Gesundheit : Wenn die Luft dünn wird

Atemnot, Herzrasen und ständige Erschöpfung sind Alltag für Patienten mit Lungenhochdruck Zwei Brandenburgerinnen erzählen, wie sie mit der Krankheit leben, die oft spät entdeckt wird

Paul Janositz

Drei Treppenstufen. Eine Kleinigkeit, das kann doch jedes Kind. Doch für die 32-jährige Annett Miethe bedeutete das noch vor einem halben Jahr die totale Erschöpfung. Völlig außer Atem und durchgeschwitzt schleppte sie sich hinauf. Waren es die Spätfolgen der Schwangerschaft, der anstrengenden Geburt ihres Sohnes sechs Monate zuvor? Lag es am Stillen? Letzteres meinte jedenfalls die Hausärztin. „Sie riet mir dazu, abzustillen“, erzählt die junge Mutter. Doch das wollte Annett Miethe nicht. Dann kam die Schilddrüse in Verdacht. Aber auch Hormonkuren brachten keine Besserung.

„Meine Frauenärztin sagte, ich müsse mich mehr bewegen, dann komme der Kreislauf wieder in Schwung“, erzählt Annett Miethe, die verzweifelt versuchte, diesen Rat zu befolgen. Doch der Chefsekretärin, die vor der Schwangerschaft noch problemlos fünf Kilometer joggte, liefen jetzt schon beim Spazierengehen Ströme von Schweiß über den Körper, sie japste nach Luft. Schweren Herzens stillte sie ab. Es half nichts. Dann schwollen Beine und Arme an, Wasser hatte sich eingelagert. Der Kardiologe, zu dem sie jetzt geschickt wurde, vermutete eine Lungenembolie und überwies sie ins Krankenhaus. Zu Weihnachten wurde sie entlassen, um im Januar wieder in die Klinik Beeskow eingeliefert zu werden. Glücklicherweise erkannte hier eine junge Ärztin, wo das Problem liegen könnte und überwies die geschwächte Patientin nach Marzahn ins Unfallkrankenhaus Berlin (UKB).

„Dann ging es ganz schnell“, erzählt Annett Miethe. Im Gespräch wirkt sie heute fröhlich. Damals war ihr zum Heulen zumute. Im UKB wurde ihr Herz per Ultraschall und Katheder untersucht, das Blut getestet, der Lungendruck gemessen. Dann stand die Diagnose fest: Pulmonale arterielle Hypertonie (siehe Kasten).

„Lungenhochdruck, was ist denn das?“, fragte sich Annett Miethe. Sie hatte Internet am Bett und recherchierte. Neben dem großen Blutkreislauf, der den Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, gibt es einen zweiten, kleineren Kreislauf. Hier wird das sauerstoffarme und mit Kohlendioxid beladene Blut in die Lunge gepumpt. In den feinen Kapillargefäßen findet ein lebenswichtiger Gasaustausch statt: Das Blut nimmt den eingeatmeten Sauerstoff auf und gibt Kohlendioxid ab, das ausgeatmet wird. Ist der Druck in diesem Lungenkreislauf dauerhaft erhöht, werden die Lungengefäße und schließlich auch das Herz schwer geschädigt.

Annett Miethe erschrak, als sie las, dass oft nur eine Herz- oder Lungentransplantation helfen könne. Die Krankheit sei nicht heilbar, ende oft tödlich. War das ihr Schicksal? Franz Xaver Kleber, Direktor der Klinik für Innere Medizin am UKB, konnte sie beruhigen. „Dank neuer Medikamente ist die Prognose mittlerweile recht gut“, sagt er.

Die Krankheit ist selten. Von der idiopathische Form zählt man etwa zehn bis 20 Fälle pro eine Million Menschen. Die anderen Formen, denen körperliche Ursachen oder Medikamente zugrunde liegen, sind um ein Vielfaches häufiger. Im Marzahner Kompetenzzentrum werden ein paar hundert Patienten betreut, die zum Teil auch von weit außerhalb des Berlin-Brandenburger Einzugsgebiets anreisen.

Während früher die Hälfte der Patienten binnen weniger Jahre gestorben sei, überlebten heute neun von zehn Patienten diesen Zeitraum, sagt Kleber. „Mittlerweile gehen Patienten, die wir schon seit fünf und mehr Jahren betreuen, einem normalen Beruf nach und sind im Alltag nahezu beschwerdefrei.“

Soweit ist Annett Miethe noch nicht. Sie musste lernen, mit Einschränkungen zu leben. Sie kann noch nicht wieder arbeiten, aufs Joggen muss sie für immer verzichten. Doch sie freut sich, wieder längere Strecken spazieren gehen und mit der Kollegin zwei Stunden am Stück telefonieren zu können. „Das wäre vor Kurzem nicht möglich gewesen“, sagt sie. Sie sei viel zu kurzatmig gewesen.

Die Luftknappheit ist Folge des erhöhten Drucks in den Lungenarterien. Die Gefäßwände werden dicker und verlieren an Elastizität. Das erschwert den Gasaustausch und beim Atmen wird weniger Sauerstoff aufgenommen. Die rechte Herzkammer versucht, das Defizit durch größere Pumpleistung auszugleichen, und vergrößert sich. Diese Überbeanspruchung kann zu Herzschwäche und letztlich zu Herzversagen führen.

Mit modernen Medikamenten versuchen Ärzte, diesen Ablauf frühzeitig zu unterbrechen. „Der Druck sinkt, wenn es gelingt, die Gefäße zu entspannen“, sagt Kleber. Eine geeignete Substanz ist Sildenafil, ein Wirkstoff, der aus der Therapie von Potenzschwäche bekannt ist. Ebenfalls gefäßerweiternd wirken körpereigene Stoffe, die Prostaglandine. Werden Medikamente, die dieses Prinzip nachahmen, inhaliert, können sie direkt in der Lunge wirken. Die Gabe ist auch intravenös möglich oder mit einer Mini-Pumpe, die unter die äußere Hautschicht implantiert wird. Andere Wirkstoffe hemmen die Bildung körpereigener Substanzen, die das Signal zur Gefäßverengung geben. Für den optimalen Erfolg müsse man häufig Kombinationen von Medikamenten geben, sagt Kleber.

Das ist auch bei Helga Gerlach* der Fall. Sie war früher Leistungssportlerin. Ihre 71 Jahre sieht man ihr nicht an. Seit 2006 lebt sie mit der Diagnose Lungenhochdruck. Sie litt damals schon eine Zeitlang unter starken Schmerzen in den Beinen. Dann kam Luftnot hinzu. Die Ursache blieb lange unklar. „Die Fachärzte zuckten nur mit den Schultern“, sagt Gerlach. Als sie zu Hause nicht mehr „drei Treppen“ steigen konnte, brachte sie ihr Mann ins Krankenhaus. Dort stellte man eine starke Vermehrung der Blutplättchen fest. Diese verursachen einen Blutstau in der Lunge, was den Druck steigen lässt. Die Schmerzen in den Beinen, die nichts mit der Lunge zu tun haben, seien geblieben, erzählt Gerlach. Der Lungenhochdruck werde aber mit der Kombination zweier Medikamente gut therapiert. Sie habe allerdings lernen müssen, ihre Grenzen zu akzeptieren. Körperliche Anstrengung soll sie meiden. „Ich kann nur langsam gehen, sonst bekomme ich keine Luft mehr“, erzählt sie. Bei der Hausarbeit helfen Mann und Tochter. Ein einwöchiger Urlaub an der Nordsee hat ihr sehr gut getan. „Wenn ich 20 Jahre jünger wäre und hätte die Krankheit, wir hätten unser Haus verkauft und wären an die See gezogen“, sagt die Seniorin.

Ans Umziehen denkt Annett Miethe nicht. Sie macht sich Gedanken über den Wiedereinstieg in den Beruf. „Mal sehen, wie belastbar ich bin“, sagt sie. Jetzt ist sie erstmal froh, dass sie die einstündige Autofahrt von Bad Saarow nach Marzahn alleine geschafft hat. Einmal im Quartal sucht sie die Spezialsprechstunde auf. Auf dem Laufband muss sie zeigen, wie belastbar sie ist. „Heute waren die Ergebnisse ganz gut“, sagt sie.

„Die meisten unserer Patienten haben eine Odyssee hinter sich“, sagt UKB-Experte Kleber. Denn Atemnot, die Lungenhochdruck kennzeichnet, ist ein Symptom, das bei vielen Krankheiten auftritt. Wenn der Arzt weder Herzschwäche noch eine Lungenerkrankung feststellt, hakt er den Fall oft als Folge von Stress ab. Dabei sei Lungenhochdruck relativ einfach beim Abhören am Klang des zweiten Herztons zu erkennen. Mit einer Ultraschalluntersuchung (Echokardiografie) könne der Arzt dann den Druck in der Lungenarterie abschätzen. „Das nimmt nur zehn Minuten in Anspruch und ist auch nicht teuer“, sagt Kleber. Wird die Krankheit früh erkannt, lassen sich die schlimmen Folgeschäden an Lunge und Herz weitgehend vermeiden.

* Name von der Redaktion geändert

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