Gesundheit : Wer nicht fragt, bleibt dumm

BODO MROZEK

Der Wissenschaftsbluff und wie man sich davor schützen kannVON BODO MROZEKEndlich! Der ersehnte Studienplatz, die ersten vier eigenen Wände - das ist für viele Studienanfänger der Schritt in die Selbständigkeit.Und Grund zur Freude, sollte man meinen.Doch häufig kommt alles anders: auf die Vorfreude folgen Unsicherheit und Ängste; die Unilust wird zum Unifrust. So erging es jedenfalls einst Wolf Wagner, der seine Studienjahre als "lange Leidenszeit" erlebte: "In den meisten Seminaren schwieg ich.Sagte ich etwas, dann nur, wenn ich meine Sache ganz sicher war".Wie Wagner ergeht es vielen.Wagner reagierte mit übetriebener Anpassung.Seine Redebeiträge spickte er mit Floskeln und "klugen" Redensarten."Ich beobachtete die Gesichter der anderen Redenden und dasjenige des Dozenten.Jedes Augenbrauenzucken oder bedenkliche Kopfwiegen ließ mich das eben Gesagte wieder zurücknehmen oder einschränken".Anstatt Fragen zu stellen, täuschte er allwissende Kennerschaft vor. Wagner fand heraus, daß seine Probleme kein Einzelfall sind, sondern viel mit der Struktur der Institution Universität zu tun haben. Seine Erfahrungen hat Wagner, der heute als Therapeut und Dozent für Politologie tätig ist, aufgeschrieben und veröffentlicht: "Uni-Angst und Uni-Bluff - Wie studieren und sich nicht verlieren" heißt sein Buch (Rotbuch-Verlag, 130 Seiten, 12,90 DM), das längst als Klassiker gilt.Es sollte Pflichtlektüre für Leute im ersten Semester sein, für solche im zwanzigsten noch mehr, erst recht aber für Dozenten. Denn daß Uni-Angst und Uni-Bluff Massenprobleme sind, beweisen empirische Studien.Studenten zeigen in psychologischen Untersuchungen höhere Angstwerte auf, als vergleichbare Gruppen.Besonders betroffen sind Frauen, Ausländer und Studenten aus nicht-akademischen Elternhäusern.Sie alle haben größere Schwierigkeiten mit der Integration. Schuld daran ist auch die Wissenschaftssprache, die oft Bluff-Funktionen erfüllt.Sie ist unpersönlich, voller verdrehter Konjunktive, oftmals unnötiger Fremdwörter und eingeflochtener Nebenschachtelsätze.Wer so redet, praktiziert laut Wagner vor allem eines: Angstabwehr.Kritische Einwände sollen von vorneherein entschärft werden.Das Resultat ist ein langweiliger, wenig fruchtbarer Diskussionsstil. Diese schonungslose Analyse der Institution Lernfabrik und ihrer Ausschlußmechanismen belegt Wagner durch Theorien von Bourdieu und Elias - und bringt dabei das Kunststück fertig, seinem Anspruch an die Wissenschaftssprache getreu anschaulich und bildreich zu schreiben. Strukturen kann man nicht so einfach verändern.Darum verweist Wagner bei der Entwicklung von Gegenstrategien auf die Möglichkeiten der Einzelnen, auf kreatives Schreiben, phantasievolles Lernen etwa nach der assoziativen Minds-map-Methode.Unersetzbar aber bleibt der persönliche Kontakt zu Lehrern und Kommilitonen.Selbstorganisierte Arbeitsgruppen können hier helfen, die Anonymität zu überwinden. Professionelle Hilfestellung geben die psychologischen Beratungsstellen der Universitäten.Hier werden auch Seminare zu Arbeitsmethoden oder Redeangsttraining angeboten.Wer so gegen die Bluff-Mechanismen aktiv wird, hilft sich selber und kann leichter erreichen, was die Universität eigentlich sein sollte, doch leider nur in den seltensten Fällen ist: ein Ort der kreativen Auseinandersetzung, wo das Arbeiten Spaß macht, wo das Verhältnis zum Lehrstoff und sogar zu Universität - mit Wagner gesprochen - ein erotisches ist.

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