listen ganz ab. Denn der alternde Organismus reagiert anders. Zum Beispiel verringern sich meist Muskelmasse und Wassergehalt so, dass sich der Fettanteil vergrößert. Manche Wirkstoffe werden aber im Fettgewebe gespeichert, etwa das bekannte Valium. Die Folgen sind eine verstärkte und verlängerte Wirksamkeit mit Benommenheit, Unsicherheit beim Gehen und Sturzgefahr am nächsten Tag.

Vor allem lässt mit den Jahren die Funktionsfähigkeit der Nieren so nach, dass „Personen über 70 Jahre in der Regel als niereninsuffizient anzusehen sind“, heißt es in den „Arzneimittelordnungen“. Viele Medikamente werden über die Nieren ausgeschieden. Wenn die nur noch unzureichend arbeiten, reichern sich die Wirkstoffe im Körper an. Deshalb müssen sie, nach Untersuchung der Nierenfunktion, ganz individuell dosiert werden. Zum Beispiel reicht bei manchen Betablockern eventuell ein Viertel der Normaldosis. Sonst kann der Blutdruck so stark sinken, dass es zu Schwindel- und Ohnmachtsanfällen kommt.

Teilnahms- und Antriebslosigkeit bis zur Depression, Sinken der geistigen Leistungsfähigkeit, Schwindel, Verwirrtheit, Stürze und Blutungen (bei relativer Überdosierung notwendiger Blutverdünnungsmittel) gehören zu den schwersten Nebenwirkungen von Arzneimitteln im Alter. Welche Substanzen für Ältere die größten Risiken haben und wie sich Komplikationen vermeiden lassen, können Ärzte nun auch in Deutschland einer Liste entnehmen, die den ausländischen Vorbildern folgt, aber dem deutschen Arzneimittelspektrum angepasst ist: Der Priscus-Liste, benannt nach dem lateinischen Wort für „altehrwürdig“.

„Die Liste ist ein guter Anfang“, sagt Claus Köppel. Sie muss aber noch weiterentwickelt und erprobt werden. Auch will sie nichts weiter sein als ein Hilfsmittel für den Arzt, der für jeden Patienten Nutzen und Risiken eines Medikaments abwägt. Die Patienten selbst können mit der Liste nicht viel anfangen. Sie sollten aber daran denken, dass Beschwerden mit ihrer Arzneimitteltherapie zu tun haben können und diese vom Arzt regelmäßig überprüfen lassen. Außerdem sollten sie sich selbst gründlich über Arzneimittel, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen informieren. Im wissenschaftlich fundierten, aber verständlich geschriebenen „Handbuch Medikamente“ der Stiftung Warentest findet man bei vielen Beschreibungen von Arzneimitteln am Ende Hinweise für ältere Menschen.

Ein Beispiel: Die altbekannten wertvollen Wirkstoffe aus der schönen Fingerhutpflanze Digitalis werden seit langem bei bestimmten Herz-Kreislauf-Krankheiten erfolgreich verordnet, früher oft im Übermaß und auch ohne Notwendigkeit, einfach zur „Herzstärkung“ im Alter. Gerade ältere Männer und besonders Frauen reagieren aber empfindlich auf diese hochwirksamen Substanzen. Sie müssen also sehr exakt individuell dosiert werden. Denn der Grat zwischen zu geringer Wirksamkeit und unerwünschten Wirkungen – von Magen-Darm-Beschwerden bis zu Sehstörungen und Halluzinationen – ist schmal. Ärzte sprechen dann von „geringer therapeutischer Breite“.

Am Ende der Informationen über die beiden Digitalis-Wirkstoffe Digoxin (das in drei Formen existiert) und Digitoxin gibt das „Handbuch Medikamente“ diesen Hinweis für ältere Menschen: „Bei ihnen steigt das Risiko für unerwünschte Wirkungen von Digitalis-Wirkstoffen. Da die Nierenleistung meist altersbedingt abnimmt, werden bei älteren Menschen Mittel mit Digitoxin bevorzugt.“ In der Priscus-Liste heißt es dazu vorsichtig: „Der Wirkstoff Digitoxin besitzt möglicherweise eine geringe Toxizität“ (Giftigkeit). Tatsächlich berichtet Altersmediziner Köppel, dass er jeden Monat etwa zehn Patienten mit relativer Digitalis-Überdosierung aufnimmt.

Eine dringende Warnung zum Schluss: Auf keine Fall darf man solche oft lebenswichtigen Arzneimittel auf eigene Faust weglassen. Das kann weit mehr schaden als die Nebenwirkungen. Wie heißt es ständig in der Werbung? „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker“. Patienten sollten ihnen also Löcher in den Bauch fragen – nachdem sie den Beipackzettel gelesen haben.

Die Priscus-Liste im Internet: www.priscus.net. Das „Handbuch Medikamente“ ist erhältlich unter www.test.de/shop

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