Gesundheit : Wenn das Pauken krank macht

INGO BACH

Hilfe im Prüfungsstreß: Die psychotherapeutische Beratung von Studentenwerk und Unis VON INGO BACH

Jeder sechste Student meint, dringend auf psychotherapeutische Hilfe angewiesen zu sein - das zumindest ergab die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes.Macht Studieren also psychisch krank? So krass könne man das nicht ausdrücken, sagt Sigy Oesterreich, Mitarbeiterin an der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerkes Berlin."Die besondere Situation des Studiums ist eher Auslöser als Ursache von Krisen.Die meisten bringen die Probleme an die Uni mit." Der Studienbeginn falle meist in eine krisenanfällige Zeit."Die Suche nach dem persönlichen ethischen Wertesystem und sexueller Identität ist noch in vollem Gange.In dieser Zeit sind Selbstwertprobleme häufig - einerseits ist man sozial erwachsen, andererseits immer noch stark von den Eltern abhängig." Hinzu komme für viele die Unsicherheit durch den Auszug aus dem Elternhaus in ein neues Lebensumfeld."Das soziale Gefüge muß völlig neu aufgebaut werden", erklärt Holger Walther, psychologischer Berater an der Humboldt-Universität."Der Unieinstieg kostet schon viel Energie, da reicht bei manchem die verbliebene Kraft nicht mehr aus." Diese sei vor allem den ungünstigen Studienbedingungen einer Massenuniversität geschuldet.Der Massenbetrieb fördert die Einsamkeit.Es gibt zunächst keine festen Strukturen und damit keine Basis, mit Kommilitonen oder Lehrkräften stabile Beziehungen aufzubauen", sagt Walther. Nicht nur der Beginn des Studiums macht zu schaffen, auch dessen Verlauf kann so manchen Stolperstein bereithalten.Mehr als die Hälfte der jährlich etwa 700 Ratsuchenden der psychotherapeutischen Beratung des Studentenwerkes kommt mit Motivations- und Orientierungsschwierigkeiten."Studierende sitzen tagelang allein an ihrem Schreibtisch und müssen sich selbst zum Durchhalten motivieren.Es gibt keine Rückmeldungen von Arbeitsgruppen oder Dozenten", sagt Klaus Krzyszycha von der Beratungsstelle. Starke Prüfungsängste treiben immer mehr Studenten an den Rand des Wahnsinns."Ein angemessenes Maß an Angst ist völlig normal und sogar notwendig für eine konzentrierte Leistung - vergleichbar dem Lampenfieber", beruhigt Holger Walther.Zum Problem werde das allerdings, "wenn trotz guter Vorbereitung bei der Prüfung durch massive Panik alles schief geht.Oder wenn einen schon Tage vor dem Prüfungstermin Appetit- und Schlaflosigkeit quälen." In Extremfällen bilden sich so psychosomatische Störungen aus: man wird krank, kann den Prüfungstermin nicht wahrnehmen, und einige Wochen später zur Nachprüfung beginnt alles wieder von vorn. Deshalb ist die psychologische Betreuung von Studenten wichtig.In Berlin bietet jede Universität eine solche an.Dabei soll vor allem mit Gesprächen schnelle Hilfe bei Problemen geleistet werden, die eine Bewältigung des Studiums gefährden.Darüber hinaus bieten die Berater Workshops und Gruppen zu Themen wie Lerntechniken, Prüfungsangst oder auch Bewerbungstraining an.Ausstattungen und Möglichkeiten sind dabei sehr unterschiedlich.Während an der FU sieben psychologische Berater etwa 800 Studenten betreuen, ist die psychologische Beratungsstelle an der HU ein Ein-Mann-Betrieb.Seit 1994 hilft Holger Walther Studenten der Humboldt-Universität psychologisch wieder auf die Beine - im letzten Jahr immerhin in mehr als 500 Fällen. Bei der Psychologischen Beratung des Berliner Studentenwerkes reicht das Angebot vom einfachen Beratungsgespräch über komplette Gesprächstherapien von 80 Stunden und mehr bis hin zur körperorientierten Gruppentherapie.Während eine Psychotherapie normalerweise mit erheblichen Kosten verbunden ist, gibt es sie gegen Studentenausweis vom Studentenwerk kostenlos.

Psychologisch-psychotherapeutische Beratungsstelle des Studentenwerkes, Bismarckstr.98, Tel.312 1047 oder Franz-Mehring-Platz 2, Tel.4219 7271, Sprechzeiten Mo-Do 9-16.30/Fr 9-15 Uhr.
15.02.97

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