Gesundheit : Wer lange denkt, wählt oft verkehrt

Rolf Degen

Auf den ersten Blick sollte es eigentlich immer ratsam sein, vor jeder Entscheidung gewissenhaft das Für und Wider abzuwägen. "Schneller Entschluss bringt oft Verdruss", belehrt uns ein altes Sprichwort mahnend. Neue Forschungsarbeiten geben jedoch dem Diktum von Goethe Recht: "Wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste".

Zuviel Reflexion kann offenbar dazu führen, dass man Gegebenheiten schlechter einschätzt und objektiv schlechtere Entscheidungen trifft, die einem später selbst leid tun. Rein theoretisch müssten Entscheidungen eigentlich besser werden, wenn man nicht dem allerersten Impuls folgt, sondern sich erst dezidiert mit den einzelnen Argumenten auseinandersetzt.

Entscheidungen basieren auf einer Serie von Schritten, die von der Vergegenwärtigung des Problems über die Bewertung der Komponenten bis hin zur endgültigen Festlegung reichen. Menschen, die ihre Wahl vorher reflektieren, sollten im Prinzip ein differenzierteres Bild gewinnen und eine klügere, durch mehr Kriterien geleitete Entscheidung treffen.

Nach Ansicht des amerikanischen Psychologen Timothy D. Wilson ist es jedoch nur folgerichtig, dass das Nachdenken über Entscheidungen häufig in die Irre führt. Er behauptet, dass Menschen in vielen Situationen keine Kenntnis von den Motiven ihres eigenen Handelns haben. Die Antriebskräfte sind nicht "verdrängt", sondern wie die anderen Geheimnisse der Natur von einem Schleier des Nicht-Wissens verdeckt, den nur Wissenschaft und Kunst lüften können.

Der Mensch ist sich selbst fremd, argumentiert Wilson, und wenn er seine Empfindungen analysiert, orientiert er sich an vordergründigen Merkmalen, an Aspekten, die sich leicht sprachlich ausdrücken lassen und an eingängigen geistigen Versatzstücken, die er irgendwo aufgeschnappt hat. Aus diesem Grund kann die Selbstbetrachtung (Introspektion) leicht in eine falsche Richtung führen und die Entscheidungsfindung beeinträchtigen.

Den ersten Beweis lieferte Wilson vor einiger Zeit mit einem Versuch, dessen Teilnehmer fünf Sorten Erdbeermarmelade kosten und bewerten sollten. Aber während die eine Hälfte der Probanden sich ad hoc über den Brotaufstrich auslassen durfte, wurde die andere angewiesen, sich schriftlich minutiös mit den eigenen Beurteilungskriterien auseinanderzusetzen. Fazit: Das aus dem Bauch gefällte Urteil stimmte viel stärker mit der Einschätzung professioneller Warentester überein als die durchdachte Wahl.

Wahrscheinlich führt Grübelei besonders leicht von der "objektiv richtigen" Wahl weg, wenn man schwammige Eindrücke einschätzen soll, zum Beispiel den Geschmack von Speisen oder das Aussehen eines Bildes, meint Wilson. Dann zieht man vermutlich Kriterien zu Rate, die einem "rational" und "logisch" dünken, die jedoch den intuitiven, animalischen Vorlieben zuwiderlaufen. Ähnlich war es auch den "Grüblern" in der Marmeladenstudie ergangen. Sie hatten ihre Bewertung nämlich an abstrakten Kriterien wie "sauer", "herb" oder "grob" festgemacht, die eher den Bedürfnissen des Intellektes als denen des Gaumens entgegenkamen.

Die gleiche Tendenz fand Wilson bei einem Experiment, dessen Teilnehmer eines von fünf vorgeführten Postern behalten durften. Zwei waren Wiedergaben impressionistischer Gemälde, bei den anderen handelte es sich um zwei mit ulkigen Sprüchen unterlegte Tierfotos und eine bunte Kinderzeichnung. Auch bei diesem Experiment durfte ein Teil der Probanden sich spontan für eine Option entscheiden, während die übrigen erst "sinnieren" mussten. Der Zwang zur Überlegung, prophezeite Wilson, würde den poppigen Illustrationen zugute kommen. Deren Vorzüge sind nämlich leichter in Worte zu fassen als die der künstlerischen Bilder.

Tatsächlich votierten die nachdenklich gemachten Probanden häufiger für die possierlichen Fotos und die Kinderzeichnung, während die anderen durchgehend die Impressionisten bevorzugten. Doch als Wilson drei Wochen später noch einmal telefonisch nachhakte, waren erstere wesentlich unzufriedener mit ihrer Wahl und bekundeten, sie hätten sich gerne anders entschieden.

Die Eingebungen der Ratio sind anscheinend oft nur "aufgepfropft" und werden nach einer gewissen Frist wieder durch die Präferenzen ersetzt, die direkt aus dem Bauch kommen, folgert der Psychologe aus dieser Tendenz. Mit seinem neuesten Experiment hat Wilson jetzt den Beweis erbracht, dass übertriebenes Nachdenken sogar bei der Einschätzung der eigenen Partnerschaft in die Irre führt.

Der Forscher ließ seine Probanden die Qualität der Beziehung zu ihrem Lebensgefährten bewerten. Einige Teilnehmer ergingen sich in ausführlicher Selbstreflexion und analysierten die Gründe für ihre Bewertung. Andere gaben einfach spontan eine allgemeine Einschätzung ab.

Mehrere Wochen später wurde die Beziehungsqualität der Befragten erneut sondiert. Wie bereits zu erwarten, zog die Selbstspiegelung die Fähigkeit zur Bewertung der Beziehung in Mitleidenschaft. Diejenigen, die ihre Gründe analysierten, waren weniger gut in der Lage, die Beziehungsqualität zum zweiten Testzeitpunkt vorherzusagen als jene, die schlicht und einfach aus dem Bauch argumentierten.

Auch einfache Erinnerungsleistungen können durch das Reflektieren und Verbalisieren schlechter werden. Das bewies der US-Psychologe Jonathan Schooler, als er Probanden das Video eines Bankraubs zeigte. Ein Teil der Leute wurde darum gebeten, das Gesicht des Räubers in so vielen Details wie möglich zu beschreiben. Die anderen wurden damit beschäftigt, die amerikanischen Bundesstaaten aufzuzählen.

Beim anschließenden Wiedererkennungstest unter sieben ähnlichen Fotos erzielten diejenigen, die eine ausführliche Beschreibung abgegeben hatten, um 26 Prozent weniger Treffer als jene, die sich mit den Bundesstaaten ablenkten. "Verbalisieren hat eine sehr spezifische Wirkung", meint Schooler. "Es beeinträchtigt das intuitive Urteil."

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