Gesundheit : Wetterkapriolen, weil die Erdachse eiert

El-Niño-Phänomene gibt es viel länger als bisher gedacht

Gideon Heimann

Das Wetterphänomen „El Niño“ stellt alle drei bis sieben Jahre die üblichen Wetterverhältnisse im südlichen Pazifik auf den Kopf. Dann regnet es in Südamerika heftig, und weiter westlich fehlen die Niederschläge – Fluten hier, Dürre und Waldbrände in Australien und Asien.

Bisher befürchteten die Klimakundler, dass dieser Ablauf durch eine Erwärmung des globalen Klimas häufiger und/oder verstärkt vorkommen kann. Eine Studie von Wissenschaftlern der Universität von Edinburgh („Nature“, Band 424, Seiten 261 ff) stellt diesen direkten Zusammenhang nun in Frage.

Bei der Untersuchung von Korallen, in deren Ablagerungen das sie umgebende Geschehen in früheren Jahrhunderten auch heute noch „lesbar“ ist, kamen die Forscher zu einem verblüffenden Ergebnis: Die starken „Niño“, die im 20. Jahrhundert gemessen wurden, waren – über erdgeschichtliche Zeiträume hinweg betrachtet – gar nicht so außergewöhnlich. Heftige „Niños“ hat es auch schon gegeben, als der Mensch mit seinen Emissionen das Klima noch gar nicht angefeuert hatte.

Überdies wurden keine Korrelationen zu Vorgängen auf der nördlichen Hemisphäre gefunden. Weder die mittelalterliche Warmzeit vom 11. bis zum 14. Jahrhundert, noch die „kleine Eiszeit“ vom 17. zum 19. Jahrhundert spiegelten sich in den Korallenschnitten wider. Auch Vulkanausbrüche und Änderungen in der Sonnenintensität scheinen keine Rolle zu spielen.

Dagegen war das Phänomen in der Zeit zwischen 14 000 und 5000 Jahren vor unserer Zeitrechnung schwach bis gar nicht vorhanden. Die Forscher sehen darin einen Hinweis, dass „Niño“ womöglich stärker von klimatischen Hintergrundbedingungen beeinflusst wird. Denkbar wären die Länge und die Dauer von Jahreszeiten, die letztlich ausgelöst werden von der Präzession der Erde, also vom „Eiern der Erdachse“. Auch während der letzten Eiszeit, die vor 100 000 Jahren begann und vor 20 000 Jahren endete, war „Niño“ schwach.

„Niño“ kann also anscheinend ziemlich unbeeindruckt von mittleren Klimaänderungen aus sich heraus noch heftiger schwingen, als wir es bisher erlebt haben. Zudem scheint es erst bei „richtigen Eiszeiten“ einzuschlafen. Was bedeutet das alles für die weltweiten Witterungsbedingungen?

Die Antwort auf diese Frage ist durch die Studie noch etwas weiter in die Zukunft verschoben worden. Es kann sein, dass ein „Niño-Schalter“ umgelegt wird, wenn die globale Erwärmung mit der Zunahme der Emissionen tatsächlich kräftig steigen wird, aber sicher ist das nicht. „Die Studie zeigt, dass wir noch mehr Klimaarchive erschließen müssen“, heißt es in dem „Nature“-Bericht abschließend.

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