Gesundheit : Wer Hindenburg eine Null nennt

Vor siebzig Jahren ließen die Nazis den streitlustigen und hellsichtigen Philosophen Theodor Lessing ermorden

Gerwin Klinger

Eine Reise nach Marienbad, im März 1933. Keine Sommerfrische also, wie sie Goethe 110 Jahr zuvor genoss, eine Flucht: Der Philosoph und politische Feuilletonist Theodor Lessing verlässt Deutschland, kaum dass es sich in die Hände Hitlers begeben hat. Im Nachtzug gelangt er mit seiner Tochter Ruth über die Grenze in den tschechoslowakischen Kurort. Die Prager Behörden hatten ihm politisches Asyl gewährt. Ein halbes Jahr später, am 30. August, wird Lessing dort hinterrücks durch die Fenster seines Arbeitszimmers erschossen. Es war ein Auftragsmord, geplant von SA und Gestapo.

In der deutschsprachigen Presse des Landes hatte man verbreiten lassen, auf den 61-jährigen Lessing seien 80 000 Reichsmark Kopfprämie ausgesetzt. Den beiden Mördern, sudetendeutschen Nazis, gewährte man Unterschlupf in Deutschland. Der eine von ihnen wird nach Krieg von einem tschechoslowakischen Gericht wegen Beihilfe zum Mord zu 18 Jahren Haft verurteilt. Der andere lebte später unerkannt unter falschem Namen in der DDR, wie erst jüngst bekannt wurde.

Der treu-doofe Bernhardiner

Den Hass der deutschnationalen und völkischen Kreise hatte Lessing bereits 1925 auf sich gezogen, als er sich deren Präsidentschaftskandidaten Paul Hindenburg im Genre der Charakterstudie vornimmt. Sie trifft die Wahlkampfinszenierung um den Helden der Schlacht von Tannenberg im Kern: Hindenburg ein treu-doofer „Bernhardiner“ , der für eine „politische Rolle missbraucht“ wird. Ein repräsentatives Symbol, aber nicht mehr als ein „Zero“, hinter dem ein „künftiger Nero verborgen steht“.

Die völkische Seele kocht, die Hugenberg-Presse schäumt, die Korpsstudenten randalieren. Der preußische Kultusminister holt bei den Philosophen Eduard Spranger, Edmund Husserl und Max Scheler Gutachten über Lessing ein. Die bescheinigen ihrem Kollegen „Unberechenbarkeit“, einen „Charakter von ungewöhnlicher Niedrigkeit“ und „Freude an seinem Zerstörungswerk“. Das Ministerium wandelt schließlich 1926 Lessings Lehrauftrag in einen Forschungsauftrag um, verbunden mit dem deutlichen Hinweis, er müsse nicht in Hannover leben.

Für die Kultusbehörden war der Fall Lessing damit erledigt. Politisch allerdings handelte es sich um eine deutsche Version der Dreyfus-Affäre: Lessing, Pazifist, Sozialist und Sohn einer assimilierten deutsch-jüdischen Arztfamilie, wird zur Symbolfigur für das Nazi-Feindbild „Jude und Sozialist“. Gegen ihn schließen sich deutschnationale Presse, konservative Eliten und völkischen Studenten zusammen. Ihr antisemitisch aufgeladenes Kesseltreiben gegen einen kritischen Intellektuellen gleicht einem Probelauf auf die Säuberungen von 1933. Aber wer war dieser Theodor Lessing, der zur Symbolfigur des „jüdisch-sozialistischen Volksschädlings“ wurde, wirklich? Wieso wird dem einzigen Philosophen, der Opfer eines Mordanschlages der Nazis wurde, bis heute allenfalls eine Fußnote im philosophischen Kanon zugebilligt? Marginalisiert wurde er, wie bei einer Tagung des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam anlässlich seines 70. Todesjahrs deutlich wurde, weil er im politisch-ideologischen Raster der Zeit nicht zu verorten war. Die Nazis diffamierten ihn als Juden, die Juden hielten ihn wegen seines Buches über jüdischen Selbsthass für einen Antisemiten, und die Christen lehnten ihn wegen seines Anti-Monotheismus ab, so der Schriftstellers Günter Kunert.

Was Lessing zum Außenseiter der angestammten Meinungskartelle machte, war die anti-ideologische Grundhaltung seiner Philosophie. Er formuliert sie 1919 im Lichte der Weltkriegskatastrophe unter dem Titel „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“. Es gibt keinen Sinn der Geschichte außer den, den die Siegreichen ihr zuschreiben, so seine These. Jede Geschichtsschreibung ist demnach per se Mythenbildung. Eine Position, die sich prinzipiell jeder Ideologiebildung widersetzt und die angesichts massenmedial inszenierten Kriegs-Narrationen von überraschender Aktualität ist. Bei Lessing mündete sie in eine rundum negative Kulturkritik. Hier ist, so die Analyse des Philosophen Heinz-Ulrich Nennen, auch Lessings Passion für die provozierende Polemik angelegt.

Thomas Mann giftete

Die Tonlage, die dieser Kritiker der Industriezivilisation anschlägt, ist die der unerbittlichen Abrechnung mit der Dummheit der Epoche. Seine Feuilletons waren desillusionierende Nachrichten über Gegenwart und Zukunft, oft von erschreckender Hellsichtigkeit: Hindenburg als Platzhalter Hitlers, der drohende Krieg und die Gefahr von Nuklearwaffen. Gelegentlich schießen seine Angriffe ins Persönliche über. Mit Thomas Mann begann er eine Literaturkontroverse, die beide mit solch verletzender Bösartigkeit führten, dass Mann noch nach der Ermordung Lessings weiter giftet. Am 1. September 1993 notiert er im Tagebuch: „Mir graust es vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir.“

Dennoch: Lessing war bei aller Polemik kein Misanthrop oder Negativist. Sichtbar wurde in Potsdam auch der warmherzige Pädagoge und leidenschaftliche Schulreformer, der sich als Gründer der Freien Volkshochschule Hannover in der Arbeiter- und Erwachsenenbildung engagiert. So war auch die Flucht in die Tschechoslowakei, die nach wiederholten Drohungen erfolgte, nicht geprägt von Resignation. Er machte sich sogleich daran, ein Landerziehungsheim in Marienbad zu eröffnen. „Jetzt kommt unsere Zeit, und wir werden unser Bestes tun“, heißt es in einem Brief aus dem Exil.

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