Gesundheit : Wenn der Geist Wellen schlägt

NAME

„Als Studentin“, sagt die Frau, „musste ich Hirne sezieren – und da kam es schon mal vor, dass ein Hirnteilchen unter meinem Nagel stecken blieb. Ich fragte mich, was es wohl sein mochte, das ich mir da unter den Nagel gerissen hatte . . .“ Ein Stückchen Gedächtnis? Eine Gewohnheit? Die Erinnerung an einen schönen Sommertag?

Die Frau ist Susan A. Greenfield, Pharmakologin und Alzheimer-Spezialistin an der Oxford-Universität. Die Britische Botschaft in Berlin hatte sie am Mittwochabend eingeladen, um einen Vortrag zu einem anspruchsvollen Thema zu halten: „Wie bringt das Gehirn Bewusstsein hervor?“

Schon der kanadische Neurochirurg Wilder Penfield hatte in den 50er Jahren entdeckt, dass sich bewusste Wahrnehmungen und Erlebnisse hervorrufen lassen, wenn man das Hirn künstlich reizt.

Er stimulierte die Hirne von wachen Epilepsie-Patienten mit Elektroden, um herauszufinden, wo das epileptische Gewebe, das entfernt werden sollte, aufhört, und das gesunde Gewebe beginnt.

Einmal führte die Stimulation dazu, dass die Person plötzlich sah, wie ein Zirkuswagen vorbeifuhr. Andere hörten Stimmen oder sogar ein ganzes Orchester. Penfield konnte durch die Reizung kleiner Hirnbereiche ganz bestimmte Halluzinationen in der Person hervorrufen.

Aber was genau stimulierte Penfield? Nur eine Handvoll Hirnzellen? Oder führte die Reizung eines kleinen Bereichs dazu, dass die nun erregten Hirnzellen ihrerseits anfingen, andere Zellen zu zeigen?

Bisher weiß keiner, wie viele Zellen in unserem Kopf aktiv sein müssen, damit wir etwas erleben. „Ab wann tritt das Bewusstsein auf?“, fragt Greenfield und gibt eine vorläufige Antwort: Wir haben zwar das Gefühl, dass wir entweder Bewusstsein haben oder nicht. Bewusstsein – das ist eine Sache von alles oder nichts. „Aber ich glaube, dass Bewusstsein ein abgestufter Prozess ist, man kann mehr oder weniger davon haben.“

Susan Greenfields zentrale Hypothese ist, dass das Bewusstsein mit der Konnektivität des Gehirns steigt. Das heißt: Je mehr Verbindungen zwischen den Nervenzellen in unserem Kopf, um so mehr Bewusstsein.

Bei Kindern müssen sich die Verbindungen erst noch herstellen. „Ein Baby hat noch keinen ausgeprägten Geist“, sagt Greenfield. Erst mit zunehmender Erfahrung, verbinden sich die Nervenzellen miteinander, die Konnektivität steigt. Wird jetzt ein kleines Hirnteilchen aktiviert, dann breitet sich diese Aktivität ganz schell aus, ein Netzwerk wird erregt – Bewusstsein entsteht.

Es gibt Untersuchungen mit Ratten, die zeigen, wie wichtig eine anregende Umwelt für die Hirnverbindungen ist. So hat man eine Gruppe in einem öden Käfig aufwachsen lassen, während andere Nager in ihrem Käfig eine Tretmühle oder einen Tunnel hatten, „ein Ratten-Hilton“, sagt Greenfield. Als man anschließend die Hirne der Ratten untersuchte, zeigte sich: Die Hirnzellen der Ratten, die im „Hilton“ aufgewachsen waren, hatten weitaus mehr Verbindungsäste miteinander.

„Tragischerweise kann diese Konnektivität mit dem Alter wieder stark abnehmen“, sagt Greenfield. Und damit leidet dann auch das Bewusstsein. Beispiel: Alzheimer. Bei der Alzheimer-Krankheit sammelt sich „molekularer Müll“ in und an den Nervenzellen. Der „Alzheimer-Plaque“ zerstört die Zellen und die Verbindungen zwischen ihnen. Und der Mensch verliert wieder, was er in der Kindheit mühsam aufgebaut hat: seine Persönlichkeit, sein Ich, Teile seines Bewusstseins.

„Man kann es vergleichen mit einem Stein, den man ins Wasser wirft“, sagt Greenfield. Der Stein schlägt Wellen. Wenn im Hirn „ein Stein fällt“, dann schlägt er nur Wellen, wenn die Zellen miteinander verbunden sind. Ansonsten verpufft die Aktivität. Nach Greenfields Theorie befinden sich zum Beispiel auch schizophrene Patienten in einem Zustand, in dem das „geistige Wellenschlagen“ drastisch reduziert ist. Ihr Bewusstsein ist begrenzt, fixiert auf immer wieder kehrende Zwangsgedanken. Bas Kast

0 Kommentare

Neuester Kommentar