Gesundheit : Wer die Welt regiert

Intellektuelle fürchten einen neuen amerikanischen Imperialismus

Amory Burchard

„Schwindelig“ wird es Jürgen Kocka angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert. Die globale Szenerie nach dem Krieg gegen den Irak sei „politisch nicht mehr beherrscht“, sagt der Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Ob die Situation wenigsten intellektuell beherrschbar sei?, zweifelt Kocka und reicht die Frage weiter an ein mit Kollegen besetztes Podium. Nach diesem Muster diskutiert das akademische Berlin derzeit auf wechselnden Bühnen.

Eines zumindest wird im WZB und an zwei Abenden im Potsdamer Einstein Forum klar: Die Wissenschaftler haben die Orientierung nicht verloren. Aber was sie sehen, könnte schlimmer kaum sein. Imperiale Strategien der US-Regierung, Selbstdemontage der Vereinten Nationen – und keine Hoffnung auf eine starke EU als Moderatorin. Reihum stehen die großen Drei am Pranger.

Amerika, ein Mythos hat Schaden genommen. Walther Stützle, Publizist und Staatssekretär im Verteidigungsministerium a. D., hat vor dem Rathaus Schöneberg gestanden, als Kennedy ausrief: „ … ich bin ein Berliner.“ Die Zeiten, als man Seite an Seite stand, seien nun vorbei, sagt Stützle. Das Rechtsgebäude, für das die USA für Generationen von Deutschen symbolhaft standen, „ist fundamental eingerissen worden.“

Michael Zürn, Politikwissenschaftler an der Universität Bremen, fragt sich, ob die Intervention im Irak eine Rückkehr zu Kriegen im nationalen Interesse bedeute? Eher nicht, sagt Zürn. Sicher, zu den „legitimen“ neuen Kriegsgründen – humanitäre Interventionen, Reetablierung der Demokratie und Intervention gegen den internationalen Terrorismus – habe die Bush-Regierung nach dem 11. September einen vierten konstruiert: die Intervention gegen einen „Schurkenstaat“, der Massenvernichtungswaffen verstecke. Dabei wollten sich die USA nicht vom Völkerrecht befreien, sondern „es umschreiben, um Handlungsfreiheit zu erhalten“.

Zürns Podiumsnachbar, der Harvard-Historiker Charles Maier, nennt es „Ausnahmepolitik“ und hofft, dass sie zeitlich begrenzt sei – auf die Amtszeit Georges Bush’. Derzeit allerdings verhielten sie die USA „wie Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg: zwischen Arroganz der Macht und Anfälligkeit“.

Den strengsten Schuldspruch fällt der ehemalige UN-Waffeninspektor Scott Ritter im Einstein Forum: „Die US-Politik ist durch Unilateralität begründet. Der Irak war nur ein Vorwand, um die Welt zu regieren.“ Dahinter stehe ein „Konzept des amerikanischen Imperialismus“. Ritter, Republikaner und Golfkriegs-Veteran, legte 1998 sein Amt im Protest gegen die Sanktionspolitik nieder – nachdem „99,5 Prozent der irakischen biologischen und chemischen Waffen gefunden und vernichtet“ waren. Aber das wollte ihm in den USA niemand glauben. Auch den Rest der Welt beschuldigt Ritter: Die UN, Europa und auch Asien hätten Amerika nichts als ein Vakuum entgegenzusetzen.

Die Vereinten Nationen, noch ein Ideal, das keines mehr ist. In Potsdam erklärten die US-Philosophin Joy Gordon und Hans von Sponeck, ehemaliger Direktor des UN-Programms „Öl für Nahrungsmittel“, warum. Für Gordon sind die gegen Irak verhängten Sanktionen „eine Waffe der Massenvernichtung“. Von Sponeck sieht wegen der Sanktionen „die UN am Völkermord beteiligt“.

Am nächsten Abend ist der Ankläger, der Berliner Historiker Heinrich August Winkler, moderater. Neben ihm sitzt ein starker Verteidiger Amerikas. Krasser Völkerrechtsbruch, imperiale Bestrebungen, europäischer Widerstand gegen eine drohende unipolare Weltordnung? Der Herausgeber und Chefredakteur der Zeit, Josef Joffe, wirft Winkler vor, antiamerikanische Ressentiments zu vertreten. Man könne nun einmal nicht sagen: „Ich mag Amerika, aber nicht das Regime.“ Präsident Bush sei frei gewählt. Und schon vor ihm hätten die USA mit ihrer gewaltigen militärischen, wirtschaftliche und kulturellen Macht, als „Rammbock der Moderne“ eine Herausforderung gewesen, mit der der Rest der Welt zurechtkommen müsse. Niemand könne die USA davon abzuhalten, Präventivkriege im Namen der Menschenrechte und gegen den Völkermord zu führen, sagt Joffe unter vehementen Protest der Zuhörer. Als er den Zug nach Hamburg besteigt, sind die tief besorgten Amerika-Skeptiker wieder unter sich.

Die globale Lage wird auf unbestimmte Zeit unbeherrschbar bleiben. Aber die Sozialwissenschaftler scheinen angetreten zu sein, zu zeigen, wie „produktiv“ sie sind. Ihr Produkt heißt Orientierung. Und es gibt ein großes Publikum, das ihnen das abkauft; auch wenn die Aussichten finster sind.

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