Gesundheit : Wer sucht, der findet

Gibt es wirklich eine Hautkrebs-Epidemie? US-Forscher bezweifeln das

Adelheid Müller-Lissner

Der schwarze Hautkrebs (Melanom) ist gefürchtet, und seit Jahren wird vor allem in den Sommermonaten mit alarmierenden Schlagzeilen vor seiner Zunahme gewarnt. Seit den 70er Jahren haben sich die Erkrankungsraten annähernd versechsfacht, wie die regelmäßig vom Robert-Koch-Institut (RKI) herausgegebenen Daten zum Krebs in Deutschland zeigen. Jährlich erkranken etwa 11400 Menschen an einem malignen Melanom, einer bösartigen Neubildung der Pigmentzellen der Haut.

Hautkrebs ist sichtbar. Und Melanome sind im frühen Stadium, wenn sie noch nicht tief in die Haut eingedrungen sind und noch keine Absiedlungen gebildet haben, mit größerer Wahrscheinlichkeit heilbar. Deshalb leuchtet es unmittelbar ein, dass die systematische Suche nach verdächtigen Pigmentmalen auf der Haut Leben retten kann.

Eine Studie, die jetzt im Fachblatt „British Medical Journal“ erschien, wirft jedoch ein anderes Licht auf diese flächendeckende Fahndung. Die These der Wissenschaftler: Nicht der unvernünftige Umgang der Hellhäutigen mit der Sonne, sondern ausgerechnet die Anstrengungen zur Früherkennung selbst könnten demnach der Grund sein für die allseits beklagte Zunahme der Erkrankung. Existiert die Melanom-Epidemie gar nicht?

„Immer wenn Ärzte genauer nach Melanomen schauen, finden sie mehr Fälle“, lautet die provozierende These von Gilbert Welch von der Dartmouth Medical School. Seine Arbeitsgruppe analysierte Daten der amerikanischen Krankenversicherung Medicare, in der Patienten über 65 Jahre versorgt werden, und des Nationalen Krebsinstituts der USA. Resultat: Zwischen 1986 und 2001 war nicht nur die Rate der entnommenen Hautgewebeproben um 250 Prozent gestiegen. Im genau gleichen Ausmaß stieg auch die Zahl der Melanom-Diagnosen. Bei genauerer Analyse zeigte sich, dass diese Zunahme auf das Konto der Hautveränderungen im frühen Stadium geht.

Hätte der schwarze Hautkrebs aufgrund einer Umwelt- oder Lebenstilveränderung zugenommen, dann müssten nach Ansicht der Mediziner Zunahmen in allen Stadien zu verzeichnen sein – wie beim Lungenkrebs durch das Rauchen. Die plausibelste Erklärung für den Anstieg ist nach Ansicht der Forscher aber die „Überdiagnose“. Gegenüber der „New York Times“ präzisierte Welch, er behaupte nicht, dass es überhaupt keine echte Zunahme an Melanomen gegeben habe. „Wir meinen aber, dass die meisten der neu diagnostizierten Fälle das Ergebnis intensiverer Suche sind.“

Wenn man, anders als Welch, von einem echten Anstieg der Erkrankungsrate in den letzten Jahren ausgeht, sind gleich bleibende Todesraten schon ein echter Erfolg. Auch in Deutschland ist die Anzahl der Todesfälle nach Melanomen seit den 70er Jahren etwa gleich geblieben. „Sowohl die erhöhte Aufklärung der Bevölkerung als auch die Sensibilisierung der Ärzteschaft könnten die Ursache dafür sein, dass in den letzten Jahren maligne Melanome in prognostisch günstigeren Stadien häufiger diagnostiziert wurden“, ist im Bericht des RKI zu lesen. „Die entdeckten Melanome sind dünner geworden, das sorgt insgesamt für ein besseres Überleben“, sagt auch der Dermatologe und Epidemiologe Thomas Diepgen von der Uni Heidelberg.

Im „Hautkrebs-Test“, an dem sich 366000 Schleswig-Holsteiner beteiligten, wurden 3000 Hautkrebs-Fälle frühzeitig entdeckt, darunter 568 Melanome. „Werden diese Ergebnisse berücksichtigt, liegt die bundesweite Häufigkeit von Hautkrebs wahrscheinlich wesentlich höher als bisher angenommen“, kommentiert der Buxtehuder Dermatologe Eckhard Breitbart, zweiter Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention. 59000 Teilnehmer der Studie waren von ihrem Hausarzt, der den ersten Check der Haut vornahm, zu einem Hautarzt überwiesen worden. Fast die Hälfte der entdeckten Tumoren waren so klein, dass sie problemlos entfernt werden konnten.

Für Hautärzte, die Menschen an dem bösartigen Tumor sterben sehen, sind das entscheidende Erfolge. Trotzdem bleiben aus wissenschaftlicher Sicht Zweifel, ob Reihenuntersuchungen in der Gesamtbilanz wirklich Leben retten. Dass nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Zahl der erst im späten Stadium entdeckten Tumoren in Welchs Studie gleich blieb, ist für den Melanom-Spezialisten Thomas Vogel, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie der Uni Regensburg, ein starkes Gegenargument gegen Reihenuntersuchungen. Denn bei einer echten Zunahme des Melanoms müssten auch mehr Spätformen entdeckt werden. „Das Massen-Screening braucht nach dieser überzeugenden Studie eine neue Rechtfertigung, es ist bisher den Nachweis seiner Wirksamkeit schuldig geblieben“, folgert Vogel.

Die große Unbekannte in der Melanom-Früherkennungs-Rechnung ist die Zahl der entdeckten und entfernten Tumoren, die nicht lebensbedrohlich geworden wären. „Die Abgrenzung zwischen einem Melanom im frühen Stadium und einem Muttermal ist mit das Schwierigste in der Pathologie, die Grenzfälle haben in den letzten Jahren exzessiv zugenommen“, sagt Vogel.

Der Arzt muss im Zweifelsfall eine verdächtige Hautveränderung so behandeln, als sei sie bösartig – obwohl sie es aber vielleicht gar nicht ist. Solche „falsch-positiven“ Diagnosen können aber ihrerseits negative Folgen haben, etwa durch die seelische Belastung oder beim Abschluss einer Versicherung. „Die Früherkennung ist ein zweischneidiges Schwert, daran müssen wir die Leute erinnern“, sagt Welch.

Hautkrebs-Früherkennung dient der Fahndung nach drei Tumor-Formen, neben dem Melanom (eher selten) der nach dem Basaliom (extrem häufig, streut nicht, fast immer heilbar) und dem Stachelzellkrebs. In der Früherkennungs-Kampagne spielt das Melanom die größte Rolle. Vogel hält es aber für den falschen Weg, „mit einer drastischen Darstellung des schwarzen Hautkrebses Angst zu erzeugen“. Wichtiger sei es, über den richtigen Umgang mit Sonnenstrahlen aufzuklären und vor allem Kinder vor zu viel UV-Licht zu schützen. Über den Sinn dieser vorbeugenden Maßnahmen herrscht kein Zweifel.

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