Gesundheit : Wenn Patienten schwindeln

Manche Menschen schaden sich selbst, um ins Krankenhaus zu kommen. Oft ist Einsamkeit die Ursache

Nicola Siegm,-Schultze

Fast jeder hat sich irgendwann schon eine „schöne Krankheit“ gewünscht oder eingebildet, um Problemen oder unangenehmen Aufgaben zu entfliehen. Olli Dittrich, der dieses Jahr mit seiner Band Texas Lightning beim Eurovision Song Contest in Athen auftrat, kann davon offenbar ein Lied singen. „Ich bildete mir ein, ich hätte eine schwere Krankheit und würde daran zugrunde gehen“, gestand Dittrich kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“, als er von einigen unglücklichen Berufsjahren nach seiner Lehre als Theatermaler an der Hamburger Staatsoper berichtete.

Der „heilsame Schock“ kam in Gestalt eines Arztes: Der wollte ihn nicht mehr untersuchen, Dittrich sei organisch gesund. Der Entertainer wandte sich daraufhin den realen Problemen seines Lebens zu – mit einigem Erfolg, wie seine TV-Comedy „Dittsche“ zeigt.

Schätzungen zufolge glauben aber zwei Prozent der Patienten, die Haus- oder Hautärzte aufsuchen, nicht nur, sie seien krank. Sie verursachen vielmehr Krankheiten und Symptome selbst. Abszesse, eitrige Furunkel, Wundheilungsstörungen, Unterzuckerung, Überfunktion der Schilddrüse, Herzbeschwerden bis zum „Vernichtungsschmerz“ eines Herzinfarktes: Fast alles, was sich vortäuschen lässt, wird auch gemacht, um sich in die Hand eines Arztes begeben zu können. Häufig kommen die „Mimen“ am Wochenende zur Klinik und schildern dramatisch die Krankheitszeichen. In der Hektik des Notdienstes steigen die Chancen, stationär aufgenommen werden.

Oft wird die Täuschung erst nach vielen Krankenhausaufenthalten und intensiver Behandlung des vorgespielten Leidens erkannt, sagt der amerikanische Psychiater Marc D. Feldman aus Birmingham. Je länger das „Krankenhauswandern“ anhält, desto geringer werden die Chancen, dass Psychiater den selbst schädigenden Teufelskreis durchbrechen.

Denn nicht nur eigene Manipulation am Körper, auch die Therapien, die dann veranlasst werden, können Schäden hervorrufen. In den USA sind Ärzte von „Scheinpatienten“ deshalb schon auf Schadensersatz verklagt worden – mit Erfolg. Außerdem binden die eigentlich überflüssigen Untersuchungen und Behandlungen Personal und verursachen teilweise hohe Kosten. Das Forschungsgebiet von Feldman ist auch in Deutschland ein medizinisch, psychologisch, ethisch und juristisch vermintes Gelände. Der Weg zur richtigen Diagnose und zum angemessenen Umgang mit Betroffenen wird zur heiklen Gradwanderung.

Das wichtigste Statement von Feldman richtet sich an die verbitterte und enttäuschte Umgebung: Wer Anzeichen einer Krankheit erzeugt oder sie gar selbst auslöst, ist wirklich krank – nicht körperlich, sondern seelisch. Das unterscheidet die Betroffenen von Simulanten und Hypochondern (siehe Kasten). Menschen mit artifizieller Störung können ihr Verhalten längst nicht mehr steuern.

Wie die 31-jährige Rhonda. Als sie mit ihrer Ausbildung zur Krankenpflegerin beginnt, trägt sie eine Beinschiene und hinkt – bleibendes Relikt eines schweren Autounfalls, wie sie erzählt. Dann erkrankt ihre Mutter an Krebs und stirbt, kurz darauf wird sie vergewaltigt, fühlt sich wenig später schwanger und erleidet eine Fehlgeburt.

Es ist alles gelogen, aber immer wieder nimmt sich eine Betreuerin Rhondas Sorgen an und bewundert, wie sie trotz der Schicksalsschläge ihr Lernpensum absolviert. Schließlich gibt Rhonda vor, Brustkrebs zu haben, erzeugt Übelkeit und Erbrechen, nimmt stark ab, sucht verschiedene Ärzte auf. Als ihr Lügengebäude nach vielen Monaten zu komplex geworden ist, fliegt der Schwindel auf.

Feldmans Diagnose: Rebecca hat eine artifizielle Störung. Die Patientin hat ihre Umwelt zwar über längere Zeit bewusst getäuscht, ist aber noch beruflich und sozial integriert – im Unterschied zum weniger häufigen, aber gravierenderen Münchhausen-Syndrom. Patienten mit dieser Störung manipulieren oder verletzen ihren Körper oft noch intensiver und richten um ihre vorgespielte Krankheit ein geradezu phantastisches Lügengebäude auf, wie einst im 18. Jahrhundert Freiherr zu Münchhausen.

Die Lügen beginnen oft schon bei den Personalien: Arzt oder Krankenhaus bekommen falsche Namen und Adressen. Haben Menschen mit Münchhausen-Syndrom – häufiger sind es Männer als Frauen – ihr Ziel Klinikaufnahme erreicht, fallen sie dort als Störer auf, die sich schlecht behandelt fühlen und die Station plötzlich auf eigenen Wunsch verlassen. Sie lassen eine Spur ständiger Beziehungsabbrüche hinter sich.

Menschen mit artifizieller Störung sind häufiger Frauen als Männer, sie sind sozial angepasster und stammen oft aus Gesundheitsberufen. So wie Feldmans Patientin Rebecca, eine 30jährige Laborangestellte. Sie erzeugte durch regelmäßigen Aderlass eine Blutarmut, die zu Ohnmachtsanfällen und Schwächezuständen führte. Erst als deutlich wurde, dass sich die Blutarmut besserte, wenn Rebecca im Krankenhaus und damit unter ständiger Kontrolle war, und wieder schlechter, wenn ein niedergelassener Arzt die Frau betreute, schöpften die Mediziner Verdacht.

Blut spielt bei dieser Krankheit ohnehin eine große Rolle. Manche Patienten nehmen Gerinnungshemmer ein, um Blutungen zu erzeugen, oder schlucken Blut, um Blut zu husten oder Herz-Lungenbeschwerden zu erzeugen. Andere bringen bakterienverseuchte Lösungen durch die Haut ins Blut ein und verzögern anschließend die Wundheilung durch Einreiben von Kot. Medizinische Kenntnisse und der Zugang zu Medikamenten sind für solche Manipulationen natürlich Voraussetzung.

Die meisten Menschen können sich solche selbstschädigenden Täuschungsmanöver schlicht nicht vorstellen. Auch Ärzte vertrauen zunächst jenen, die Rat suchen. Darum werden Täuschungen meist lange nicht aufgedeckt. Aber warum tun Menschen so etwas überhaupt? Motive seien die Suche nach Aufmerksamkeit und Zuwendung von Mitmenschen, Angstabbau, Anerkennung, Rückzug und Regression, analysiert Feldman. Für manche sei es zusätzlich reizvoll, sich intellektuell mit Ärzten zu messen.

Deshalb sollte der Arzt rechtzeitig eigenen Zweifeln nachgehen. Wenn eine Krankengeschichte ungewöhnlich ist oder sich ein behauptetes Leiden mehrfach nicht bestätigen lässt, sollten Ärzte die Krankenakten intensiv studieren und mit Kollegen Kontakt aufnehmen, die die Patienten vorher behandelt haben, rät Feldman. Häufig tauchten bei den Patienten auch psychiatrische Diagnosen in der Vorgeschichte auf.

Hellhörig werden sollten Ärzte außerdem, wenn Patienten rasch fordern, ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, wiederholt Testergebnisse in Zweifel ziehen, die gegen die Krankheit sprechen, Verschlechterungen exakt voraussagen, häufig von Klinik zu Klinik und Arzt zu Arzt gewandert sind, isoliert zu sein scheinen und keinen Besuch in der Klinik bekommen, sinnvolle Therapien boykottieren und natürlich, wenn sich Befunde als selbst erzeugt erweisen.

Wie aber sollte der Arzt mit dem Patienten über seinen Verdacht oder die Gewissheit sprechen? Feldman empfiehlt eine „unterstützende Konfrontation“, damit der Patient sein Gesicht wahren kann und nicht gleich empört den Raum verlässt. Zum Beispiel kann der Arzt sagen: „Wir müssen davon ausgehen, dass Sie Ihre Krankheit selbst erzeugen, wenn die nächste Therapie nicht hilft.“ Diese könne auch eine Massage oder Placebobehandlung sein.

Es gehe zunächst darum, die Selbstmanipulationen zu stoppen, sagt Feldman. Dann könne der Arzt versuchen, den Patienten zu einem psychiatrischen Kollegen zu überweisen, möglichst mit Erfahrung auf diesem Gebiet, eventuell auch zu einer Familientherapie. Wichtig sei, dass die Umwelt in diesen Patienten nicht den berechnenden Simulanten sehe oder den kriminellen Betrüger. Sondern bedürftige, meist einsame Menschen, denen die Kontrolle darüber, was sie sich und anderen antun, längst entglitten ist.

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