Gesundheit : Wetterleuchten des Infarkts

Ein einfacher Bluttest ermöglicht es, das Risiko für eine Herzattacke bereits Jahre vor dem Ereignis abzuschätzen

Hartmut Wewetzer

Rauchen, hoher Blutdruck, hohe Blutfette, Zuckerkrankheit, Stress … An Risikofaktoren für eine Herzattacke herrscht wahrlich kein Mangel. Schon vor 20 Jahren waren 246 von ihnen bekannt, und seitdem ist die Zahl stetig gewachsen. Trotz dieser Konkurrenz hat es ein Faktor namens C-reaktives Protein geschafft, in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit der Experten auf sich zu ziehen. Nach einer umfangreichen neuen Studie sagt ein erhöhter CRP-Gehalt im Blut das Herzrisiko sogar besser voraus als der gebräuchliche Cholesterintest.

CRP ist in der Medizin seit Jahrzehnten bekannt. Der Eiweißstoff wird in der Leber hergestellt und ist immer dann im Blut erhöht, wenn irgendwo im Körper eine Entzündung grassiert oder eine Verletzung aufgetreten ist. Bessert sich die Lage, sinkt auch der CRP-Gehalt im Blut binnen Stunden wieder auf normale Werte.

Ein erhöhtes Risiko für eine Herzattacke wird immer dann angenommen, wenn mehr von dem „schlechten“ LDL-Cholesterin im Blut kreist. Das Problem bei diesem Test liegt darin, dass die Hälfte aller Patienten mit Herzattacke ganz normale Cholesterinwerte haben. Auch hierin liegt die Chance des CRP-Tests: solche Personen zu erkennen, die trotz normalem Cholesterinwert ein Herzrisiko haben.

Paul Ridker und seine Kollegen von der Harvard Medical School in Boston werteten die Bluttests von insgesamt 28000 gesunden Frauen aus, die an der großen Langzeituntersuchung „Women’s Health Study“ teilgenommen hatten. Das Ergebnis nach durchschnittlich acht Jahren: Je höher der CRP-Wert, desto höher das Risiko für Herzinfarkt, Herztod, verengte Herzkranzgefäße oder Schlaganfall. Das Fünftel der Frauen mit den höchsten CRP-Werten hatte ein 2,3fach höheres Risiko als das Fünftel der Frauen mit den niedrigsten CRP-Werten. Dagegen erwies sich der Cholesterinwert als nicht so gutes Vorhersagemaß. Das Herzrisiko war bei den 20 Prozent Frauen mit den höchsten Cholesterinwerten allenfalls um das 1,5fache erhöht.

Die im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Studie stützt aufs neue die These, dass bei der Arteriosklerose (verfettete und verkalkte Gefäße) Entzündungsprozesse eine wichtige Rolle spielen. Umstritten ist allerdings die Behauptung, dabei seien unter Umständen Krankheitserreger wie Bakterien (Chlamydien, Helicobacter) oder Viren (Herpes, Cytomegalievirus) mit im Spiel. „So etwas ist nicht belegt“, sagt Dietrich Andresen, Herzspezialist im Berliner Urban-Krankenhaus. „Aber ein erhöhter CRP-Wert könnte ein Indiz für nicht von Bakterien verursachte Entzündungsvorgänge im Herzkranzgefäß sein.“

Welche Konsequenzen hat die Untersuchung? Sollten nun alle Patienten mit erhöhtem CRP-Wert auf ihr Herzrisiko getestet und vorsorglich mit Medikamenten behandelt werden? Andresen winkt ab. Dafür ist es noch zu früh, sagt er. Ein hoher CRP-Wert ist nicht typisch für das Herz, sondern ein ganz allgemeines Entzündungszeichen.

Andresen schließt sich der Forderung seiner amerikanischen Kollegen an, zunächst n einer großen Studie zu testen, ob die vorsorgliche Therapie hoher CRP-Werte mit Medikamenten die Gefahr für das Herz auch bei Gesunden senken könnte. Geeignet für eine solche Prophylaxe wären die cholesterinsenkenden Präparate aus der Gruppe der Statine.

Diese Medikamente senken nicht nur den Cholesterin-, sondern auch den CRP-Wert und „stabilisieren“ die Arteriosklerose. Die Gefahr, dass die Haut über Ablagerungen im Herzgefäß aufreißt und sich an dieser inneren „Wunde“ ein Blutgerinnsel bildet, das schließlich zum Gefäßverschluss (Infarkt) führt, wird verringert.

Bis die Vorsorgepille gegen den Infarkt ihre Wirksamkeit bewiesen hat, schadet es allerdings nichts, die gesicherten Ratschläge zur Vorbeugung zu beherzigen: Mit dem Rauchen aufhören, den Blutdruck im Zaum halten, wenig gesättigte Fette, Cholesterin und Salz zu sich nehmen, viel Bewegung und Maßhalten beim Körpergewicht.

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