Gesundheit : Weniger Salz in der Suppe

Wie die Finnen ihre Ernährung umstellten – und damit die Lebenserwartung erhöhten

Adelheid Müller-Lissner

„Land der schönen Witwen“ sollen ausländische Touristen die finnische Region Nordkarelien in den 60er Jahren genannt haben. Die Rate der Männer, die dort in jungen Jahren einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zum Opfer fielen, war hoch. 1972 wurde deshalb mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das „Nordkarelien-Projekt“ ins Leben gerufen: Ziel war (und ist) es, die gesamte Bevölkerung zu einem gesünderen Lebensstil zu motivieren.

Tatsächlich gelang es, einigen Risikofaktoren zu Leibe zu rücken. Der Obst- und Gemüsekonsum verdoppelte sich. Unter den männlichen Rauchern entschlossen sich viele, aufzuhören. Die Mehrheit der Bevölkerung ließ sich die Butter vom Brot nehmen.

Die Erfolge sind beeindruckend. „Zwischen 1965 und 2005 ging die Zahl der Infarkte und Schlaganfälle um über 75 Prozent zurück, die Lebenserwartung der Männer erhöhte sich von 67 auf 75 Jahre“, berichtete der Pharmakologe Heikki Karppanen (Helsinki) aus Anlass einer Tagung der Gesellschaft für Mineralstoffe und Spurenelemente an der Berliner Uniklinik Charité.

Die Ergebnisse seien vor allem deshalb bemerkenswert, weil auch die Finnen in den letzten Jahrzehnten dicker und träger wurden. Vor allem die Frauen rauchen inzwischen mehr statt weniger. „Dass wir trotzdem eine günstige Entwicklung sehen, liegt daran, dass sowohl die Cholesterinspiegel als auch der Blutdruck in diesem Zeitraum deutlich gesunken sind“, sagte Karppanen.

Mit dem Einsatz von Medikamenten allein könne man die Verbesserungen kaum erklären. Für Karppanen liegt auf der Hand, dass es vor allem „leichte, einfach umzusetzende Verbesserungen in der Ernährungsweise“ waren, die in Nordkarelien und etwas zeitversetzt im ganzen Land die gesundheitliche Wende brachten. Da ist zunächst die goldene Regel, mehr Obst und Gemüse, weniger ungesättigte Fette zu essen. Nach Karppanens Ansicht ist aber vor allem eine äußerlich sehr unscheinbare Veränderung entscheidend: Die Finnen essen heute weniger Salz als in der traurigen Epoche der „schönen Witwen“.

Von 1972, dem Jahr, in dem das „Nordkarelien-Projekt“ startete, bis zum Jahr 2002 ging der durchschnittliche Konsum von Kochsalz (Natriumchlorid) von 14 auf acht bis neun Gramm zurück. Das ist immer noch viel, misst man es an den Ernährungsgewohnheiten in frühen Epochen der Menschheitsgeschichte, wo man mit ein bis zwei Gramm pro Tag ausgekommen sein soll, dafür aber mehr Kalium, Magnesium und Kalzium zu sich nahm. „Wir sind für diese natürliche Nahrung programmiert“, sagte Karppanen.

„Weil wir heute viel verstecktes Salz im Brot, in Konserven und Fertiggerichten haben, ist eine Senkung auf acht bis neun Gramm aber schon beachtlich“, urteilt der Hochdruck-Experte Walter Zidek vom Campus Benjamin Franklin der Charité über die finnischen Ergebnisse.

Salziger werden Nahrungsmittel vor allem durch die Konservierung und industrielle Verarbeitung. Der wurde in Finnland keineswegs der Kampf angesagt. Dafür kam ein natriumreduziertes, mit den anderen Mineralstoffen angereichertes „Pansalt“ auf den Markt. Und seit 1992 gibt es in dem skandinavischen Land eine Deklarierungspflicht für den Salzgehalt von Lebensmitteln, mit Warnhinweisen, wenn bestimmte Richtwerte überschritten werden.

„Die Finnen lieben Frankfurter Würstchen, also haben wir einen unkonventionellen, wenig akademischen Ansatz gewählt und eine Art Rankingliste von deren Salzgehalt veröffentlicht“, sagte Karppanen. Logos auf Verpackungen helfen, beim Einkauf die salzärmeren Produkte zu bevorzugen.

Aber hilft es wirklich gegen die stille Volksseuche Bluthochdruck, wenn die gesamte Bevölkerung auf den Salzstreuer und die in Brot und Wurstwaren versteckte Extraration verzichtet?

Nicht alle Menschen haben Probleme damit, das Natriumchlorid ordnungsgemäß mit dem Urin auszuscheiden. „Salzempfindlich“ ist nur etwa ein Viertel der Bevölkerung – und nach Schätzungen von Medizinern etwa die Hälfte der Hochdruckpatienten.

Entscheidend dafür sind nach neueren Erkenntnissen nicht allein die Gene, sondern auch Faktoren wie Hormonhaushalt und Gewicht. Wenn mehrfach ein zu hoher Blutdruck gemessen wurde, lohnt daher auf jeden Fall ein Versuch mit dem salzarmen Leben.

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