Gesundheit : Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Stress tut gut, sagen Forscher. Allerdings nur, wenn man sich auch ordentlich abreagieren kann – und zwar körperlich

Adelheid Müller-Lissner

Ein Termin jagt den nächsten, für eine Pause ist keine Zeit, das Telefon klingelt pausenlos und wird höchstens vom Handy unterbrochen. Stress ist ein echtes Manager-Phänomen. Oder auch nicht. 30 Prozent der Polizisten und stolze 60 Prozent der Lehrer gehen vorzeitig in Pension, weil ihre Gesundheit den beruflichen Belastungen auf Dauer nicht gewachsen ist. Mediziner und Psychologen forschen deshalb schon lange nach den Wurzeln des Phänomens und Möglichkeiten, damit umzugehen.

1950 führte der österreichische Biochemiker Hans Selye das Wort in die medizinisch-psychologische Fachsprache ein. Stress war für Selye allerdings nichts Schlechtes, sondern sozusagen die natürlichste Sache der Welt: „Stress is Life and Life is Stress.“ Zum Leben und Überleben gehöre es, dass Mensch oder Tier sich gegen Feinde wehren oder die Flucht ergreifen müssten.

Damit sie dazu im Ernstfall besser in der Lage sind, können Teile des vegetativen Nervensystems ihre Aktivität bei Bedarf steigern, meint Selye. Der Blutdruck steigt, Stresshormone wie das mittlerweile schon sprichwörtliche Adrenalin, auch Cortison, werden vermehrt produziert, der Magen-Darm-Trakt macht Pause. Der Organismus ist damit bestens auf reaktionsschnelles, kraftvolles Handeln eingestellt.

Das Dumme ist nur, dass diese Form der Aktivität unter zivilisierten Menschen nicht üblich ist: Der Angestellte, dessen Arbeit vor versammelter Kollegenschaft heruntergeputzt wurde, wird seinen Frust nicht dadurch abbauen, dass er seinem Chef an den Kragen geht. Ein Lehrer wird sich unverschämte Schüler nicht „vorknöpfen“, sondern sie allenfalls „zur Rede stellen“. „Nicht dass wir die Faust ballen, sondern dass wir die Faust in der Tasche ballen (müssen), ist das ,Stressproblem’ des Gegenwartsmenschen“, meint der Mediziner und Buchautor Till Bastian. Die meisten von uns regen sich viel zu häufig auf – ohne sich dann körperlich angemessen „abreagieren“ zu können.

Doch Abhilfe muss nicht in der Wiedereinführung der Prügelstrafe oder der Selbstjustiz bestehen. Eine sozialverträglichere Maxime hat Dagmar Rohnstock, eine Berliner Lehrerin und Leiterin von Seminaren zur Stressbewältigung: Laufen statt raufen. Beim Sport können die körperlichen Stress- Symptome bestens abgebaut werden. Rohnstock empfiehlt Bewegung besonders für Kinder und Jugendliche: „Die Reize, die auf sie einströmen, können sie bei Bewegungsmangel nicht körperlich ausagieren.“

Bewährte Methoden der Stressbewältigung setzen außerdem auf Entspannung der Muskulatur. Schließlich ist es unmöglich, relaxed zu sein und sich gleichzeitig aufzuregen. Wer eine Entspannungstechnik wie Autogenes Training oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson beherrscht, kann Bestandteile davon im Notfall auch ganz unauffällig einsetzen, zum Beispiel am Konferenztisch. Die Münchner Psychologin und Stressforscherin Angelika Wagner-Link empfiehlt Stressgeplagten die „innere Wahrnehmungslenkung“, bei der man sich bewusst auf einen anderen Gegenstand konzentriert, sobald man spürt, dass man sonst an die Decke gehen könnte. Eine andere Methode ist das „positive Selbstgespräch“: Dabei werden Sätze wie „Das schaffe ich nie“ in ein gelassenes „Das muss ich nicht alles heute schaffen“ umgemünzt.

Doch der Mensch hat keinen Grund, den Stress zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Schon der Forschungs-Pionier Hans Selye unterschied den guten, gesunden „Eustress“ vom mutmaßlich gesundheitsschädlichen „Dysstress“. Letzterer entsteht, wenn die Ausschüttung der Stresshormone von der Ausnahme zur Regel wird. Wohldosiert können sie dagegen als unschädlicher Kick wirken. Die Beziehung zwischen Leistung und Stress lässt sich grafisch wie ein umgekehrtes U darstellen: Nicht nur Überforderung am einen Ende der Kurve, sondern auch Unterforderung am anderen lässt die Leistung sinken. Das ist ein großes Problem hochbegabter Kinder an Schulen. Sind die Anforderungen dagegen genau richtig dosiert und angemessen, also in der Mitte der Kurve, dann entsteht ein mittleres, „gesundes“ Maß an Erregung und Stress – und zugleich die beste Leistung.

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