Gesundheit : Wert des Wohlstands

Wo Minderheiten besser akzeptiert werden

Uwe Schlicht

Die Welt ist paradox. Die lebensbedrohliche Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion hat ein Ende gefunden. Der Frieden schien eine Chance zu bekommen. Doch seit der Attacke auf das World Trade Center schockieren Anschläge auf den Massenverkehr in London oder Bombay die Gesellschaften.

Trotz dieser Erschütterungen entwickelt sich weltweit das Wertebewusstsein in Richtung Modernität in einer Geschwindigkeit, die noch vor Jahrzehnten für unmöglich gehalten wurde. Jahrtausende hat die Menschheit gebraucht, um Sklaverei, Todesstrafen und öffentliche Hinrichtungen ebenso wie den Krieg zu verdammen. Heute nimmt die Akzeptanz von Fremden, von Frauen, die die Gleichberechtigung in der Gesellschaft einfordern, sowie von Homosexuellen innerhalb weniger Jahrzehnte zu.

Ronald Inglehart verfolgt seit Jahrzehnten den Wertewandel in der Welt. Der US-Sozialwissenschaftler startete seinen Einstieg in die Wertediskussion mit einem Paukenschlag, als er 1971 den Abschied von den traditionellen Werten der Industriegesellschaft anzeigte. Was die junge Generation mit dem Slogan „Make love not war!“ verkündete, fasste Inglehart unter dem Begriff der Selbstverwirklichung als neuem Leitwert der postindustriellen Gesellschaft zusammen.

Eine seiner Hauptthesen lautet, dass Kultur und neues Wissen dem wirtschaftlichen Aufschwung vorangehen, die wirtschaftliche Entwicklung jedoch ganz entscheidend für den Wertewandel ist. Das jährliche Einkommen eines Menschen, das sich vom Jahr eins bis etwa 1600 umgerechnet in moderne Währung ganz langsam auf etwa 500 Dollar erhöhte, begann um 1800 einen Steilanstieg bis zu 6000 Dollar im Jahr 2000. Mit der industriellen Revolution begann die Explosion von Lebensstandard und Wertewandel.

Was sind traditionelle Werte? Religion, ein starker Nationalstolz, Gehorsam der Kinder gegenüber den Eltern und der Untertanen gegenüber den Herrschern, die Verdammung von Scheidung und Abtreibung. Solange eine wirtschaftliche Mangelsituation das Leben bestimmte, stand die Sicherung des Lebensstandards über der Selbstverwirklichung. Das Streben nach sicheren Berufen und einem guten Einkommen waren allgemein gültige Ziele. Viele Berufe waren nur für die Männer vorgesehen. Homosexualität und Fremde wurden in traditionellen Gesellschaften als Bedrohung abgelehnt.

Heute ist Fremdenfeindlichkeit charakteristisch für politische Krisenregionen und wirtschaftlich instabile Gesellschaften. Das zeigt der Vergleich unter weltweit 80 Gesellschaften. In Schweden und Kanada wünschen sich nur fünf Prozent keine Ausländer als Nachbarn. Das andere Extrem ist der Irak: Dort lehnen 51 Prozent der Kurden und 90 Prozent der Araber die Nachbarschaft von Fremden ab. Fremdenfeindlichkeit ist in anderen Gesellschaften wesentlich geringer ausgeprägt. Sie liegt bei 25 Prozent in Ländern mit geringem Einkommen und bei zehn Prozent in reichen Industrieländern.

Dass Männer in der Berufswelt den Vorrang vor Frauen haben sollten, sagen in Ländern mit geringem Einkommen 50 Prozent, gegenüber nur 25 Prozent der Einwohner von hoch industrialisierten Staaten. Auch die Akzeptanz der Homosexualität ist vom Einkommen abhängig: So wollen 80 Prozent der Menschen in armen Ländern gegenüber nur 39 Prozent in reichen Ländern Homosexualität unter keinen Umständen akzeptieren. Die Toleranz gegenüber der Homosexualität hat sich in den hoch entwickelten Ländern zwischen 1981 und 2006 verdoppelt.

Mit der Hinwendung zu mehr Lebensgenuss geht die Ablehnung von Kriegen einher. Menschen, die in einer Krise nicht für das Vaterland kämpfen wollen, sind zwar weltweit eine Minderheit. Aber diese Minderheit umfasst in den hoch entwickelten Ländern immerhin 35 Prozent. In Ländern mit geringem Einkommen liegt sie nur bei 15 Prozent.

Die Frage nach Gott ist nicht eindeutig zu beantworten. In den Agrargesellschaften spielte die Religion für 64 Prozent der Bevölkerung eine große Rolle, in den postindustriellen Gesellschaften sind es nur noch 20 Prozent. Andererseits nimmt gerade in modernen Gesellschaften die Frage nach dem Sinn des Lebens zu. Unter 22 diesbezüglich von Inglehart untersuchten Nationen sind erstaunliche Sprünge zu verzeichnen: 1981 sagten 30 Prozent der Menschen, dass sie häufig über den Sinn des Lebens nachdächten. 2006 sind es nahezu 45 Prozent.

Inglehart kommt zu dem Schluss, dass die Demokratie auf dem Vormarsch ist. In 85 Ländern gebe es solide Mehrheiten für die Demokratie als der besten Regierungsform. Das stellte der Soziologe bei seinem Vortrag im Wissenschaftszentrum in Berlin als einen Grund für seinen Optimismus heraus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar