Gesundheit : Wenn einer keine Reise tut

Hemmt das Bachelorstudium den europäischen Austausch von Studierenden?

Johannes Edelhoff

Der Student der Zukunft ist ein echter Europäer. Er kennt die Uni in Sevilla wie die in Athen, Warschau oder Helsinki. Als die europäischen Bildungsminister 1999 in Bologna versprachen, bis 2010 einen gemeinsamen Hochschulraum schaffen zu wollen, ging es ihnen vor allem um die Mobilität. Im Mai des vergangenen Jahres bekräftigten die Politiker auf einer Konferenz im norwegischen Bergen, den internationalen Austausch durch die Bachelorstudiengänge verdoppeln zu wollen. Doch noch liegen Welten zwischen dem Traum vom europäischen Hochschulraum und der Wirklichkeit. Ja, an deutschen Hochschulen befürchtet sogar mancher, die neuen verschulten Studiengänge könnten die Mobilität nicht fördern, sondern im Gegenteil hemmen.

„Ich habe massive Probleme, Plätze los zu werden“, sagt etwa Jürgen van Buer. Der Prüfungsausschussvorsitzende des Instituts für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität schickt immer weniger Studierende ins Ausland. Fast gleich null seien die Chancen, dass ein Bachelorstudent ein Semester nach Spanien geht, wenn van Buer ihm die Möglichkeit dazu anbietet, sagt er. Magister- und Diplomstudenten seien da mobiler gewesen. Der Grund: ihr Studium war flexibler, Zeitverluste wurden hinten rangehängt.

Das neue sechssemestrige Bachelorstudium ist deutlich straffer organisiert. Am Ende jedes Semesters absolvieren die Bachelor sogenannte Modulabschlussprüfungen, die direkt in die Abschlussnote eingehen. Wer die Prüfungen wegen eines Auslandsaufenthalts verpasst, verliert schnell ein ganzes Jahr. Eigentlich sollten die Studienleistungen aus dem Ausland anerkannt werden. Das ist allerdings gar nicht immer möglich. Manche Fachrichtungen der Erziehungswissenschaften zum Beispiel, wie etwa Wirtschaftspädagogik, sind spezifisch auf das deutsche System zugeschnitten. Äquivalente Kurse gibt es im Ausland kaum. Aber auch bei Studiengängen, die international vergleichbare Inhalte haben, hapert es oft bei der Anerkennung.

Zwar gibt es eine gemeinsame europäische Leistungswährung, die den Arbeitsaufwand und die Noten an verschiedenen Unis in Europa vergleichbarer machen soll: das European Credit Transfer System (ECTS), das deutsche Noten in europäische Punkte („Credit Points“) umrechnet. Eine gute Note aus Lissabon müsste somit auch als gute Note in Berlin gelten und direkt in die Abschlussnote einfließen können. Doch: „Das System sagt nichts über Standards und Qualität aus“, beanstandeten unlängst Bildungsexperten auf einer Konferenz des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD). Die Credit Points würden je Hochschule national wie international unterschiedlich skaliert. So erkennen die Prüfungsämter in Deutschland die im Ausland erbrachten Leistungen längst nicht immer an. „Sie entscheiden häufig noch zu pingelig“, meint Joachim Baeckmann, Leiter des Studierendenservice der HU. Die Leitungen der drei großen Berliner Unis empfehlen ihren Prüfungsämtern, so großzügig wie möglich zu entscheiden.

Statistisch ist das Bild bundesweit geteilt. Eine Umfrage des DAAD im letzten Herbst ergab, dass 18 Prozent der 1362 befragten Leiter von Bachelor-Studiengängen der Meinung waren, die Mobilität in diesen Studiengängen sei zurückgegangen; 17 Prozent registrierten jedoch eine größere Mobilität, die Mehrheit (44,8 Prozent) konnte keine Veränderung erkennen. Zwar gehen die meisten Studiengangsverantwortlichen (45 Prozent) davon aus, dass die studentische Mobilität in den kommenden fünf Jahren zunehmen wird. Doch immerhin rechnen 13 Prozent damit, dass die Mobilität im Bachelorstudium sinken wird. Unter diesen Pessimisten sind besonders viele Leiter von Studiengängen in den Natur- und Geisteswissenschaften und der Lehrerausbildung.

Für den Bologna-Beauftragten der FU, Wolfgang Mackiewicz, ist ein Mentalitätswechsel notwendig, um die Mobilität zu verbessern. Statt auf den Inhalt der Veranstaltung sollten Unis bei der Anerkennung eher auf die vermittelten Methoden achten. „Was soll der Student am Ende seines Studiums können? Diese Frage sollten sich die europäischen Universitäten gemeinsam stellen und so näher zueinanderfinden, ohne ihr eigenes Profil aufzugeben“, sagt Mackiewicz. Bis dahin sei es ein weiter Weg. Bis alles reibungslos funktioniert, dauere es 15 Jahre – mindestens.

Und selbst dann wird Europa seinen Traum noch nicht erreicht haben. Die DAAD-Studie rechnet damit, dass die Studierenden in Zukunft nicht mehr wie in den alten Studiengängen sechs bis zwölf Monate lang ins Ausland gegen, sondern höchstens ein Semester oder weniger. Kürzere Auslandsaufenthalte könnten aber eine geringere „persönliche und fachliche Wirkung“ entfalten, befürchtet der DAAD. In jedem Fall sei die Anerkennung von Studienleistungen „noch stark verbesserungsfähig“.

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