Gesundheit : Wenn die Angst ins Leben tritt

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Von Rosemarie Stein

Mit ihrem Winzling, der gerade laufen lernte, sitzt eine Mutter in einem fremden Raum. Nach fünf Minuten steht sie plötzlich auf und macht die Tür hinter sich zu. Das alleingelassene Kind fängt sofort an zu schreien und stürzt zur Tür. Es beruhigt sich erst, als die Mutter wiederkommt. Dieselbe Versuchsanordnung, aber eine andere Mutter mit ihrem Kleinkind. Das bleibt so ruhig, als hätte es gar nicht gemerkt, dass sie den Raum verließ.

Welches dieser beiden Kinder fühlt sich sicherer? Das schreiende. Denn das andere blieb nur äußerlich ruhig. Alle physiologischen Messwerte zeigten extremen Stress an. Das sei typisch für Kinder, die eine nur unsichere Bindung an die Mutter haben, und dies lege den Grund für spätere psychosomatische Störungen, sagte der Kardiologe und Psychotherapeut Rolf Johnen (Calw/Baden-Württemberg). Denn durch eine starke Bindung an die Mutter (oder eine andere Bezugsperson) entwickle sich im ersten Lebensjahr ein Grundgefühl der Geborgenheit: Sicherheit fürs ganze Leben.

Johnen gehörte zu den Referenten des 27. Potsdamer Psychotherapie-Symposiums der „Brandenburgischen Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie“. Ihr Vorsitzender Dieter Seefeld (Potsdam/Neu Fahrland) begründete die Wahl des Themas „Das Gefühl der Sicherheit“: Eigentlich habe man sich nach früheren Tagungsthemen wie Angst, Werteverlust oder Gewalt wieder speziellen Fachfragen zuwenden wollen – „aber dann kam der 11. September“ – und später auch noch der Massenmord in einer Erfurter Schule.

Gerade die Psychotherapeuten hätten die starke Verunsicherung bei ihren Patienten zu spüren bekommen, sagte Seefeldt. Emotionale Sicherheit aber gehöre zu den wichtigsten Bedürfnissen. Der Potsdamer Professor erinnerte an den Begriff „Urvertrauen“, den Erik H. Erikson schon 1957 prägte und dem er als gegenteilige Befindlichkeit das „Urmisstrauen“ gegenüber stellte.

Anfällig für Störungen

Wem es an innerer Sicherheit fehle, der sei anfällig für Störungen, sagte Johnen. Wer zum Beispiel an chronischen Schmerzen ohne zureichende körperliche Ursache leide, der habe meist in der Kindheit emotionale Deprivation erfahren: Mangel an Zuwendung, Streit zwischen den Eltern bis zu Scheidung, Misshandlung oder sexuellem Missbrauch. Bei solchen Menschen sei das ohnehin schwach entwickelte Gefühl für Sicherheit durch den Einsturz der Twin Towers zutiefst erschüttert worden.

Auch Ärzte und Psychologen fühlen sich nicht so sicher wie die Patienten gern glauben, zeigte sich in einer einleitenden Gruppensitzung beim offenen Austausch über die eigene soziale Befindlichkeit. Sie sind zum Beispiel durch die Ökonomisierung des Gesundheitswesens verunsichert, und das überträgt sich sofort auf die Patienten. Auch durch übersteigerte Erwartung fühle man sich als Therapeut oft unsicher, sagte der Lübbener Kinder- und Jugendpsychiater Wolfram Kinze. „Der Guru muss es richten“, denken die Eltern, und der Therapeut fragt sich: „Kann ich überhaupt etwas machen?“

Bei Motivation auf beiden Seiten lässt sich sehr wohl etwas machen. Kinze empfahl eine individuelle und für den Patienten plausible Therapie „nach Maß“ unter Nutzung der wichtigsten Wirkfaktoren von Psychotherapie wie zum Beispiel: gute Beziehung zwischen Patient und Therapeut, Aktivierung der vorhandenen Resourcen des Patienten, Förderung seiner Unabhängigkeit, Konfrontation mit seiner individuellen Realität und schließlich Hilfe, damit zu leben. Das klingt bescheidener und realistischer, als von Bewältigungsstrategien zu reden. „Das hat schon was Martialisches“, meinte Kinze und wies darauf hin, dass auch die Psychotherapie ihren „Machbarkeitswahn“ habe.

Wertschätzung statt Machtausbau

Emotionale Sicherheit entstehe auch später im Leben eher durch Wertschätzung und verlässliche Bindungen als durch den Ausbau und die Demonstration von Macht, sagte die Internistin und Psychotherapeutin Gabriele Brunnemann (Hohen Neuendorf). Weil Gewalt nicht nur in der Politik, sondern schon in den Schulen Unsicherheit anzeigt, kommt es darauf an, problematische Schüler in ihrer Persönlichkeit zu stärken und Wege zur Konfliktlösung zu zeigen.

Die Ärztin entwickelt gerade ein Präventionsprojekt für Schulanfänger und Vorschulkinder samt Lehrern und Erziehern – gemeinsam mit der Polizei. Ihr Projektpartner Heinz Winkler (Oranienburg) konnte als Chef der Prävention im Polizei-Schutzbereich Oberhavel schon über positive Effekte der Arbeit in Schulen berichten.

Aufklärung über die Strafbarkeit von Gewalttaten nütze gar nichts, wohl aber ein Training der Sozialkompetenz, vor allem zur Konfliktbewältigung bei Schülern und Lehrern. Diese seien mit ihrer rein fachlichen Ausbildung auf einen kooperativen Umgang mit den Schülern überhaupt nicht vorbereitet und hätten „große Angst“ davor, nachdem mit der Wende die „Korsettstangen der alten Strukturen“ weggebrochen seien.

Die Schüler verrohten zunehmend, denn sie probierten alles aus, weil ihnen keine Grenzen gesetzt und sie nicht zur Übernahme von Verantwortung erzogen würden, meinte Winkler. Die Lehrer brauchten dringend fachliche Unterstützung durch Psychologen, was aber von den Verantwortlichen offenbar nicht gesehen wird. Laut Winkler war es schon ein Kunststück, eine zweistündige Weiterbildung für Lehrer ein Mal im Monat genehmigt zu bekommen.

Nach anderthalb Jahren zeigte sich der Erfolg: „Die Lehrer gehen jetzt gelassener an die Probleme heran und haben ein besseres Verhältnis zu den Schülern gewonnen.“

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