Gesundheit : Wer verliebt sich in 182/74/stud./NR?

Einsame Herzen schummeln gern: An der Universität Stuttgart werten Studenten gedruckte und digitale Kontaktanzeigen aus

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Von Michael Lutz

„Sportlicher Kerl sucht schlanke Frau zum Verlieben." Verdient ein so schlicht gestrickter Text Beachtung? Jörg Stimpfig von der Universität Stuttgart meint ja. Er nimmt Kontaktanzeigen in Online- und Printmedien wissenschaftlich unter die Lupe. Der von Stimpfig geleitete Arbeitskreis des Studium Generale der Universität Stuttgart „Human- und Medien-Kommunikation" will damit Licht in die zwischenmenschliche Kommunikation bringen.

„Da sehen die Studenten, wie sich Kommunikation verändert, wie sie angepasst wird ans Massenmedium und überhaupt ans Umfeld“, sagt der Kommunikationswissenschaftler, der seit mehreren Semestern mit Studenten „den Schnittpunkt der individuellen mit der medialen Massenkommunikation" untersucht.

Was will der Mann auf Freiersfüßen? Was wünscht sich die suchende Frau? Womit wirbt der Herr, was gibt die Dame preis? Inwiefern decken sich Angebot und Nachfrage? Diese und weitere Fragen sind zu klären. „Im Groben scheinen sich Gleichgesinnte zu suchen", resümiert Stimpfig. Die angeblich Gutaussehenden suchen nach Gutaussehenden, Sportliche werben um das sportliche Pendant und so weiter. „Wie wir immer wieder zeigen können, bieten die Inserierenden das, was der Markt verlangt", belegt der Empiriker anhand der gemeinsam mit Studierenden erstellten Statistik. Kurz gesagt: „Manche schummeln", nennen sich „vorzeigbar", „ansehnlich" oder „attraktiv", obwohl sie den gängigen Schönheitsvorstellungen nur wenig entsprechen. „Damit passen sie sich dem derzeit gültigen Schönheitsideal an“, erläutert der Dozent: „Darauf kommt es aber nur zu einem unwesentlichen Teil an.“

Wie die Romanzen aussehen, die sich aus den Annoncen entwickeln, weiß auch der Akademiker nicht. Aber: „Die Suchenden fragen fast nur irrelevante Eigenschaften und sich verändernde Werte ab“, erläutert Stimpfig, der auch als Beziehungs- und Paarberater tätig ist. Würde nach den wichtigen Eigenschaften gefragt, wäre das Prinzip „Gleich zu Gleich gesellt sich gern“ sogar erfolgversprechend, wie Experten aus zahlreichen Untersuchungen schließen. „Es kommt zum Beispiel darauf an, wie stark intro- oder extrovertiert die Partner sind, wie stabil oder labil sie sind, und dergleichen“, erklärt Stimpfig. Es sind die individuellen, nicht verhandelbaren Charakteristika, die miteinander harmonieren müssen. Niemand verliebt sich in: 182/74/stud./NR.

Oft jedoch führten unbedarfte Kontaktanzeigen nur zu einem kurzen Intermezzo oder zu einer Enttäuschung, bis dann erneut gesucht werde - oft „wiederum falsch“. Schon im Internet seien die Chancen „um einiges besser“. Stimpfigs Empfehlung an einsame Herzen ist jedoch: eine Kombination aus Internetanzeige mit Fotos und Chat oder Inserat, Fototausch und Interview. „Dieses Vorgehen öffnet mehrere Informationskanäle. Durch das Chatten ist es interaktiv, was sehr viel bringt.“

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