Gesundheit : Wettlauf mit den USA

Wie die europäische Forschung gefördert werden soll

Hermann Horstkotte

Im Wettbewerb mit den Amerikanern um Wirtschaftswachstum und Wohlstand will Europa die heimischen Wissenschaften aufrüsten. „Die Förderung der Grundlagenforschung muss gestärkt werden, einschließlich der Gründung eines Europäischen Forschungsrates“ – das betonten Bundeskanzler Schröder, Premier Blair und Staatspräsident Chirac bereits nach ihrem Berliner Treffen Mitte Februar in einem Brief an den EU Kommissionschef Romano Prodi. Bislang fördert Brüssel in „Rahmenprogrammen für Forschung und technologische Entwicklung“ mit jährlich rund vier Milliarden Euro vor allem anwendungsorientierte Entwicklungsvorhaben zum Beispiel in der Informatik, die möglichst schnell zur Marktreife führen. Die großen Sprünge ergeben sich aber oft aus jahrzehntelanger produkt- und marktferner, „rein theoretischer“ Neugierde. Ein aktuelles Beispiel: die Flüssigkristallforschung, die sich neuerdings milliardenfach auf Handy- Displays und Flachbildschirmen auszahlt.

„Ein Blick auf die Nobelpreisträger und die führenden natur- oder technikwissenschaftlichen Fachzeitschriften zeigt, dass die USA in der Basisforschung mit weitem Abstand vor Europa an der Spitze liegen", erklärt Bertil Andersson von der European Science Foundation, dem Dachverband nationaler Forschungsförderer, darunter auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Wie die Aufholjagd organisiert werden kann, darüber läuft seit anderthalb Jahren in immer engeren Zeitabständen eine ganze europäische Konferenzserie. Einig sind sich alle immer darin: Gefördert werden sollen nur die allerbesten Forscher in Europa, unabhängig vom Pass und der jeweiligen Arbeitsstätte, mit insgesamt einer halben oder am besten gleich zwei Milliarden Euro im Jahr. Aber wer soll das bezahlen? Diese Frage ist bislang ungeklärt. So erklärt Christoph Mühlberg von der DFG: „Das Geld für einen Europäischen Forschungsrat muss von Brüssel zusätzlich bewilligt werden und kann nicht zu Lasten der nationalen Förderprogramme gehen.“ Der englische Nobelpreisträger Tim Hunt spitzt sogar zu: „Die nationalen Agenturen sind die natürlichen Gegner einer Exzellenzförderung im internationalen Rahmen.“ Das gilt allerdings nicht uneingeschränkt. Selbstbewusst hält Berthold Neizert von der MPG dagegen: „Wir sind jetzt schon international, der Europäische Forschungsrat ist für uns reizvoll als Qualitätssiegel wie als Geldquelle.“

Freilich: Sechs EU-Länder, darunter Deutschland, Frankreich und Großbritannien, haben offiziell erklärt, „dass die EU-Ausgaben auf dem gegenwärtigen Niveau stabilisiert werden und nicht mehr als ein Prozent des EU-Bruttonationaleinkommens betragen dürfen“. Damit wird die Obergrenze für Europa um fast ein Viertel gesenkt. Bisher lag die Grenze bei 1,25 Prozent des Bruttonationaleinkommens.

Wenn es dabei bleibt, prophezeien alle europäischen Bildungsexperten, ist der gemeinsame Forschungsrat bestenfalls das Feigenblatt, das die fehlende Unionspolitik in der Grundlagenwissenschaft verdeckt. Zum Vergleich: Der US-Kongress bewilligte allein für Gesundheitsforschung im vergangenen Jahr gut 27 Milliarden Dollar, doppelt so viel wie vor fünf Jahren. Da mag es im europäisch-amerikanischen Wettrennen fast gleichgültig erscheinen, ob Brüssel eine halbe oder zwei Milliarden oder keinen Cent für den Vorstoß in noch unentdeckte Wissensregionen zusammenbringt.

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