Wenn das Herz schwächelt : Kontrolle ist besser

Herzpatienten nehmen oft Medikamente, die die Blutgerinnung hemmen. Die müssen genau dosiert sein. In Berlin können sich Betroffene darin selbst schulen. Neue Substanzen verringern das Risiko

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Ein Tropfen genügt. Ähnlich wie bei der Diabetes-Kontrolle nehmen Patienten ein wenig Blut aus der Fingerkuppe und messen dann per Gerät den Gerinnungsfaktor. Foto: vario images
Ein Tropfen genügt. Ähnlich wie bei der Diabetes-Kontrolle nehmen Patienten ein wenig Blut aus der Fingerkuppe und messen dann per...Foto: moodboard / vario images

Vier Jahre ist der schwere Herzinfarkt nun her. Kemal Tekgöz, heute 60, lebt seitdem mit einem Kunstherz: Einer elektrischen Pumpe, die an sein eigenes Herz und seine Blutgefäße angeschlossen ist. Diese Pumpe, die er am Deutschen Herzzentrum Berlin bekam, hat sein Leben gerettet – und stellt doch zugleich immer wieder eine Gefahr für ihn dar. Ständig berührt sein Blut die Schläuche der Pumpe, normalerweise würde es dort Gerinnsel bilden, die die Pumpe verstopfen könnten. Sie könnten aber auch im Blutstrom weiterschwimmen, in kleineren Gefäßen hängen bleiben und sie verschließen. Dann könnte zum Beispiel ein Schlaganfall die Folge sein. Um das zu verhindern, gibt es nur eins: Das Blut muss am Verklumpen gehindert werden.

Ein Kunstherz haben nur wenige Bundesbürger. Doch rund 600 000 Menschen sind aufgrund von Krankheiten wie Vorhofflimmern oder Herzschwäche, nach Herzinfarkten, Schlaganfällen oder weil ihnen eine künstliche Herzklappe eingepflanzt wurde, von Blutgerinnseln und Embolien bedroht. Sie alle müssen wie Kemal Tekgöz Tabletten nehmen, die die Blutgerinnung hemmen. Die Dosierung gleicht einer Gratwanderung: Wenn die Dosis zu niedrig ist, droht eine Verstopfung von Gefäßen. Bei zu hoher Dosierung kann es umgekehrt zu schlimmen inneren und äußeren Blutungen kommen. Schon einfache Küchenarbeiten wie das Kartoffelschälen werden dann zur gefährlichen Beschäftigung. Schließlich ist der Mechanismus, der dafür sorgt, dass das Blut gerinnt, nach einer Verletzung ausgesprochen sinnvoll: Wenn sich die im Blut schwimmenden Plättchen an der Wunde anlagern und ein Gerinnsel bilden, das durch körpereigene Eiweiße gefestigt wird, so schützt das vor dem Eindringen von Keimen und vor dem Verbluten.

Dass die richtige Dosierung der gerinnungshemmenden Mittel wichtig ist, merken viele Betroffene nur daran, wie oft ihr Arzt sie zur Kontrolle bittet. Kemal Tekgöz allerdings ist über weite Strecken sozusagen sein eigener Arzt. Er hat bei einer Schulung gelernt, die Sache mit der Gerinnung selbst zu managen. Dafür entnimmt er einen kleinen Blutstropfen aus einer Fingerbeere und misst mithilfe eines handlichen Geräts, das er überallhin mitnehmen kann, den INR-Wert (für International Normalized Ratio), der angibt, wie stark sein Blut am Gerinnen gehindert wird. Die Schulung, für die die Medizinisch-Technische Beratungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Selbstkontrolle der Antikoagulation (kurz: MTBASA) ein detailliertes Programm entworfen hat, dauert zweimal drei Stunden, schließlich ist auch einiges an Theorie zu lernen: wie der individuell richtige Wert aussehen sollte, wie er durch Medikamente beeinflusst wird, wann deren Dosierung geändert werden sollte, welchen Einfluss andere Medikamente und die Ernährung auf die Gerinnungswerte nehmen, was bei Reisen und vor operativen Eingriffen zu beachten ist. 8000 Menschen haben in Berlin bereits ein Zertifikat, das ihnen die erfolgreiche Teilnahme bescheinigt. Oft werden Familienangehörige mit geschult, wie die Medizinisch-Technische Assistentin Ines Hartwig-Zaidan berichtet, die MTBASA leitet.

Inzwischen haben zahlreiche Studien gezeigt: Patienten, die ihre Gerinnung selbst kontrollieren und die Medikamentendosis entsprechend anpassen, haben ein geringeres Risiko für Thrombosen und einen Gefäßverschluss, ohne deshalb ein größeres Blutungsrisiko zu tragen. Offensichtlich finden sie den goldenen Mittelweg. „Die Selbstkontrolle ist ein Segen, sie ermöglicht Eigenständigkeit und eine genaue Einstellung“, sagt Rufus Baretti, Oberarzt am Deutschen Herzzentrum. Er erzählt, dass Europa in dieser Hinsicht Vorreiter ist. „Die Amerikaner sind des Lobes voll.“

Am liebsten hätten Ärzte und betroffene Patienten allerdings Medikamente, die man unbesorgt nehmen kann, ohne ständig Gerinnungswerte kontrollieren zu müssen. Die meisten, die auf Dauer ein solches Mittel brauchen, nehmen heute Tabletten mit dem Wirkstoff Phenprocoumon (Handelsnamen Marcumar, Marcuphen oder Falithrom) ein. Das sind sogenannte Cumarinpräparate, Gegenspieler des Vitamin K, das im Vorgang der Blutgerinnung eine wichtige Rolle spielt. Das K steht bei diesem Vitamin übrigens für „Koagulation“, den medizinischen Ausdruck für Gerinnung. Dass die Cumarine das Gerinnungs-Vitamin hemmen, wurde in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts übrigens in Kanada per Zufall entdeckt: Da stellte man fest, dass die schweren, oft tödlichen Blutungen, die immer wieder bei weidenden Rindern und Schafen auftraten, vom faulen Klee kamen, den sie gefressen hatten. Bei der Gärung hatte sich Cumarin gebildet. Umgekehrt kann Vitamin K in der Nahrung die Gerinnungsfähigkeit des Bluts erhöhen. „Je nachdem, wie viel Vitamin K in den Lebensmitteln ist, die ein Patient zu sich nimmt, muss er mehr oder weniger gerinnungshemmende Mittel nehmen“, sagt Hanno Riess, Stellvertretender Direktor der Charité-Klinik für Hämatologie und Onkologie auf dem Campus Virchow. Viele Medikamente verstärken oder vermindern die Wirkung der Cumarine, etwa Schmerzmittel oder Antibiotika. In dieser Hinsicht sind die Mittel aus der Familie der Heparine unkomplizierter, die bestimmte Gerinnungsenzyme hemmen und oft nach einer Operation für begrenzte Zeit verordnet werden. Allerdings muss man sie unter die Haut spritzen.

Doch inzwischen sind zwei neue Medikamente auf den Markt gekommen, die die Vorteile beider Familien von Gerinnungshemmern in sich vereinen: Sie wirken ähnlich direkt und unkompliziert wie die Heparine, so dass die engmaschigen Blutkontrollen entfallen. Sie können andererseits aber als Tabletten eingenommen werden. Inzwischen sind die Substanzen Dabigatran und Rivaroxaban zugelassen für den Einsatz nach Knie- und Hüftgelenksoperationen. „Studien zeigen aber auch ihre Wirksamkeit bei Patienten, die tiefe Venenthrombosen oder Vorhofflimmern des Herzens haben“, erklärt Riess. Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung, sie zieht wegen der Störung des Blutflusses eine deutlich erhöhte Thrombose- und Emboliegefahr nach sich. Ob eines Tages auch Menschen von den neuen Mitteln profitieren werden, denen eine künstliche Herzklappe eingesetzt wurde oder die wie Kemal Tekgöz mit einem Kunstherz leben, steht noch in den Sternen. „Im nächsten Jahrzehnt erwarte ich auf diesem Gebiet keine grundlegenden Änderung“, sagt Riess. Die Schulungen werden also weiterhin Zulauf haben. Und regelmäßige Kontrollen beim Arzt werden weiterhin auch für gut geschulte Patienten wichtig bleiben.

Medizinisch-Technische Beratungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Selbstkontrolle der Antikoagulation (MTBASA), Tel. 491 10 30 (Geschäftsstelle im Jüdischen Krankenhaus), www.mtbasa.de

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