Gesundheit : Wer sie zerschlagen will, schwächt die deutsche Wissenschaft nicht nur in den neuen Ländern

Ingolf Hertel

Unsere Forschungsinstitute müssen flexibler werden, um den Herausforderungen der globalen Wissensgesellschaft gewachsen zu bleiben. Dies hat 1999 eine hochrangige internationale Kommission in ihrer "Systemevaluation der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Max-Planck-Gesellschaft (MPG)" angemahnt. Auch der Wissenschaftsrat denkt derzeit über neue Strukturen nach.

Unversehens gerät dabei die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) in die Schusslinie des etablierten Systems; auch oder gerade weil sie seit der deutschen Wende die dynamischste Entwicklung genommen hat. Hier wächst, so will es scheinen, belebende Konkurrenz heran, eine spannende Alternative zu den großen Flaggschiffen des Systems - mit einem schlankem Verwaltungsüberbau und einem klaren Konzept für ein modernes Forschungscontrolling.

Nach der Wende bewährte sich das im Westen etablierte Förderinstrument "Blaue Liste" beim raschen Neuaufbau einer leistungsfähigen, flexiblen Forschungsstruktur in den Neuen Ländern. Folgerichtig empfahl der Wissenschaftsrat im Herbst 1993 den Aufbau einer synergiestiftenden Organisationsstruktur für alle "Blaue Liste"-Einrichtungen, welche ihre Außenwirksamkeit stärken und den Prozess der Qualitätssicherung und Effizienzsteigerung durch innere, selbstorganisierte Mechanismen ergänzen sollte. Parallel dazu evaluiert der Wissenschaftsrat seit 1995 alle Leibnizinstitute in einer Tiefe und Konsequenz, die in unserer deutschen Wissenschaftslandschaft bislang ohne Beispiel war. Da kamen keine freundlichen "Visiting Committees", sondern beinharte Evaluatoren, meist Hochschullehrer, oft Konkurrenten der WGL-Institute. Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne: leistungsschwache Institute mussten geschlossen, andere verkleinert werden; internationale Beiräte wurden abgemahnt, Institutsdirektoren gefeuert.

Dabei zeigte sich, dass die Leibnizinstitute in ihrer überwiegenden Mehrheit gute bis exzellente Arbeit leisten, dass ihre Programme überzeugend und ihre Wissenschaftler international angesehen sind. Und dies bei einer Finanzausstattung, die pro Wissenschaftler und Institut weit unter derjenigen der Konkurrenz liegt. Besonders bemerkenswert auch, dass gerade die 1991/92 in den neuen Bundesländern gegründeten Institute sich hervorragend entwickelt haben. Demgegenüber wurden MPG und Fraunhofer Gesellschaft lediglich der eingangs erwähnten, pauschalen "Systemevaluation" unterzogen.

Damit aber niemand etwa voreilig Schlüsse aus der so überwiegend positiven Evaluierung der Leibnizinstitute ziehe, soll jetzt auch die WGL noch einmal einer Gesamtbewertung unterzogen werden. Was lag näher, als dies jener Kommission des Wissenschaftsrats anzuvertrauen, die seit fünf Jahren die "Institute der Blauen Liste" evaluiert. Erstaunt ist man freilich, wenn das Ergebnis schon im Voraus verkündet wird: "Für den Wissenschaftsrat ist der inhaltliche Bezug dieser Institute zueinander kaum vorhanden", sagte Professor Winfried Schulze, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, des sozusagen höchsten Deutschen Wissenschaftsgerichts: eine bemerkenswerte Vorverurteilung des Delinquenten!

Welcher "inhaltliche Bezug", so darf man im Gegenzuge etwa fragen, besteht denn zwischen den MPG Instituten für Ausländisches und internationales Strafrecht (Freiburg), Eisenforschung (Düsseldorf) und Marine Mikrobiologie (Bremen)? Antwort: Sie eint ein hauptamtlicher Präsident in München mit einer 400 köpfigen Generalverwaltung und der unerschütterliche Glaube, die Elite des deutschen Forschungssystems zu repräsentieren. Anders formuliert: Eine so zugespitzte Fragestellung ist ohne Relevanz für die Bewertung von Sinn und Wirksamkeit einer großen Forschungsorganisation.

In den neuen Ländern haben die Leibnizinstitute zudem vielerorts die Bildung kritischer Massen überhaupt erst ermöglicht und eine zentrale Rolle gespielt beim Aufbau von Netzwerken und international konkurrenzfähiger Forschung an den Universitäten.

Schlimmste Folgen würde schließlich die von Schulze geforderte wechselnde organisatorische Zuordnung der Institute zu lokalen Forschungsstrukturen haben. Schulze sollte wissen, dass solche Gedankenspiele in unserem föderalen System der Forschungsfinanzierung lediglich den "Sparzwängen" der Finanzpolitiker Vorschub leisten und die Forschung als Ganzes zum Verlierer machen. Die großen Forschungsorganisationen sorgen dagegen für ein notwendiges Minimum an langfristiger Planungssicherheit für unsere unterfinanzierte Wissenschaft, die mehr und mehr ins internationale Aus zu geraten droht. Erst auf der Basis solcher Planungssicherheit können die von Schulze zu recht geforderten fachbezogenen, systemübergreifenden Verbünde gedeihen. Hierzu wird die Leibnizgemeinschaft ihren genuinen Beitrag leisten, wenn die Politik sie auf ihrem erfolgreich eingeschlagenen, vom Wissenschaftsrat 1993 angelegten Weg unterstützt und materiell und organisatorisch in die Lage versetzt, sich im kreativen Wettbewerb zu behaupten.Der Autor ist Professor an der Freien Universität Berlin und Direktor des Max-Born-Instituts in Berlin-Adlershof. Von 1995 bis 1998 war er Präsident der WGL und von Oktober 1998 bis Januar 2000 Staatssekretär für Wissenschaft im Land Berlin.

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