Gesundheit : Wer für Sie da ist, wenn keiner mehr da ist

Der Halbgott in Weiß ist tot - es lebe der Therapeut und Treuhänder. Eine Erwiderung

Günther Jonitz

Der Berliner Internist Michael de Ridder hat an dieser Stelle am 4. April unter der Überschrift „Ärzte ohne Grenzen“ seinen eigenen Berufsstand heftig kritisiert, ihm Mangel an Professionalität und Profitdenken vorgeworfen. Heute antwortet ihm Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin.

Die Kritik Michael de Ridders an den Ärzten ist allenfalls zum Teil gerechtfertigt. Denn die Ärzte sind nicht schuld an den Problemen, mit denen wir heute konfrontiert sind. Die meisten von ihnen leisten gute Arbeit. Der Fehler steckt im System.

War vor 200 Jahren Krankheit praktisch immer Schicksal und konnte der Arzt den Patienten lediglich begleiten, so ist die Leistungsfähigkeit der modernen Medizin enorm. Krankheit ist in sehr vielen Fällen abwendbares Schicksal. Nicht nur Infektionen sind meist behandelbar, auch Tumorerkrankungen führen beileibe nicht mehr schicksalhaft und unausweichlich zum Tode. Mit den medizinischen Errungenschaften wurde die Behandlung kranker Menschen erfolgreich. Das Ansehen der Ärzte wuchs mit seinen Möglichkeiten, Kranke zu heilen und Menschen ein längeres Leben zu geben.

Die Erfolge der Medizin waren gleichzeitig die Keimzelle ihres eigenen Fluches. Gute Medizin macht in immer weniger Fällen Kranke gesund. Dafür erhält sie Kranke länger am Leben. Beispiel Zuckerkrankheit: In den 60er Jahren starb ein Diabetiker selbstverständlich nach fünf bis zehn Jahren Krankheit. Insulin war zwar bekannt, aber noch nicht breit in der Anwendung. Diabetikern steht heute ein Arsenal an Therapien zur Verfügung, Diät, Medikamente, Insuline, Insulinpumpen, bald gibt es Insulin als Nasenspray. Auch die Komplikationen der Zuckerkrankheit können erfolgreich behandelt werden.

Die „Fortschrittsfalle der Medizin“ besteht darin, dass mit ihrem Erfolg die Zahl der chronisch Kranken zunimmt. Gleichwohl möchte niemand gerne auf die Errungenschaften der modernen Medizin verzichten.

Zu jeder Uhrzeit bereit

Das Prinzip der Patientenversorgung beruht auf dem außerordentlichen Engagement von Ärzten. Wir sind für sie da, wenn etwas schief gelaufen ist. Soziale Konflikte, ungesunder Lebensstil, mangelnde Betreuung im Alter – was immer an Lebensumständen krank macht, führt früher oder später in die Arztpraxis oder in die Rettungsstelle. Egal zu welcher Uhrzeit. Wir haben nicht nur das Gefühl, gebraucht zu werden. Wir werden gebraucht. Der Patient möchte exakt von seinem Arzt und exakt in diesem Moment der Behandlung Hilfe. Der Arzt gewährt diese Hilfe, nach bestem Wissen und Gewissen und persönlich verantwortlich.

Dies alles bringt Leben und kostet Geld. Dass diese Leistungen für kranke Menschen erbracht werden können, ist ein Verdienst und ein Qualitätsmerkmal der Gesellschaft.

Mit den Möglichkeiten der modernen Medizin stiegen die Erwartungen der Patienten, der Öffentlichkeit und der Justiz. Der Göttinger Philosoph Odo Marquardt definierte dies als das „Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste“: Je weniger jemand unter etwas zu leiden hat, desto mehr leidet er unter dem Wenigen. Heute am Meniskus operiert, übermorgen auf der Skipiste. Und wenn etwas nicht so funktioniert, wie es gewünscht war, wird geklagt. Gerne wird außer Acht gelassen, dass der Mensch keine Maschine ist und allen Heilsversprechen zum Trotz nicht einfach repariert werden kann.

Die Krise der Medizin hat somit mindestens drei immanente Ursachen. Erstens: Die Leistungsfähigkeit der modernen Medizin führt in die Unübersichtlichkeit. Was hilft denn nun wirklich, in meinem speziellen Fall? Diese Frage des Patienten bleibt oft unbeantwortet. Zweitens: Die Anspruchshaltung führt zwangsläufig in die Enttäuschung. Wer absoluten Erfolg erwartet oder erhofft, wird absolut enttäuscht werden. Medizin bietet keine völlige Sicherheit vor Lebens- oder Krankheitsrisiken. Sie kann sie minimieren, aber nicht abschaffen

Die dritte Ursache ist das Organisationsprinzip. Probleme in der Patientenversorgung wurden durch besonderen Einsatz der Ärzte (man denke an die Arbeitszeiten im Krankenhaus) oder durch mehr Geld gelöst. Dieses Prinzip des persönlichen Einsatzes hat zur Ausbeutung im Krankenhaus und manchmal zur Selbstüberschätzung geführt.

Der amerikanische Soziologe Eliot Freidson hat dieses Verhalten als „klinische Mentalität" bezeichnet. Es bedeutet, dass der Arzt im Krankenhaus im Zweifelsfall handelt, „wie auch immer der Stand des Wissens ist, eigene Erfahrung und Bauchgefühl alles ist, und, solange alles gut geht und die Patienten dankbar sind, er sich nicht durch abstrakte Erwägungen irritieren lässt“. Aber diese Geisteshaltung führt zu Isolation und Zersplitterung, zurück auf die Stufe von Jägern und Sammlern. Sie muss durch systematische und bessere Patientenversorgung abgelöst werden.

Auch in einem System, in dem gute Ärzte gute Arbeit leisten und in dem Versorgungsziele gemeinsam angegangen werden, wird der engagierte Arzt Dreh- und Angelpunkt der Versorgung sein. Er bleibt die wichtigste Person im Leben eines kranken Menschen.

Aber die Krise hat auch politische Gründe. Neues Geld durch wachsende Wirtschaftsleistung ließ Krankenhäuser entstehen und machte neue Therapien bezahlbar. Leider sind die Finanzquellen versiegt.

Nun droht ein Systemwechsel. „Zerschlagung der Kassenärztlichen Vereinigungen“, „Liquidierung einer fachärztlichen Versorgung auf freiberuflicher Basis“ und „Förderung der hausärztlichen Versorgung“ sind Überschriften eines SPD-Papiers aus dem Jahre 1996. Dies wird derzeit umgesetzt.

Und die Ärzte? Die Ärzte haben gestöhnt. Aufbegehrt haben sie nie. Belastungen sind sie ja gewöhnt und gelernt, Rechenschaft über Tun abzulegen, haben sie nicht, allenfalls intern, bei Visiten oder Fallkonferenzen. Wer in Zeiten des Mangels sein Handeln nicht transparent machen kann, hat schnell den schwarzen Peter. Das nutzt die Politik aus. Wer als „Abrechner von Toten“ in der Zeitung steht, kann sich kaum verteidigen.

Die Ärzte leiden im Stillen. Sie stimmen mit den Füßen ab. Die Jungen gehen ins Ausland, wo man zumindest das Gefühl hat, willkommen zu sein. Die Älteren gehen in den Vorruhestand. Man reagiert auf äußere Umstände. Der politische oder gesellschaftliche Einfluss der Ärzteschaft ist leider gering.

Hieb mit der Moralkeule

Es ist leicht, wie de Ridder es tut, die Moralkeule zu schwingen und auf „die Ärzte“ zu schimpfen. Dabei wird vergessen, dass die Spielregeln das Spiel bestimmen, nicht die Spieler. Wer beim Fußball Fouls verbietet, diese aber nicht ahndet, darf sich nicht wundern, dass jeder faire Spieler bald vom Platz getragen wird. Wenn im Krankenhaus Finanzierungsmechanismen regieren, die vor allem Menge honorieren, steht selbst beste ärztliche Ethik vergebens dagegen. Wenn die Gebührenordnung für Ärzte so veraltet und überfrachtet ist, dass selbst Eingeweihte kapitulieren und Staatsanwälte in der überwiegenden Zahl der „Betrugsfälle“ eingestehen, dass es an der Gebührenordnung liegt und die Verfahren einstellen, ist das System krank – und nicht der Arzt schuld.

Fragen wir uns, was dazu beiträgt, dass der Arzt seine Patienten gut behandeln und betreuen kann. Kasteiung und Selbstkasteiung zählen nicht dazu.

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