Gesundheit : Wer ermutigt wird, schafft die Schule

Studie zum Lernerfolg von Migrantenkindern

Andrea Dernbach

Der Schulerfolg von Migrantenkindern hängt nicht nur von der Sprache ab, sondern auch davon, ob man ihnen gute Leistungen überhaupt zutraut. In einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) weist die amerikanische Psychologin Janet Ward Schofield auf die erheblichen Folgen der „Stereotypen-Gefahr“ („stereotype threat“) hin: Die Schüler wissen – genau wie ihre Lehrer – dass die soziale Gruppe, der sie angehören, intellektuell als wenig leistungsfähig gilt. „Ein Kind muss nicht einmal selbst daran glauben, auch sein Lehrer nicht“, sagt Schofield. „Es genügt, dass es weiß, dass es diese Stereotypen gibt.“ Entsprechend halten Kinder aus Migrantenfamilien weniger von ihren Fähigkeiten und auch ihre Lehrer erwarten wenig und ermutigen sie kaum. Verfestigt werde der Abwärtstrend noch, wenn gute Schüler von leistungsschwachen getrennt würden: Die „schwache“ Gruppe, etwa eine Hauptschulklasse, bilde Standards aus, die so niedrig seien, dass sie keine Anreize zum Lernen hätte. Die Folge: Die Schüler schöpften ihre Möglichkeiten nicht aus.

Gegen die negativen Folgen von Stereotypen und geringen Erwartungen empfehlen Schofield und ihre Kollegen vom WZB Lehrerfortbildung. Man habe bei Schülern deutlich bessere Leistungen feststellen können, nachdem ihre Lehrer in einem mehrwöchigen Seminar gelernt hatten, die Stereotypen-Falle zu meiden. Und in US-Klassen verbesserten sich die schwarzen Schüler um 30 Prozent, nachdem sie Selbstbestätigung erfahren hatten. In erster Linie aber setzen die Forscher auf das Ende der starken Leistungsdifferenzierung: „Sie vergrößert den Abstand zwischen oben und unten dramatisch“, sagt Schofield – im deutschen Schulsystem womöglich mehr als anderswo: „In Deutschland“, heißt es in der Studie des WZB „könnten Erwartungseffekte besonders schwerwiegende Konsequenzen haben, da Kinder relativ früh, also wenn Erwartungseffekte eine stärkere Rolle spielen als zu einem späteren Zeitpunkt, auf die unterschiedlichen Schultypen der Sekundarstufe aufgeteilt werden.“ Die Leistungslücke zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft sei ein Problem vieler Länder, sagt Schofield, aber: „In Deutschland ist sie derzeit groß.“

Möglichkeiten einer Reform sehen die deutschen Fachleute allerdings mit Skepsis. Die Jenaer Sozialpsychologin Amélie Mummendey verwies auf den Widerstand vieler Eltern gegen die Gesamtschule, die unter der „Abkehr derer, die es sich leisten konnten“, gelitten habe. Dabei gebe es keine „Evidenz in der Forschung“, dass gute Schüler schlechter würden, wenn sie mit schwächeren lernten, sagt Karen Schönwälder, Leiterin der WZB-Arbeitsstelle „Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration“.

Die Ergebnisse der Studie könnten dagegen nicht nur den Schulerfolg von Migranten verbessern helfen. Die „Stereotypen-Gefahr“, die in der Ausgrenzung negativ bewerteter sozialer Gruppen mündet, trifft auch andere Minderheiten: Frauen, Alte und sozial Schwache, die „Unterschicht“.

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