• „Wer nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts“ Konfliktforscher Heitmeyer über Gewalt und Anerkennung/Neue Wertedebatte: „Das haben die Jugendlichen längst durchschaut“

Gesundheit : „Wer nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts“ Konfliktforscher Heitmeyer über Gewalt und Anerkennung/Neue Wertedebatte: „Das haben die Jugendlichen längst durchschaut“

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Schon vor dem Amoklauf in Erfurt hatten viele den Eindruck, dass die Gewalt an deutschen Schulen immer mehr zunimmt. Stimmt das?

Die Statistiken bestätigen diesen Eindruck so nicht. Haupt- und Sonderschulen fallen da zunächst besonders auf, weil dort beispielsweise Prügeleien viel häufiger vorkommen als an Gymnasien. Dort gibt es aber andere und subtilere Formen von Gewalt.

... der Mord an einer Lehrerin in Meissen vor drei Jahren wurde an einem Gymnasium verübt, jetzt auch der Amoklauf in Erfurt ..

Die Selektion hat am Gymnasium viel stärkere Wirkung als an den Hauptschulen. Eine große Spannung zwischen hohen Erwartungen und Versagen erklärt extreme Reaktionen. Insofern ist das Bild einer gewaltfreien Situation an den Gymnasien falsch gezeichnet. Statusdruck und Aufstiegsambitionen sind dort besonders ausgeprägt. Wenn der angestrebte Gewinn an gesellschaftlicher Anerkennung dann in Gefahr gerät, können extreme Situationen entstehen. Auch die Suche nach Erklärungen für das Blutbad in Erfurt konzentriert sich letztlich auf die Frage der Anerkennung.

Warum fallen Schüler, die offensichtlich so stark unter Druck stehen, in unserem Schulsystem nicht auf?

Wir sind alle darauf ausgerichtet, ein Bild von Normalität wahrzunehmen und uns selbst eine Normalität zu schaffen. Dabei kann es schon passieren, dass jemand als normal gilt, nur weil er beispielsweise einem Verein angehört. Das heißt aber nicht, dass er nicht einsam, isoliert oder unglücklich ist. An manchen Stellen darf man das auch gar nicht eingestehen, sonst gilt man als Loser. Jugendliche werden also alles tun, um diese Probleme zu verdecken. Daher resultiert beispielsweise das Cool-Sein.

Der Amokläufer von Erfurt scheint – nach den ersten Eindrücken – durchaus ein beliebter und integrierter Jugendlicher gewesen zu sein. Das gängige Bild von solchen Extremtätern ist eher der Einzelgänger und Sonderling ...

Das muss keineswegs so sein. Die Einordnungen der Tat schwanken im Moment zwischen „Heimsuchung“ und der Tat eines psychisch schwer gestörten Täters. Mit dieser Schicksals- oder Personalisierungsstrategie verschwindet die alltägliche Gewalt aus dem Blick. Das ist für die Gesellschaft natürlich angenehm. Man sollte nicht vergessen: Gewalt ist eine für jedermann verfügbare Ressource. Gewaltausbrüche wie jetzt in Erfurt werten ganz massiv Leben ab – auch das eigene – und Macht auf. Dahinter steht ein Verlust von Anerkennung, ein Defizit, das Jugendliche angehäuft haben. Für sie sind entscheidende Fragen: Wer braucht mich? Zu wem gehöre ich? Bin ich gleichwertig? Werde ich gerecht behandelt? Darauf bekommen die Jugendlichen zunehmend keine oder nur noch verschwommene Antworten. Wir wissen noch wenig darüber, wie sich fehlende Anerkennung genau auswirkt, gerade bei Jugendlichen, die mit niemandem darüber sprechen können.

Könnten im Umgang mit Jugendlichen in so schwierigen Situationen nicht Sozialarbeiter an den Schulen helfen?

Das kann man nicht delegieren, wenn eine Sensibilität dafür in der Alltagskultur nicht verankert ist. Wir haben ja sogar immer weniger „sozial geteilte Zeit“ zur Verfügung, die wir in der Familie oder mit Freunden verbringen. Wenn das Pinnbrett in der Küche zum Kern der Familie wird, wird es eng.

Muss die Schule denn wieder stärker Werte vermitteln, um dem entgegenzusteuern?

Da habe ich meine Zweifel. Die Jugendlichen haben das Doppelbödige dieser Wertedebatten doch längst durchschaut. Es nützt gar nichts, wenn wir ihnen nur die „proklamierten“ Werte wie Menschllichkeit, Solidarität etc predigen, aber die „prämierten“ Werte wie Erfolg, Leistung, Effektivität leben und achten. Nur wer Anerkennung auch selbst erfahren hat, wird auch die Integrität anderer achten. Die angemahnte „Werteerziehung“ ist dagegen nur eine ideologische Verkappung der Probleme.

Was verstärkt die Eskalation?

Widersprüchliches Elternverhalten gehört zu den Faktoren, die Gewalt begünstigen. Gewalttätigkeit ist dann oft ein Signal, ein Hilferuf nach klärenden Antworten. Autoritäre Verhältnisse an den Schulen führen aber mit Sicherheit nicht dazu, dass Warnsignale frühzeitig erkannt werden. Grundsätzlich unterscheidet man ja drei Möglichkeiten der Konfliktlösung: Vermeidung – beispielsweise die Schule verlassen und auf einem anderen Weg das Abitur erreichen – Verhandlung – das könnte bedeuten, wie bekommen wir den Schüler doch noch zum Abitur – und wenn die gescheitert sind, die Vergeltung.

Was kann man jetzt tun?

Schnelle Lösungen gibt es nicht. Die Erfahrungen zeigen, dass verstärkte Kontrollen in den Schulen - etwa mit Metalldetektoren - wenig nützen. Wer so etwas tun will, wie in Erfurt, findet dafür auch Wege. Eher schon muss die Politik nach Möglichkeiten suchen, an die vielen illegalen Waffen heran zu kommen; denn wenn Waffen leicht verfügbar sind, werden sie auch leichter genutzt, wie das Beispiel USA zeigt.

Welche Rolle spielt das Schulklima?

Die Schulpolitik steht nach den Pisa-Ergebnissen jetzt im Zeichen der Aufholjagd. Belohnt wird mehr denn je, wer wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse präsentiert. Woher sollen aber diejenigen ihre Anerkennung bekommen, die dabei nicht mithalten können?

Wir müssen uns wohl an den Gedanken gewöhnen, dass das an vielen Stellen erst der Anfang ist. Eines der zentralen Pisa-Ergebnisse ist ja, dass in Deutschland der Selektionsdruck stärker ist als in vielen anderen Staaten und Selektion hat immer etwas mit der Gefährdung von Anerkennung zu tun. Wenn in der Schule nicht die Förderung, sondern die Suche nach den Schwächen der Schüler im Vordergrund steht, erhöht sich der Druck auf die Schwächeren.

Wie können die Schwächeren dann überhaupt noch zu Anerkennung kommen?

Hauptsächlich über Leistung und über die äußerliche Attraktivität. Wer bei beidem nicht mithalten kann, dem bleibt nur die Demonstration von Stärke - körperlich oder technisch. Für die Jugendlichen geht es dann um Alles. Es geht um die Anerkennung; denn wer nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts.

Das Interview führte Bärbel Schubert.

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