Gesundheit : Weniger Opfer als befürchtet

UN-Expertenteam schätzt 4000 Tote als Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Bas Kast

Fast 20 Jahre nach der Kernreaktor-Katastrophe von Tschernobyl kommt ein Team von über 100 Wissenschaftlern zum Schluss, dass die radioaktive Verseuchung weniger Opfer fordern wird als lange befüchtet. Demnach starben bisher knapp 50 Kraftwerkstechniker und Rettungskräfte an der radioaktiven Strahlung sowie neun Kinder auf Grund von Schilddrüsenkrebs. Das Expertenteam des „Tschernobyl-Forums“ schätzt, dass insgesamt 4000 Menschen an der Strahlenbelastung sterben werden. Das Forum besteht aus acht UN-Organisationen, darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA sowie Vertretern aus den Regierungen der drei betroffenen Staaten Ukraine, Russland und Weißrussland. Die Umweltorganisation Greenpeace warf dem Forum vor, mit dem Bericht die Folgen des Atomunfalls „rein zu waschen“.

Am 26. April 1986 um 1 Uhr 24 explodierte der Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks, nachdem ein Experiment außer Kontrolle geraten war – Teile des Reaktors flogen umher, Wolken radioaktiver Partikel wirbelten in die Luft. 350000 Menschen in der Umgebung wurden evakuiert. Eine 30-Kilometer-Zone rund um das Kernkraftwerk ist bis heute offizielles Sperrgebiet, Tschernobyl und das benachbarte Prypjat sind Geisterstädte. Damals befürchtete man Zehntausende Opfer. Und tatsächlich kam es schlimm, jedoch nicht so schlimm, wie viele es sich ausmalten, so das Fazit des Forums.

Die wichtigsten Befunde des Hunderte von Seiten umfassenden Berichts lauten:

Rund 600000 Menschen wurden höheren Strahlungsdosen ausgesetzt. Gesundheitlich gefährdet sind vor allem die etwa 1000 Reaktortechniker und Rettungsleute, die am ersten Tag der Katastrophe der Strahlung besonders stark ausgesetzt waren. Von den Arbeitern, die in den Tagen, Wochen und Monaten danach auf dem Gelände aufräumten, werden wohl mehr als 2000 auf Grund der Strahlenbelastung sterben. Weitere Opfer dürften sich unter den Menschen finden, die aus der Stadt Prypjat und den umliegenden Dörfern evakuiert wurden.

Etwa 4000 Menschen, darunter vor allem Kinder und Jugendliche, entwickelten Schilddrüsenkrebs wegen des radioaktiven Jods, das sich in der Schilddrüse sammelt. Bislang starben „nur“ neun Kinder, was daran liegt, dass sich der Tumor schnell entdecken und gut behandeln lässt – die Überlebensrate liegt bei 99 Prozent.

Hunderttausende von Menschen wurden evakuiert, viele von ihnen sind „stark traumatisiert“, wie es in dem Bericht heißt. Hinzu komme die Angst um die eigene Gesundheit, die bei nicht wenigen zu einem „lähmenden Fatalismus“ geführt habe, „weil sie denken, dass sie weitaus gefährdeter sind, als es tatsächlich der Fall ist“, wie Fred Mettler, Leiter des Gesundheitsteams des Forums, sagt. Zu den Folgen gehörten Drogen- und Alkoholkonsum, ungeschützter Sex und Arbeitslosigkeit. 65 Prozent der Jugendlichen in den betroffenen Regionen seien zutiefst pessimistisch eingestellt – eine Zahl, die weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liege.

Der Beton-Sarg, den man damals in aller Eile über den Reaktor stülpte, ist auf Grund der Reststrahlung, der Hitze sowie durch Wind und Wetter an vielen Stellen brüchig geworden. Die Gefahr wächst, dass der Container zusammenbricht und erneut Strahlung die Umgebung verseucht.

Geplant ist nun ein neuer Schutzmantel, der die nächsten 100 Jahre halten soll – die Bauarbeiten haben jedoch noch nicht begonnen.

Eines der größten Probleme sehen die Experten in der großen Verunsicherung der Bevölkerung. Obwohl einerseits verständlich, führe sie andererseits zu massiven psychologischen Beeinträchtigungen: „Können Sie sich vorstellen, was es heißt, wenn man durch dauernde Untersuchungen daran erinnert wird, dass da noch etwas sein könnte?“, fragt etwa Burton Bennett, Vorsitzender des Forums.

Derzeit gelten rund sieben Millionen Menschen offiziell als Tschernobyl-Opfer – sie werden nicht nur medizinisch beobachtet und betreut, sondern erhalten auch Entschädigungen, beispielsweise in Form von Pensionen. Das sei nicht nur positiv zu bewerten, sondern hätte auch zu einer Opferhaltung, zum Gefühl der Ohnmacht der Menschen beigetragen, gibt das Forum zu bedenken.

Nicht nur Greenpeace, auch der Verein „Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ IPPNW kritisierte das Forum und warf ihm Verharmlosung der Katastrophe vor. Die Ärzteorganisation sieht einen Interessenkonflikt, da die WHO per Vertrag an die Atomenergiebehörde IAEA gebunden sei. Sie fordert unabhängige Untersuchungen.

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