Gesundheit : Wenn der Spowi-Studi im Sturat Phrasen drischt

VEITH K.JÄNCHEN

Spowi, Studi, Stura - Wörter, die man auf dem Campus fast täglich hört.Sportwissenschaft und Studierendenrat sagt dagegen kaum jemand.Gibt es aber eine exklusive "Studentensprache"? Die Germanisten in Potsdam wollen es wissen.Unter der Leitung Elisabeth Berners und ihres Kollegen Karl-Heinz Siehr vom Institut für Germanistik der Universität Potsdam forschen Studierende eines Projektseminars zum Thema: "Studentensprache".

Die Germanisten einigten sich darauf, zuerst die Studierenden selbst nach den von ihnen wahrgenommenen Auffälligkeiten zu befragen.Erst im zweiten Teil des Projektseminars wird die tatsächliche Sprache der Studierenden von den Germanisten analysiert.

Über 80 Prozent der befragten 281 Studierenden sind davon überzeugt, daß in der Uni anders gesprochen und geschrieben wird als im Alltag, glauben aber nicht an eine besondere "Studentensprache".Trotzdem gaben 56 Prozent an, ein universitäres Spezialvokabular zu kennen und dieses zu nutzen.Abkürzungen und Kurzwörter wie Prof, Bafög oder Uni fallen jedem Studierenden sofort ein.Nach Auskunft der am Projekt beteiligten Diane Kruse, Lehramtstudentin Kunst/Germanistik im sechsten Semester, ist an der Uni vor allem die Fachsprachlichkeit der einzelnen Fachbereiche auffällig.Ebenso einleuchtend wie klar: Mathematiker sprechen und schreiben anders als Soziologen, benutzen ein fachspezifisches Vokabular, zumindest in ihren Lehrveranstaltungen und Hausarbeiten.

Auch ein gewisses bildungssprachliches Vokabular prägt den Sprachstil der Studierenden.Wörter mit Endungen wie -ieren, also publizieren, evaluieren, kommunizieren, haben es den Studierenden besonders angetan.Dennis Jacobs, Germanistikstudent im vierten Semester und Teilnehmer am Projektseminar "Studentensprache" erläutert: "Die Studierenden erlangen während ihres Studiums eine erhöhte Sprachkompetenz.Das heißt, sie gehen gewandter mit der Sprache um und erwerben ein gewisses Repertoire an Fremdwörtern.Gleichzeitig beklagen sie aber die inflationäre Verwendung von Fremdwörtern." Diane Kruse: "Wir haben beobachtet, daß die Bildungssprache oft als Phrasendrescherei genutzt und Pseudointellektualität vorgespiegelt wird." Elisabeth Berner berichtet von weiteren Forschungsergebnissen: "Die Mehrzahl der Studierenden bemüht sich, an der Uni eher hochdeutsch zu sprechen und jugend- und alltagssprachliche Elemente abzulegen.Ein kleiner Teil der Studis versucht allerdings, gegen diese bildungssprachlichen Elemente zu opponieren und spricht bewußt proletarisch."

Der Fragebogen der Studie erfragte aber auch den "Umfang sprachlicher Auffälligkeiten verschiedener Gruppen" an der Uni.Demzufolge werden Geisteswissenschaftlern deutlich mehr sprachliche Besonderheiten zugeschrieben als Studierenden der Naturwissenschaften.Neunzig Prozent der Befragten beobachten, daß ihre eigene Sprache sich im Verlauf des Studiums ändert.Nach Auskunft der Studie wird der Studierende nicht selten außerhalb der Uni darauf hingewiesen, sich nicht so "hochgestochen" auszudrücken.Oder er hört: "Du bist jetzt wieder zu Hause, du kannst normal mit uns sprechen."

Warum sprechen und schreiben Studierende anders als ihre Eltern oder gleichaltrige Auszubildende? Man könne so "effektiver" kommunizieren, sagen viele Befragte.Aber offenbar spielen auch Selbstdarstellung und Prestige eine Rolle: Ein hoher Prozentsatz der Studierenden schreibt diesen beiden Motiven eine hohe Bedeutung zu.Immerhin noch fünfzig Prozent der Befragten gaben an, mit dem gezielten Einsatz der Sprache auch Unsicherheiten überspielen zu wollen.

In den vergangenen Jahrhunderten fungierte die "Studentensprache" als "Sprachspender" für die Allgemeinsprache.Vielen Wörtern hört man noch heute den studentischen Ursprung an, um nur einige zu nennen: abgebrannt, blechen, Bude, büffeln, Spießer oder Katzenjammer.Die historische "Studentensprache" des 18.und 19.Jahrhunderts steht für die Sprache der Jugend dieser Zeit.Erstaunlich, rechnet man doch um 1800 nur mit 6000 bis 7000 Studiosi, die im allgemeinen zwischen 16 und 22 Jahren alt waren.Wenige und noch sehr junge Studenten also entwarfen ein Medium der Abgrenzung und Kommunikation.Seit dem 20.Jahrhundert gibt es eine allgemeine, wenn auch ausdifferenzierte Jugendkultur und -sprache.Studenten sind seitdem nur ein Teil der Jugend und ihrer Sprache.Die "Studentensprache" von heute hat ihre bedeutende Rolle als "Sprachspender" verloren.

Karl-Heinz Siehr wagt ein Fazit nach Abschluß der ersten Projektphase: "Die Studis sind in der Lage, in verschiedenen Momenten unterschiedliche Sprachregister zu ziehen." Es kommt aber nicht nur auf den Wortschatz an, sondern auch auf Sprachgebrauch und Stil und da gebe es "Anhaltspunkte für komplexe Besonderheiten".Dabei denken die Potsdamer Germanisten vor allem an die unzähligen studentischen Aushänge an der Uni und die studentischen Zeitungen.Im zweiten Teil des Projektseminars wird nun die gesprochene und geschriebene Sprache der Studenten so analysiert, wie sie tatsächlich existiert.Um es in der "Studentensprache" der vergangenen Jahrhunderte auszudrücken: Keine "Manschetten" und "flott" weitergeforscht!

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