Gesundheit : Wenn Studenten zu viel forschen

Abschlussarbeiten werden immer umfangreicher. Aber auch kürzere Wege führen zum Ziel

Tilmann Warnecke

Gut zwei Jahre dauerte es, bis aus der ersten Idee eine 140-Seiten-Arbeit wurde, der Drucker die letzte Seite ausspuckte und Doris Bulach ihr Werk ins Prüfungsamt brachte. In der Zeit trödelte die Mediävistin nicht etwa, sondern arbeitete emsig am Fortschritt der Arbeit über die Beziehungen zwischen Zisterzienserklöstern und Städten im mittelalterlichen Vorpommern: Bulach sichtete regalweise Literatur, wälzte Quellenbände und stieg in Archive, in der Hoffnung, unter bisher ungedruckten Urkunden und Akten weiteres Material für ihre Arbeit zu finden.

Schön, wenn jemand so intensiv an seiner Dissertation arbeitet. Wenn es aber, wie in diesem Fall, eine ganz normale Magisterarbeit im Fach Geschichte ist? In den Geistes- und Sozialwissenschaften können die meisten von Bulachs Kommilitonen ähnliche Examens-Epen erzählen. „Viele Magisterarbeiten sind qualitativ sehr hochwertig“, sagt Ernst Baltrusch, Althistoriker an der Freien Universität Berlin (FU). „Bei manchen Arbeiten ist es bedauerlich, dass sie nicht als Promotion eingereicht werden. Denn die Studenten werden Schwierigkeiten haben, darauf noch eine Dissertation zu setzen“, meint Michael Kämper-van den Boogaart, Germanistik-Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Auch Klaus Landfried, ehemaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, merkte kürzlich an, dass heutige Abschlussarbeiten früheren Dissertationen entsprechen. „Und das ist wirklich ein Problem“, findet Baltrusch.

„80 Seiten nicht überschreiten“

Hervorragende Examensschriften ein Problem? Das klingt paradox, zumal Nachrichten von exzellenten Nachwuchsleistungen im Pisa-geschüttelten Deutschland eher selten vorkommen. Dennoch gibt es gute Gründe für die Annahme, dass junge Germanisten, Historiker, Philosophen oder Sinologen ruhigen Gewissens schmalere Werke einreichen könnten.

In vielen Prüfungsordnungen steht inzwischen, dass „Magisterarbeiten den Umfang von 80 Seiten nicht überschreiten“ und in fünf bis sechs Monaten fertig sein sollen – von dem Tag an, an dem die Studenten das Thema ihrer Arbeit erfahren. Inoffiziell wählen die Magistranden ihr Thema aber selbst aus und werkeln bereits Monate, wenn nicht Jahre an ihrer Aufgabe, bevor sie die Arbeit beim Prüfungsamt anmelden. Je länger und ergiebiger sie forschen, desto schwerer fällt es ihnen, ihr Thema pragmatisch einzugrenzen. Außerdem werden Magisterarbeiten vor allem in Massenfächern wie der Germanistik nicht ausreichend betreut. Den Hochschullehrern fehlt die Zeit, dem Nachwuchs Grenzen zu setzen. Vor allem eines müssten sie vermitteln: Dass der Umfang einer Arbeit nicht ihr wissenschaftliches Gewicht erhöht.

Wenn dann das wissenschaftliche Lebenswerk der jungen Kollegen vor ihnen liegt, haben viele Professoren Hemmungen, Nein zu sagen. Die längste Magisterarbeit, die Historiker Baltrusch annahm, umfasste stolze 300 Seiten. Dabei war ihm klar, dass in einer Magisterarbeit eine abgegrenzte Fragestellung in einem angemessenen Rahmen bearbeitet werden soll. „Aber ablehnen kann man die Arbeiten natürlich auch nicht“, sagt Baltrusch.

Viele überlange Magisterarbeiten erfüllen tatsächlich den wissenschaftlichen Anspruch an eine Dissertation. „Für den wissenschaftlichen Betrieb sind sie trotzdem verloren“, sagt Gunter Gebauer, Direktor des Instituts für Philosophie an der FU. Denn die meisten Arbeiten enden – trotz der neuen Vermarktungsmöglichkeiten (siehe Kasten) – noch immer im Regal der Institutsbibliothek. So entsteht Wissenschaft zum Wegwerfen: Nicht einmal die Experten nehmen die Ergebnisse mangels Publikation zur Kenntnis. „Ökonomisch gesehen ist das eine Verschwendung von Ressourcen“, sagt Gebauer.

Der Trend zur Examensarbeit de Luxe erscheint Außenstehenden umso merkwürdiger, da Hochschüler und Dozenten gute Gründe dagegen ins Feld führen könnten. Ein Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen, wird für Studierende unmöglich, wenn alleine die Vorbereitungszeit auf das Abschlusswerk ein oder mehr Semester in Anspruch nimmt – die Prüfungsordnungen aber normalerweise ein einziges Semester für Abschlussarbeit und Examensprüfungen zusammen veranschlagen. Auch die Professoren brauchen für die Korrektur der umfangreichen Abschlussarbeiten zu lange.

Der oft jegliche Maßstäbe übersteigende Arbeitsaufwand gerät dabei zum „Selbstläufer“, wie Bulach es nennt. „Man sieht, wie viel Zeit die Kommilitonen in ihre Arbeit stecken und eifert ihnen nach“, sagt die Mittelalterexpertin.

Der Philosophie-Professor Gebauer glaubt, dass die unsichere Berufsperspektive seine Studierenden zu den Höchstleistungen treibt. Da viele davon ausgehen, nie einen fachbezogenen Job zu bekommen, „wollen sie wenigstens die Magisterarbeits-Phase nutzen, um zu zeigen, dass sie was können“.

Die Naturwissenschaftler plagt das Problem der jahrelang dauernden Examensarbeit selten. Das hat oft praktische Gründe: In Fächern wie Chemie oder Physik gehören zur Diplomarbeit Experimente, die die Examenskandidaten im Labor durchführen. Da Laborplätze und Materialien nur begrenzt zur Verfügung stehen, müssen sich Studierende sputen, um Platz für die nächsten Prüflinge zu machen.

Zudem geben häufig Professoren oder Doktoranden ein Thema vor, während Geisteswissenschaftler frei entscheiden. Das motiviert den Prüfling erfahrungsgemäß mehr als ein vorgesetztes Sujet, lädt zu einer endlosen Recherche allerdings geradezu ein. HU-Germanist Kämper-van den Boogaart plädiert deswegen dafür, die zwar übliche, aber in keiner Prüfungsordnung festgelegte freie Themenwahl der Studierenden etwas einzuschränken: „Studenten sollten damit rechnen können, dass ihr Thema vom Prüfungsamt geändert wird.“

Alles besser mit dem Master?

Mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen würden die Erwartungen an Abschlussarbeiten wohl ohnehin sinken, meint Kämper-van den Boogaart. In den neuen Studienordnungen sollen die Umfänge begrenzt werden. In einem Entwurf der Freien Universität heißt es, Hauptseminararbeiten sollten nicht mehr als 20 Seiten, Bachelor-Arbeiten nicht mehr als 30 und Master- Arbeiten maximal 80 Seiten haben. Diese Vorgaben sollen im Rahmen des Leistungspunkte-Systems verbindlich sein.

Doris Bulach arbeitet derweil an ihrer Promotionsschrift. Es droht ein neues Langzeitprojekt zu werden. Denn wenn Magisterarbeiten Dissertationen glichen, steige der Anspruch auch an die Doktorarbeit. Ihr Vater, ein Germanist, schrieb seine Promotion noch innerhalb eines Jahres und „war total entsetzt, als er hörte, dass es heutzutage mindestens drei Jahre dauert“.

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