Gesundheit : Wenn schon Tradition, dann mit Talar

Uwe Schlicht

Es gibt wenige Universitäten in Deutschland, die 500 Jahre alt sind, und es gibt noch weniger Universitäten, die Jubiläumsfeiern im Glanz des historischen Gepränges wagen. Am 18. Oktober des Jahres 1502 wurde die Universität Wittenberg gegründet und im kommenden Oktober gibt es sie seit 500 Jahren. Was für ein Anlass für die Beschwörer akademischer Traditionen. Zur feierlichen Eröffnung des Jubiläumsjahrs marschierten die Rektoren und Dekane im Talar am Reformationstag durch Wittenberg.

Seit 1968 haben die meisten Universitäten in Westdeutschland die Talare in die Schränke verbannt: "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren", hieß damals die Polemik der Studenten. Anders im Osten: Nach der Wende hatten die Universitäten den dringenden Wunsch, an alte Traditionen anzuknüpfen. Das war auch ein Stück Verdrängung - man sprang direkt in die Zeit vor dem Nationalsozialismus zurück und sprach sich aus der Vergangenheit Mut zu.

Ruhm durch Martin Luther

Jedes Jubiläum ist dazu gerade recht. Schon 1994 feierte die Universität Halle das 300-jährige Bestehen. Die vereinigte Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nimmt jetzt ihr 500-jähriges Bestehen zum Anlass, an eine große Tradition zu erinnern. Als Martin Luther im Jahre 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug und damit die Reformation einläutete, hatte er auf einen akademischen Brauch zurückgegriffen: die Eröffnung einer Disputation durch Thesen. Die Schlosskirche war damals das Auditorium maximum der Universität Wittenberg und die Eingangstür das "schwarze Brett" für Hochschulmitteilungen. Die Universität Wittenberg wurde dank der Reformation in kurzer Zeit in Europa ein Begriff. Dafür sorgten der Professor für Moraltheologie Martin Luther und Philipp Melanchthon. Dem großen Humanisten ist es mit zu verdanken, dass Wahrheitssuche und Bildung durch Wissenschaft bis heute als die Grundsätze der Universitäten gelten. Melanchthon hatte seiner Antrittsvorlesung im Jahr 1518 das Motto gegeben: "Wage es, weise zu sein". 200 Jahre später knüpfte der Philosoph der Aufklärung an der Universität Halle, Christian Wolff, an diesen Satz an und ergänzte ihn durch die Aussage, "nichts ohne zureichenden Grund für wahr zu halten".

Kein Wunder, dass bei dieser Tradition 500 Jahre später die Universität Halle-Wittenberg die Hochschulreform zum Thema einer Disputation machte. Die Hochschulreform wird im Osten besonders kritisch gesehen. Überhaupt nicht verstehen es die Wissenschaftler, dass der neue Staat von Sparauflage zu Sparauflage schreitet. Und nun sollen auch noch die bewährten Studiengänge mit dem Diplom und Magisterabschluss durch die neuen internationalen Bachelor und Master ersetzt werden. Das widerspricht der geheiligten Tradition und der Tatsache, dass im Osten schneller studiert wird als im Westen.

Die Hochschulreform als wissenschaftliche Disputation? Das ist eine seit dem Mittelalter nach festen Regeln ablaufende Diskussion zwischen Gelehrten. Sie unterscheidet sich von Talkshows im Fernsehen wie das von Regeln bestimmte Fechtturnier von einer Wirtshausschlägerei. Die Kontrahenten blieben sich nichts schuldig: Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) ist ein so radikaler Reformer aus dem Westen, dass er die "entfesselte Hochschule" auf seine Fahnen geschrieben hat. Er konstatiert nüchtern, der von den Konservativen hoch gehaltene Grundsatz, dass die Universitäten für die Grundlagenforschung zuständig seien und die Fachhochschulen nur für die angewandte Forschung, sei überholt. Die schrecklichen Prestige- und Machtkämpfe zwischen Universitäten und Fachhochschulen um diese Fragen sieht Müller-Böling eher als Zeitverschwendung und Ablenkung von den eigentlichen Aufgaben an: die Chancen der neuen Studiengänge mit dem Bachelor und Masterabschluss als große Befreiung zu begreifen, weil damit der echte Wettbewerb zwischen den Universitäten und Fachhochschulen sowie zwischen dem In-und Ausland erst eröffnet worden ist. Den Hochschulhonoratioren rief Müller-Böling zu: Wenn sie weiter nur auf den Staat setzen, "werden sie unterfinanziert bleiben". Die Hochschulen müssten daher selbst Geld einwerben und Studiengebühren erheben.

Volker Bigl, Rektor der Universität Leipzig, versuchte als Konservativer aus dem Osten erneut den Staat in die Pflicht zu nehmen: Man müsse den Politikern klar machen, "dass Wissenschaft ihren Preis hat und man nicht unendlich viele Studenten immer besser ausbilden kann und gleichzeitig die Zuwendungen an die Universitäten immer weiter kürzt". Der Mediziner Bigl hielt das erwartete Plädoyer für die Aufrechterhaltung der Grundlagenforschung und er fragte, ob man in Deutschland wirklich auf gestufte Studiengänge mit dem Bachelor und Master setzen solle, während sich die Universitäten in den Vereinigten Staaten wieder auf durchgehende Studiengänge besinnen würden.

Was hat die Universität Halle-Wittenberg angesichts dieser so kontrovers diskutierten Fragen getan? Sie setzt zaghaft auf erste Studiengänge mit dem Bachelor und Master. Trotz ihrer großen Geschichte öffnet sie sich der Ansiedlung von Technologie- und Gründerzentren im Umkreis der Naturwissenschaften und der Medizin. Das Biozentrum in Halle ist ein großzügiger Glas-Stahlbau geworden mit Labors, Gewächshäusern und Platz für Firmengründungen unter einem Dach. Allein im Biozentrum haben sich 16 Firmen angesiedelt mit 148 Mitarbeitern. Große Hoffnungen setzt Halle auf die Kombination von Biomedizin und Informatik - hat doch die Entschlüsselung des Genoms so viele Daten hervorgebracht, dass die künftige Krankenbehandlung nur dann gelingen kann, wenn die Datenflut mit Hilfe der Informatiker für den Arzt handhabbar gemacht wird.

Die Hoffnung, dass Wissenschaft Arbeitsplätze schafft, gilt auch für Halle. Vier Sonderforschungsbereiche, bei denen die Martin-Luther-Universität den Sprecher stellt und drei weitere Sonderforschungsbereiche, an denen die Universität beteiligt ist, zeugen fürErfolge in der Wissenschaft. Sie sind auch dem länderübergreifenden Dreierbund mit den Universitäten in Jena und Leipzig zu verdanken. 44 Millionen Mark an eingeworbenen Drittmitteln dürften nicht das letzte Wort sein.

Nehmen und geben

Die Zahl der Studenten nimmt zu. Selbst in einem Jahr, in dem ein ganzer Abiturientenjahrgang wegen der Umstellung von 12 auf 13 Jahre bis zum Abitur in Sachsen-Anhalt ausgefallen ist, stieg die Zahl in Halle-Wittenberg auf 14 300 Studenten - das sind 300 mehr als zuvor. Ein Drittel von ihnen kommt inzwischen aus dem Westen oder dem Ausland.

Es ist üblich, bei Jubiläen Geschenke zu verteilen. Ministerpräsident Reinhard Höppner versprach der Universität als Morgengabe Stipendien für 40 Nachwuchswissenschaftler. Auf der anderen Seite nimmt das Land Sachsen-Anhalt der Universität 400 Stellen. Das Sparprogramm schlägt auf die Studienplätze durch: Gleich nach der Wende wollte Sachsen-Anhalt 44 000 flächenbezogene Studienplätze anbieten. Heute gelten nur noch 33 000 als erreichbar. Wie in Sachsen, Brandenburg oder Berlin beruft sich Ministerpräsident Höppner auf die zurückgehende Zahl der Landeskinder - als ob die alleinige Versorgung der im Lande geborenen Jugendlichen für Hochschulen ein Maßstab sein könnte. Eigentlich sollen sie sich heute mehr denn je international und national öffnen. Vielleicht könnten die Länder im Osten den Bevölkerungsschwund dadurch ausgleichen, dass sie an ihre Hochschulen Studenten aus dem Westen holen, damit sie dort unter wesentlich günstigeren Betreuungsverhältnissen gut und schneller ausgebildet werden können als im Westen. Solch eine vorausschauende Politik ist für Höppner aber solange kein Anreiz, wie die westlichen Bundesländer dafür kein Geld transferieren. Dabei hat allein die Stadt Halle nach der Wende schon 80 000 Einwohner verloren.

Das ist eine zwiespältige Perspektive für das Jubiläumsjahr. Schließlich gibt es auch Geschenke: Das klassizistische Hauptgebäude der Universität Halle aus dem Jahr 1834, am Portal flankiert von zwei Löwen, wird restauriert. Das Trabbi-Einheitsgrau aus DDR-Zeiten im Festsaal ist leuchtendem Grün und Weinrot als Farbgrund für die Wandmalereien aus der "Odyssee" und "Ilias" gewichen. Die vergoldeten Ornamente leuchten in neuem Glanz. Der Platz vor dem "Löwengebäude" öffnet sich künftig mit einer breiten Freitreppe zur Stadt - früher stand hier eine trennende Mauer. Den Platz runden moderne Gebäude ab: Das neue Auditorium maxmimum hat derselbe Architekt entworfen, der schon das architektonische Juwel der juristischen Bibliothek geschaffen hat. Halles Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler spricht bereits vom "schönsten Universitätsplatz Europas".

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