Gesundheit : Wer die Zeichen zu deuten weiß

Die Indus-Hochkultur gibt viele Rätsel auf. Eins davon lautet: Hatte sie eine Schrift?

Hubertus Breuer

Wer Geschirr zerschlägt, schafft sich keine Freunde. Noch dazu, wenn es sich um den heiligen Gral einer Wissenschaftsdisziplin handelt. Doch daran dachte der Historiker Steve Farmer nicht, als er bei einem Kongress in Boston zum ersten Mal den Verdacht äußerte, die unentzifferte Schrift der geheimnisvollen Induskultur sei gar keine. Die Zivilisation war vor 4000 Jahren in Teilen des heutigen Pakistan und Indien beheimatet. Sie gehört mit der der Ägypter und Sumerer zu den drei großen Hochkulturen der Frühzeit.

Farmers These bewirkte einen Aufschrei im Kreis der versammelten Gelehrten. Sie brachte ihm reichlich Feinde ein – bis hin zu Hindu-Nationalisten, die darin einen Angriff auf ein Symbol früher indischer Größe sehen. Doch der Experte für Manuskripte früher Hochkulturen hält an seiner Ansicht fest.

Ägyptologen haben Pyramiden und Königsgräber, an denen sich ihr Herz erfreut – sowie schmucke Hieroglyphen, die ihnen erlauben, die Geschichte des alten Volkes nachzubuchstabieren. Experten für die Sumerer dürfen an Euphrat und Tigris die ältesten Städte der Menschheit ausbuddeln und anhand von Keilschrifttexten das Auf und Ab des Großreichs rekonstruieren. Indusgelehrte dagegen müssen ohne große Monumente auskommen. Bisher fanden die Archäologen die Reste von einigen Großstädten, die auf dem Reißbrett geplant scheinen, raffinierte Bewässerungssysteme und Kanalisationsanlagen, wie sie danach erst die Römer wieder zuwege brachten. Und sie kennen die Fragmente einer Schrift, die sich ihnen hartnäckig verweigert – seit 130 Jahren.

So lange haben zahlreiche Dechiffrierer vergeblich versucht, den Code der teils bildhaften, mehrheitlich jedoch abstrakten Zeichen zu knacken. Man findet sie auf Steinsiegeln, Tontäfelchen, Töpferware und Amuletten. In einem Forschungsbericht, der im Dezember im „Electronic Journal of Vedic Studies“ erschien, schreiben Farmer und zwei konvertierte Mitstreiter, der deutsche Indologe Michael Witzel von der Universität Harvard und der Computerlinguist Richard Sproat von der Universität Illinois: Die erhaltenen Zeichenfolgen seien zu kurz, um eine Schrift darzustellen. Dazu entsprächen die Häufigkeiten einzelner Zeichen nicht jenen Mustern, die allen Schriften eigen sind. Im Deutschen gibt es zum Beispiel häufige Buchstaben wie „e“ und „n“ und seltene wie „q“ und „x“. Stattdessen schlägt das Trio vor, die Zeichen seien Symbole, die dem Gebrauch von Wappen entsprächen oder eine rituelle Bedeutung hätten.

Die Indus-Zivilisation präsentiert sich als großes Mysterium. Von 2600 bis 1900 vor Christus florierte die Kultur entlang des Indusstromes auf einem Gebiet größer als die damaligen Reiche der Ägypter oder Sumerer. Nach 700 Jahren verschwand sie vom Erdboden. Während Bibel, Griechen und Römer uns von den anderen Hochkulturen berichten, fiel sie dem Vergessen anheim.

1852 plünderten britische Kolonialbeamte in Indien ohne Skrupel alte Ruinen und schleppten Millionen Ziegel für eine Eisenbahnstrecke fort. Siebzig Jahre später staunten Archäologen über die zurückgebliebenen Reste. Es schienen Zeugen einer unbekannten Hochkultur zu sein. Sie entdeckten in Harappa, etwa 150 Kilometer südwestlich von Lahore, eine Stadt, in der über 40 000 Menschen gelebt hatten. Ihr Straßennetz glich einem Gitternetz, ein schlichter Würfelbau reihte sich an den anderen, raffinierte Abwasserkanäle durchzogen die Stadt.

Ihre Nachfolger haben seither über 1500 Siedlungen in Nordwestindien und Pakistan aufgespürt, eine im nördlichen Afghanistan. Alle sind sich ähnlich. Die gesichtslose Einförmigkeit macht die bronzezeitliche Gesellschaft umso interessanter: „Sie ist historisch ohne Beispiel“, erklärt Harvard-Forscher Richard Meadow, Leiter der Ausgrabungen in Harappa. So kannten die Indus-Menschen offenbar keine Kriege. Ihre Großstädte kamen ohne Verteidigungsanlagen aus, offenbar auch ohne Militär – selbst Waffen finden sich kaum. Ihre Verstorbenen bestatteten sie ohne Beigaben. Auch prunkvolle Sakralbauten für religiöse Zwecke fehlen. Mächtige Könige wie Babylons Nebukadnezzar oder als Gott verehrte Pharaonen wie Ramses waren den Bewohnern der Ziegelstädte ebenso fremd wie Paläste für die herrschende Klasse.

Die mysteriösen Zeichen erschienen Generationen von ratlosen Forschern als Ansatzpunkt, um die Rätsel der Induskultur zu knacken. Erste Zeichen tauchen um das Jahr 3300 vor Christus auf – zur selben Zeit, als die ersten Hieroglyphen und die frühe Keilschrift entstehen. Es gibt abstrakte Symbole, andere muten bildlich an, erinnern an einen Fisch, Pflug, an ein Rad oder Gefäß. Die Vertreter der Schrifthypothese berufen sich auf den optischen Eindruck. „Die lineare Struktur und die Anzahl genormter Zeichen erinnern an Schrift“, sagt der Indusgelehrte Bryan Wells.

Farmer und Co. dagegen betonen, dass die Inschriften im Schnitt kaum fünf Zeichen umfassen; selbst die längste zähle nur magere 17 Zeichen. In den meisten Fällen, so Farmer, repräsentierten die Zeichen wohl Götter, dienten rituellen Zwecken oder markierten, wie Wappen, den Besitz einflussreicher Familien. Vielleicht waren manche Tafeln auch eine Art Gutschein: Viele Exemplare finden sich nicht in Häusern oder auf Marktplätzen, sondern zerbrochen auf Abfallhalden – als wären sie plötzlich ungültig geworden. „Wie zerstörte Kreditkarten“, vergleicht Ausgräber Meadows.

Trotz des Schriftdilemmas hoffen die Gelehrten, noch viel über das mysteriöse Volk vom Indus herauszufinden. An 90Fundstellen graben sie fieberhaft. Farmer, Witzel und Sproat haben übrigens einen Preis über 10 000 Dollar für denjenigen ausgeschrieben, der eine Zeichenfolge der Induskultur entdeckt, die mehr als fünfzig Symbole enthält. „Wir sind uns sicher“, sagt Farmer keck, „dieses Geld müssen wir nie auszahlen.“

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