Gesundheit : Wettlauf um das Erbgut: Craig Venter will seine Genom-Daten Abonnenten überlassen

Robert von Rimscha

Ein kleines, in der breiten Öffentlichkeit unbekanntes Unternehmen soll das menschliche Genom komplett entschlüsselt haben? Craig Venter, der Chef von "Celera", verkündete die Sensation am Donnerstag bei einer Anhörung vor dem US-Kongress. Sofort kam Skepsis auf. Wie kann es angehen, dass das private Forschungslabor im US-Bundesstaat Maryland, das verspätet in das Wettrennen eingestiegen war, dem seit Jahren mit Steuermillionen geförderten weltweiten "Human Genome Project" (HGP) den Rang abgelaufen haben soll?

Inzwischen hat sich die Aufregung ein wenig gelegt. Ein Grund ist technischer Natur. Celera, eine Tochter von "P. E. Biosystems", hat das menschliche Erbgut in Sequenzen von 500 bis 600 "Buchstaben" unterteilt und behauptet lediglich, diese maschinell auf ihre vier Bausteine untersucht zu haben. Das Erbgut besteht aus rund drei Milliarden Bausteinen, die in rund 80 000 Genen auf 23 Chromosomenpaaren angeordnet sind. Für die Bestimmung der richtigen Reihenfolge der Sequenzen veranschlagt Venter "weitere drei bis sechs Wochen". Es dürfte kein Zufall sein, dass dann Ende Mai ist. Das HGP hatte vor kurzem verkündet, mit seiner Analyse längerer, zusammenhängender Sequenzen drei Viertel des Erbgutes entschlüsselt zu haben - und den Rest bis Ende Mai erledigt zu haben.

Ein zweiter Grund für die am Freitag abflachende Erregung war der Umstand, dass die auf den ersten Blick grundlegenden Unterschiede zwischen Celera und dem HGP relativiert wurden. "Als Forscher drückt man wahrscheinlich dem öffentlichen Konsortium die Daumen", meint Lee Silver, Molekularbiologe in Princeton. "Aber im Grunde geht es nur darum, die Schnittstelle zwischen öffentlich zugänglichem Wissen und privatwirtschaftlich genutzten, patentierbaren Informationen zu bestimmen. Medikamente und Therapien werden in jedem Fall von profitorientierten Pharmakonzernen entwickelt werden." Silvers Kollege Richard Gibbs, der als Direktor der HGP-Niederlassung an der Universität von Texas in Houston arbeitet, stimmt zu: "Die beiden Visionen sind gar nicht so unterschiedlich. Ausgangs- und Endpunkt sind jeweils identisch: Rohdaten bekommen alle, medizinische Anwendungen sind kommerziell nutzbar."

Celera, das bereits das komplette Genom der Fruchtfliege Drosophila ins Internet gestellt hat, will auch das menschliche Genom ins World Wide Web stellen, sobald die Daten überprüft sind. Drosophila war das Pilotprojekt des Unternehmens. Viele Gegner hat die vor erst 22 Monaten gegründete Forschungseinrichtung durch ihre Drosophila-Arbeit überzeugt. "Den Kritikern wurde durch den Erfolg bei der Fruchtfliege der Wind aus den Segeln genommen. Heute sieht es so aus, als wäre Celera der klare Sieger", schrieb die "New York Times" jetzt.

Celera will durch Abonnenten auf seine Kosten kommen. "Wir haben den größten zivilen Computer, der je zusammengebaut wurde", meint Venter. "Schon jetzt entspricht die Datenmenge aus dem menschlichen Genom dem fünf- bis sechsfachen der Library of Congress." Es mache für Pharmakonzerne keinen Sinn, Celeras Computer nachzubauen und jene mathematischen Algorithmen zu kopieren, die die rasche Entschlüsselung und Verknüpfung erst möglich machen. Universitäten sollen, so kündigte der Celera-Chef am Donnerstag an, jährlich zwischen 5000 und 15 000 Dollar zahlen. Venter stellt sich die Zukunft seines Unternehmens als Datenbank vor. "Wir könnten eine Art Bloomberg der Wissenschaft werden", glaubt er mit Verweis auf die bekannte Wirtschaftsdatenbank. "Ein Kollege von Bloomberg hat neulich sogar gesagt, Bloomberg wolle der Celera der Wirtschaft sein."

"Das ist schon außergewöhnlich, was wir mit unserem Investment-Kapital anstellen", räumt Venter kokett ein. "Wir bestimmen das Genom, ohne die Steuerzahler zu belangen. Und wir stellen es der Welt zur Verfügung, weil es Entdeckungen nach sich ziehen wird, für die Forscher stärker auf unsere Datenbanken, Computerkapazitäten und Software angewiesen sind als heute." Venter macht deutlich, dass er in Konkurrenz zum HGP steht. "Unsere Daten sind akkurater als die des HGP", behauptet er.

Das HGP wird vor allem aus US-Steuermitteln und aus Zuschüssen des britischen Wellcome Trust finanziert. "Der Wellcome Trust hat die US-Labors gezwungen, jede Nacht alle Daten ins Internet zu werfen. So mit Rohdaten umzugehen ist nicht der Stil, den Wissenschaftler bevorzugen", glaubt Venter. Und er schreibt sich das Verdienst zu, die öffentlichen HGP-Einrichtungen zur Eile getrieben zu haben. "Wir haben denen Dampf gemacht!" Wohl nicht genug. Am Freitag verlautete aus dem HGP, man werde erst einen Monat später, Ende Juni, fertigwerden - und dann auch nur eine Rohfassung mit 90 Prozent aller Gene präsentieren. Gespräche über eine Kooperation von Celera und HGP sind mehrfach gescheitert.

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