Gesundheit : Wer das Kreuz trägt, segnet sich damit

Berlins Wissenschaftssenator a.d.

TURNERS THESEN

zu Bildung und Politik

Im Zuge der Maßnahmen zur Reform der Renten soll ein Privileg fallen, das Akademiker begünstigt: Ausbildungszeiten sollen nicht mehr auf die Anwartschaftszeiten bei der Berechnung der Rente angerechnet werden. Das Geschrei ist groß. Man kann sich nur wundern, was alles als Argument herhalten soll. Da wird lamentiert, der Wirtschaftsstandort Deutschland sei in Gefahr, weil eine entsprechende Regelung vom Studium abschrecken würde und wir doch ohnehin zu wenig Akademiker hätten; junge Menschen würden bei der Gegenüberstellung ihrer Rentenansprüche, je nachdem ob sie studierten oder nicht, sich für eine Ausbildung im dualen System entscheiden, weil eine akademische Karriere nicht mehr lohnend sei; wer im Interesse der Gesamtheit ein Studium auf sich nähme, müsse dafür belohnt werden. So viel Unsinn in konzentrierter Form hat man schon lange nicht mehr gehört.

Wenn Zwanzigjährige in der Tat Überlegungen anstellen, wann sie die bessere Alterssicherung haben, kann man ihnen nur dringend raten, kein Studium aufzunehmen, und zwar nicht wegen eines Minus bei den Rentenbezügen, sondern weil sie offenbar derart „vorgealtert“ sind, dass sie am besten gleich in den Ruhestand gehen sollten. Ihnen fehlt dann offenbar jegliche Initiative, Risikobereitschaft und Dynamik – Merkmale, die für ein erfolgreiches Studieren Voraussetzungen sind.

Die Möglichkeit, ein Studium zu absolvieren, stellt immer noch einen Vorzug dar. Dies gilt nicht nur, weil es die Chance vermittelt, sich einem Fach zu widmen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, sondern auch, weil der Arbeitsmarkt dies honoriert. Es sind nicht nur die in aller Regel besseren Verdienstmöglichkeiten, sondern auch das geringere Risiko, arbeitslos zu werden, ganz abgesehen von dem höheren Sozialprestige, das Absolventen von Hochschulen genießen. Da ist es schon zumutbar, wenn ein Privileg fällt.

Wenn jetzt so vehement für die Erhaltung gestritten wird, verdeutlicht das wieder einmal, dass diejenigen, die das Kreuz tragen, sich als erste segnen. Es sind ausnahmslos Akademiker aus Parlamenten und Parteien, die sich stark machen. Sie sind selbst immer ihre beste Lobby. Dabei kann leicht ein Vorurteil zur Wirklichkeit werden, dass nämlich Angehörige nicht-akademischer Berufe sich zurückgesetzt und übervorteilt sehen. Die Zusammensetzung der Parlamente und die Führungszirkel der Parteien sind „akademisiert“. Das ist sicher auch eine Folge des rasanten Anstiegs der Studentenzahlen seit Beginn der sechziger Jahre und der folgenden Zunahme von Hochschulabsolventen in allen Bereichen. Diese Personenkreise sehen zunächst ihre eigenen Anliegen. Das mag man ja noch hinnehmen. Dass aber der Maßstab derart verloren geht, muss erschrecken. Wenn Kleinrentner einen spürbaren Verzicht leisten müssen, weil sie ihren Anteil zur Pflegeversicherung selbst erbringen müssen, kann wohl niemand Verständnis dafür erwarten, dass angehende Akademiker ihren Sonderstatus behalten sollen.

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