Gesundheit : Wenn die Kohle schon im Erdreich verglüht

Indien, China, USA, Australien: Überall brennen Lagerstätten unkontrolliert – Ingenieure orten versteckte Gefahrenherde

Klaus Jacob

Dichter Qualm zog über den Flughafen von Denver, behinderte den Flugverkehr und verpestete die Luft, sogar im klimatisierten Terminal. Rund 150 Kilometer entfernt, in den Rocky Mountains, brannte der Wald auf einer Fläche von mehr als 1000 Hektar. Die Ursache des Feuers im vergangenen Juni war diesmal keine weggeworfene Zigarette – der Auslöser war 100 Jahre alt: Damals, als die Brüder Wright gerade am ersten Motorflugzeug bastelten, gab es mehrere Schlagwetterexplosionen in den örtlichen Kohlegruben, bei denen 89 Bergleute starben. Danach wurden die Schachtanlagen aufgegeben und niemand kümmerte sich um die Kohlebrände, die vom Unglück entfacht worden waren.

Seitdem schwelt die Glut unter der Erde und erhitzt das Erdreich wie eine Fußbodenheizung. Im Winter schmilzt der Schnee, und bei Trockenheit drohen Waldbrände. Wie eine Lunte glimmt in der Tiefe die Steinkohle.

Kein Einzelfall: Fast überall, wo Kohle abgebaut wird, gibt es solche verborgenen Glutnester, die sich langsam durch das Gestein fressen. Kaum etwas kann sie stoppen. In Australien kokelt ein Berg mit dem Namen „Burning Mountain“ sogar seit 2000 Jahren. Meist entzündet sich die Kohle selbst: Wenn Sauerstoff Zutritt hat, kommt ein Oxidationsprozess in Gang, bei dem sich die Lagerstätte, der Flöz, bis zur Zündtemperatur aufheizen kann. Weltweit sind Hunderte Brände bekannt, vor allem in Indien, China und den USA.

Ihre Zahl hat mit der Intensivierung des Bergbaus erheblich zugenommen, denn durch Schachtanlagen strömt Sauerstoff in die Tiefe und schürt das Feuer. Allein im indischen Bundesstaat Bihar verbrennen jedes Jahr rund vier Millionen Tonnen Kohle, bevor sie gefördert werden. In China gehen sogar fast 20 Millionen Tonnen in Rauch auf. Weitere 200 Millionen Tonnen können nicht genutzt werden, weil der Bergbau einen Sicherheitsabstand von 100 Metern einhalten muss. Die chinesische Regierung beziffert die Verluste seit den fünfziger Jahren auf insgesamt 4,2 Milliarden Tonnen. Zum Vergleich: In Deutschland werden jährlich etwa 30 Millionen Tonnen gefördert.

Doch auch die Umwelt leidet. Bei den Schwelbränden werden große Mengen Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Methan und Schwefeldioxid frei, die dem globalen Klima zusetzen. Nach unterschiedlichen Schätzungen stammen zwischen 0,1 und 2 Prozent aller emittierten Treibhausgase aus wild brennenden Flözen.

Die lokalen Folgen sind noch schlimmer: Rauchschwaden, die aus Bodenritzen wabern, machen die Anwohner krank, verseuchen das Wasser und schaden der Vegetation. Sie verändern das chemische Milieu des Bodens und lassen das Grün absterben. Wenn die Kohle verbrannt ist, klaffen in der Tiefe Hohlräume, die über kurz oder lang einstürzen. Dann reißen Häuser auseinander, Straßen werden unpassierbar, und Schienen müssen gerichtet werden. 1995 starben in Indien 78 Menschen, als ein Fluss in ein abgesacktes Gebiet einbrach.

Die Chinesen kämpfen seit 40 Jahren gegen den natürlichen Schwund ihrer Ressourcen. Die Regierung hat sich die Brandbekämpfung bereits viele Millionen kosten lassen, steht aber noch immer am Anfang. Deutsche Experten greifen dem Land nun bei einem Projekt der Entwicklungshilfe mit Hightech unter die Arme. Die Deutsche Montan Technologie GmbH ortet die versteckten Brandherde, um die Löscharbeiten zu forcieren. „Das System funktioniert“, sagt Projektleiter Bodo Goerlich. Seine Mannschaft spürt mit Infrarotkameras warme Bodenareale auf und ermittelt mit digitalen Messfühlern bis in 100 Meter Tiefe die Gesteinstemperatur. Zudem sucht sie nach Unregelmäßigkeiten im Erdmagnetfeld und in der elektrischen Leitfähigkeit des Untergrunds, beides Indizien für Brände.

Je genauer die Diagnose, desto preiswerter die Therapie – das gilt in der Medizin ebenso wie im Bergbau. Schließlich ist das Löschen eine aufwendige Knochenarbeit: „400 Mann brauchen für die Bekämpfung eines durchschnittlichen Brandherds vier Jahre“, sagt Goerlich. Der Löschtrupp muss nicht nur die Glut ersticken, sondern auch die Sauerstoffzufuhr auf Dauer kappen, um ein erneutes Aufflackern zu verhindern. Nach dem Planieren des Geländes bohren die Männer zunächst im Zehn-Meter-Raster Löcher ins Erdreich und kühlen den Brandherd mit Wasser. Dann verschließen sie das Areal luftdicht mit einer Lehmschicht. Jeder Quadratmeter, den sie nicht bearbeiten müssen, spart Geld. Mit den exakten Vorgaben der deutschen Experten soll ein Einsatz nur noch drei Jahre dauern.

Doch nicht überall führen die Anstrengungen zum Erfolg. In der Stadt Centralia im Bundesstaat Pennsylvania haben die Behörden vor dem qualmenden Untergrund resigniert und alle rund 1100 Einwohner 1978 umgesiedelt. Denn die Löscharbeiten hätten mindestens 600 Millionen Dollar gekostet, weit mehr als die Evakuierung. Vor 40 Jahren hatte dort in einer stillgelegten Kohlegrube ein Abfallhaufen Feuer gefangen. Seitdem frisst sich die Glut unter der Stadt hindurch und ist kaum zu löschen, weil der Bergbau den Untergrund durchlöchert hat wie einen Schweizer Käse – anders als in China, wo meist unangetastete Flöze brennen.

Im klassischen Kohleland Deutschland muss sich zum Glück niemand mit solchen Problemen herumschlagen. Oberflächennahe Flöze, wie sie in China oder den USA brennen, sind hier längst ausgebeutet. Die Kumpel fahren tief in den Berg ein, wo ein ausgeklügeltes Bewetterungssystem nur wenig Sauerstoff an die Kohle gelangen lässt.

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