Gesundheit : Wer nicht sofort zahlt, zahlt doppelt

Studiengebühren werden durch Zinsen teuer. Was Studenten wissen müssen

Tilmann Warnecke

Ab nächstem Jahr ist es so weit: Studenten zahlen in den ersten unionsgeführten Bundesländern Studiengebühren. Zunächst hatten die Länder Schwierigkeiten, den Studenten zu sagen, was auf sie zukommt. Das verunsicherte offenbar manche Abiturienten. Von jenen, die sich gegen ein Studium entschieden, sagten 22 Prozent, sie könnten sich die Gebühren nicht leisten, so eine Umfrage des Hochschul-Informations-Systems (HIS). So könnten auch Gebühren ein Grund für die erstmals sinkenden Studentenzahlen im vergangenen Wintersemester sein (wir berichteten). Nun nehmen die Pläne der Länder Gestalt an. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema Studiengebühren.

Wo müssen Gebühren gezahlt werden?

In Hamburg und Niedersachsen ab 2006. In Nordrhein-Westfalen zahlen Erstsemester ab dem Wintersemester 2006/2007, alle anderen ab 2007. Dann wollen auch Baden-Württemberg und Bayern Gebühren erheben. Länder wie Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Thüringen wissen noch nicht, wann und wie sie Gebühren einführen.

Wie hoch werden die Gebühren sein?

500 Euro pro Semester sollen die Obergrenze sein. Baden-Württemberg hat diesen Betrag für alle Fächer festgesetzt. In Nordrhein-Westfalen und Hamburg könnte der Betrag bis 500 Euro variieren: Die Unis sollen dort selber entscheiden, wie viel sie für welches Fach nehmen.

Können Studenten die Gebühren nachträglich zahlen, wenn sie zu Beginn des Studiums kein Geld haben?

Nein. Andreas Pinkwart (FDP), Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, spricht zwar davon, dass Studenten die Gebühren „sozialverträglich nachgelagert entrichten“ können. Tatsächlich jedoch sollen finanzschwache Studenten in Nordrhein-Westfalen genauso wie in Baden-Württemberg zu Beginn des Studiums einen Kredit aufnehmen, mit dessen Hilfe sie die Gebühren begleichen. Nach dem Studium zahlen sie also nicht die Studiengebühren – sondern sie zahlen den Studiengebührenkredit ab, bei dem Zinsen und Zinseszinsen anfallen. Am Ende haben sie aufgrund der Zinsen mehr Geld für ihre Gebühren ausgegeben als die Studenten, die gleich am Anfang gezahlt haben. Wie nachgelagerte Gebühren tatsächlich aussehen, zeigt ein Blick nach Australien. Dort können Studenten die Gebühren nach dem Ende des Studiums zahlen – ohne zusätzliche Abgaben oder Zinsen zu entrichten.

Wie viel mehr müssen Studenten zahlen, wenn sie einen Kredit aufnehmen?

Die Summe könnte sich verdoppeln. In Baden-Württemberg will die staatliche L-Bank, in Nordrhein-Westfalen die landeseigene NRW-Bank einen Kredit speziell für die Studiengebühren anbieten. Beispiele, die das Institut für Bankwesen der Berliner Humboldt-Universität auf Grundlage der bisher bekannten Konditionen exklusiv für den Tagesspiegel errechnet hat, zeigen: Im ungünstigsten Fall – also bei einer langen Rückzahlungsdauer – könnte aus ursprünglich 5000 Euro Studiengebühren für zehn Semester Uni eine Kreditschuld von etwa 10700 Euro werden (siehe Kasten). Diese Kredite sollen Studenten ausschließlich für die Gebühren verwenden. Ein höheres Darlehen, mit denen Studenten auch Lebenshaltungskosten decken könnten, bieten derzeit nur private Banken an. Die staatliche KfW-Bankengruppen hat ihren bundesweiten höheren Studienkredit erst einmal verschoben und will ihn jetzt 2006 anbieten. Diese Studienkredite müssten Studenten zusätzlich zu den Gebührenkrediten zahlen.

Wann müssen Studenten die Studiengebührenkredite zurückzahlen?

Das hängt von ihrem späteren Gehalt ab. In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sollen Absolventen den Kredit tilgen, sobald sie 1060 Euro netto verdienen. Für Verheiratete mit Kindern ist die Grenze höher.

Werden Bafög-Empfänger von den Gebühren befreit?

In Baden-Württemberg nicht. Dort soll es nur Ausnahmen für Studenten geben, die mindestens zwei studierende Geschwister haben, ein Kind unter sechs Jahren oder chronische Krankheiten. Nordrhein-Westfalen will eine Schuldengrenze einführen. Studenten sollen beim Studienabschluss nicht mehr als 10000 Euro Schulden haben, wenn Bafög, Gebühren und die bis dahin angefallenen Zinsen für den Gebührenkredit zusammengezählt werden. Bei dieser Regel lohnt ein Blick ins Kleingedruckte: Bei dieser Grenze sind nicht die Zinsen enthalten, die nach einer zweijährigen Karenzzeit nach Studienende für den Kredit anfallen. Da beim Abbezahlen des Kredits bis zum letzten Tag Zinsen für die Restschulden anfallen, könnte die Gesamtsumme deutlich über 10000 Euro liegen.

Gibt es auch neue Stipendienprogramme?

Bisher nicht – obwohl es in einem Papier der CDU-geführten Länder vom Anfang des Jahres heißt, dass „es angestrebt wird, ein Stipendiensystem aufzubauen“. Die Unis selbst sollten Stipendien für schlaue Studenten auflegen, heißt es aus dem niedersächsischen Wissenschaftsministerium. Die Unis könnten einen Teil der Gebühren dafür nutzen.

Bekommen die Hochschulen wirklich das gesamte Geld aus den Studiengebühren?

Nein. Ein Teil der Einnahmen – Baden-Württemberg rechnet mit insgesamt 175 Millionen Euro – fließt in einen Ausfallfonds. Aus diesem Topf sollen die Banken ihr Geld bekommen, wenn die Studenten ihre Gebührenkredite nicht zurückzahlen können. In Nordrhein-Westfalen sollen 23 Prozent der Gebühren in diesen Fonds gehen, in Baden-Württemberg knapp unter 20 Prozent. Die Unis protestieren, aber die Wissenschaftsminister halten dagegen, dass ohne den Ausgleichsfonds die vergleichsweise niedrigen Zinssätze der Studiengebührenkredite nicht zu finanzieren seien. Zusätzliches Geld stehe nicht zur Verfügung.

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