Gesundheit : „Weniger Geld bedeutet weniger Köpfe“

Georg Schütte, designierter Generalsekretär der Humboldt-Stiftung, über die Zukunft der Eliteförderung

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Weltweit spitzt sich der Wettbewerb um die besten Forscher zu. Die Alexandervon-Humboldt-Stiftung hat sich traditionell die Förderung der Wissenschaftler-Elite auf die Fahnen geschrieben und muss sich dem Wettbewerb stellen. Kann Deutschland dabei mithalten?

Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wie die Max-Planck-Institute, bestechen durch hohe Qualität und sind international anerkannt. Das zieht Spitzenwissenschaftler aus aller Welt an. Das Gleiche gilt für ausgewählte Forschungsinstitute der Universitäten. Aber bei der Entwicklung der Universitäten muss Deutschland sich anstrengen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Auf welche Strategie wollen Sie dabei als Generalsekretär der Humboldt-Stiftung setzen?

Die Humboldt-Stiftung kann eine Art Serviceagentur für die deutschen Hochschulen sein. Unsere Stipendiaten bringen Internationalität und wettbewerbsfähige Forschung mit hierher. Damit bieten sie viele Anknüpfungspunkte für weitere Zusammenarbeit.

In letzter Zeit machen Wissenschaftler bei Aufenthalten in den USA unangenehme Erfahrungen mit aufwändigen Kontrollen. Meinen Sie, dass die Attraktivität des weltweit führenden Forschungslandes darunter leiden wird?

Mittelfristig kann man das noch nicht sagen. Kurzfristig führt das starke Sicherheitsbedürfnis in den USA eindeutig zu einem Zielkonflikt mit dem Bedürfnis nach Offenheit und Austausch in der Spitzenforschung. Das ist aber auch in den USA noch nicht ausgelotet. Auch die amerikanischen Universitäten kritisieren diese Einschränkungen zum Teil heftig. Aber Forschung ist in den USA immer noch sehr gut finanziert. Die Zuwachsraten der Forschungsförderung sind enorm, beispielsweise ist das Budget der National Institutes of Health binnen eines Jahres um 15 Prozent gewachsen. Von solchen Zuwachsraten kann man in Deutschland nur träumen. Aufs Ganze gesehen, wird der Magnet USA daher wohl für Wissenschaftler seine Anziehungskraft nicht einbüßen. Die Frage ist, welche Antwort Europa darauf hat.

Wie kann die Antwort lauten?

Natürlich: wettbewerbsfähige Strukturen! Der Paul- und der Kovalevskaja-Preis der Humboldt-Stiftung sind dafür gute Beispiele. Mit beiden konnten exzellente Wissenschaftler nach Deutschland geholt werden. Die Programme zeichnen sich durch ein Höchstmaß an Forschungsfreiheit für die Wissenschaftler aus, um kurzfristig etwas aufzubauen.

Was nehmen Sie aus Ihrer Arbeit bei der Fulbright-Kommission mit?

Stipendiaten im Spitzenbereich sind leichter zu gewinnen, wenn sie schon einmal als Studenten oder als Schüler in Deutschland waren. Um bei dieser begehrten Gruppe Erfolg zu haben, bietet es sich an, dass die verschiedenen Förderorganisationen noch stärker zusammenarbeiten. Außerdem habe ich in den USA neue Fördermöglichkeiten für ausländische Wissenschaftler kennen gelernt.

Ein Beispiel?

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus unterschiedlichen Ländern arbeiten bei Workshops gemeinsam an der Lösung von Problemen, die für die Gesellschaft von morgen relevant sind – beispielsweise beschäftigen sich 20 Wissenschaftler aus aller Welt ein Jahr lang gemeinsam mit dem Thema „global health“. Solchen Fragestellungen, bei denen die herkömmlichen fachlichen Kategorien nicht mehr greifen, würden sich sicherlich auch Humboldt-Stipendiaten stellen. Themen sind beispielsweise: Welche Bedeutung hat Staatlichkeit in Zukunft aus völkerrechtlicher Sicht; welche Bedeutung hat Gesundheit in Zukunft etwa für die Sicherheitspolitik; Konfliktprävention und nationale Konflikte; wie bewahrt man das historische Erbe in Kriegszeiten?

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Spannungen in den deutsch-amerikanischen Beziehungen gemacht, und was berichten Fulbright-Stipendiaten?

Im universitären Umfeld haben Anfeindungen nach meiner Erfahrung keine Rolle gespielt. Vor drei Monaten hat „Der Spiegel“ ja über Feindseligkeiten berichtet, denen deutsche Austauschschüler in den USA ausgesetzt waren. Eine Umfrage bei den Fulbright-Stipendiaten hat das überhaupt nicht bestätigt. Sie erzählten zwar, dass sie in dem eher liberalen, akademischen Umfeld stärker Diskussionen ausgesetzt sind als sonst – aber keineswegs nur mit deutschlandkritischen Tönen, sondern genauso kritisch gegenüber der eigenen Regierung.

Hat der Streit denn die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit zwischen den Wissenschafts-Institutionen erschwert?

Der Studenten- und Wissenschaftleraustausch ist langfristig angelegt. Kurzfristige Irritationen schlagen da nicht so durch. Das Fulbright-Programm wird von beiden Seiten kontinuierlich weiter auf gleichem Niveau finanziert und bietet auch Politikern und Diplomaten Gelegenheit zur Begegnung.

Was liegt Ihnen künftig bei Ihrer Arbeit als Generalsekretär der Humboldt-Stiftung besonders am Herzen?

Die junge Generation von Wissenschaftlern weiterhin für diesen Wissenschaftleraustausch zu gewinnen und das renommierte Humboldt-Netzwerk so immer wieder zu verjüngen. Außerdem müssen die Förderinstrumente so angepasst werden, dass sie neuen Ansprüchen Rechnung tragen. Beispielsweise gibt es in den Industrieländern das Problem der „two-career-couples“, in unserem Bereich Wissenschaftler-Paare, die beide ihre Karrierewege verfolgen. Bisher haben wir noch keine Möglichkeit, wenn wir einen der beiden Wissenschaftler holen wollen, auch für den Ehepartner eine passende Forschungsstelle zu finden.

Ist Deutschland da besonders rückständig?

Das machen nur die amerikanischen Hochschulen schon besser, aber auch nur im inneramerikanischen Austausch. Es wäre doch ein Wettbewerbsvorteil, wenn Deutschland da zum Vorreiter würde. Schön wäre es, das Know-how der Partner mit einzubringen in den Forschungsaufenthalt.

Das liegt ja schon ganz auf der Ebene von Neuerungen, die nicht gleich auch immer mehr Geld kosten dürfen. Für Ihre Amtszeit sind ja Finanzengpässe zu befürchten …

Es geht um Zusatznutzen. Wir reden auch viel von Wissenschaft im Dialog mit der Öffentlichkeit. Dafür könnten die Gastwissenschaftler mit aktiv werden, an den Hochschulen, vielleicht sogar an den Schulen. 60 Prozent der Humboldt-Stipendiaten kommen aus den Naturwissenschaften, und wir brauchen an den Schulen eine stärkere Motivation für diese Fächer – sowie Offenheit für Menschen aus anderen Nationen.

Und wie kann man beim Wissenschaftleraustausch sparen?

Am Ende heißt weniger Mittel in der Spitzenforschung auch weniger Köpfe. Die Qualität muss stimmen. Wenn wir von der gut dotierten Förderung weggehen, sind wir international einfach nicht mehr wettbewerbsfähig.

Das Interview führte Bärbel Schubert.

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