Gesundheit : Wider die Bildungsarmut

Die Soziologin Jutta Allmendinger wird Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin

Anja Kühne,Tilmann Warnecke

Europas größtes sozialwissenschaftliches Institut bekommt eine Chefin. Jutta Allmendinger, Arbeitsmarktforscherin in Nürnberg, wird Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Das Kuratorium des Instituts stimmte der Berufung Allmendingers am Dienstag zu. Damit ist die Nachfolge des renommierten Historikers Jürgen Kocka geregelt. Dessen fünfjährige Amtszeit endet im Dezember, weil er das 65. Lebensjahr erreicht hat.

Mit der 49-jährigen Allmendinger führt künftig eine profilierte Soziologin das WZB. Seit 2003 leitet Allmendinger das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, das sie zu einem echten Forschungsinstitut entwickelt hat. Dorthin war sie von einer Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München geholt worden, die sie 1992 als erst 36-Jährige angetreten hatte.

Inzwischen ist Allmendinger auch außerhalb der Wissenschaft bekannt. Denn sie erforscht ein Thema, das den Deutschen unter den Nägeln brennt: die Berufswelt – und wie diese in Zukunft gestaltet werden muss. Unter den letzten Titeln auf ihrer imposanten Publikationsliste befinden sich Analysen zur Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, zum demografischen Wandel oder zum Zusammenhang zwischen Sozialpolitik und Bildung.

Allmendinger wurde in Harvard promoviert, wo sie später – wie auch in Stanford – als Gastwissenschaftlerin forschte. Mit Berlin verbindet sie ihre Zeit am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die Habilitation an der Freien Universität und seit 2004 ihre Mitgliedschaft in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Die Soziologin war von einer Findungskommission des WZB als geeignete Kandidatin ausgeguckt worden. Ihre Zusage löst an dem Institut große Freude aus. Es handle sich um eine „ausgewiesene, international sichtbare Wissenschaftlerin“, ist zu hören. Allmendinger sei „tatkräftig und führungsstark“, wie ihre Arbeit am IAB in Nürnberg zeige. Auch passe Allmendingers Forschungsprofil gut zum WZB, als neues Thema bringe sie Fragen der Bildungsforschung mit ein. Den letzten Ausschlag habe ein Besuch Allmendingers am WZB gegeben, bei dem die Mitarbeiter eine „offene und dialogfähige“ Wissenschaftlerin erlebt hätten.

Wo muss Allmendinger in ihrer Amtszeit, die im April beginnt, anpacken? „Das Institut ist in Europa und weltweit sehr angesehen“, sagt Allmendinger. Doch gebe es große Umbrüche in der deutschen Universitätslandschaft, die auch das WZB nicht unberührt lassen dürften. Die Exzellenzinitiative werde zu einer Ausdifferenzierung zwischen den Hochschulen führen, größere Universitäten möglicherweise in der Forschung gestärkt. Das WZB müsse darüber nachdenken, wie es seine eigene inhaltliche Ausrichtung „stärker prononcieren“ könne.

Mehr noch: Allmendinger selbst will den Wandel des Hochschulsystems am WZB zu ihrem Forschungsthema machen. Wozu führt die Föderalismusreform, wozu die Exzellenzinitiative, wozu die leistungsorientierte Professorenbesoldung?, könnten die Fragen lauten. Und vor allen Dingen: Sind dies die richtigen Hebel für eine Reform?

Allmendinger wünscht sich, dass das WZB enger mit den Unis zusammenrückt und gemeinsame Programme für Doktoranden und Habilitanden auflegt, mit denen sich international „die besten Leute“ gewinnen lassen. Nach ihren Erfahrungen in den USA sei sie eine Anhängerin der strukturierten Doktorandenausbildung.

Eine große Aufgabe in Allmendingers Amtszeit wird es sein, den Personalwechsel am WZB zu gestalten. Eine Generation erfahrener Forschungsdirektoren geht in den Ruhestand oder hat das Institut bereits verlassen, darunter der ehemalige WZB-Präsident Meinolf Dierkes, Hedwig Rudolph, Wolfgang van den Daele oder Günter Schmid. Die betreffenden Abteilungen können ganz geschlossen oder ihr Profil neu akzentuiert werden – die Entscheidungen werden zukünftige Fragestellungen des WZB festlegen.

Allmendinger will wie Jürgen Kocka daran arbeiten, die recht unabhängigen Abteilungen des WZB so zu verklammern, dass es einen Austausch zwischen den Disziplinen und den unterschiedlichen Denkkulturen der Soziologen, Politologen, Rechtswissenschaftler, Ökonomen und Historiker gibt. Zu diesem Zwecke hatte Kocka die Forschungsprofessuren am WZB zur Blüte gebracht: Die betreffenden Wissenschaftler, darunter etwa Ralf Dahrendorf, leiten keine Abteilung, sondern forschen übergreifend. Kocka selbst wird nach seinem Ausscheiden als Präsident für drei Jahre eine Forschungsprofessur am WZB antreten und historische Verbindungen schaffen.

Um gemeinsam Vorschläge für die Zusammenarbeit der Abteilungen zu entwickeln, will Allmendinger sich mit den Mitarbeitern des WZB bald „lange zusammensetzen“. „Von unten nach oben kommunikativ aufbauen“, will sie die neue Profilierung. Allmendinger hält nichts von einem autoritären Führungsstil – harmoniesüchtig ist sie nicht. Das SPD-Mitglied ist mit seinen Analysen in allen politischen Lagern angeeckt. 1999 verschreckte Allmendinger die CSU, als sie – zwei Jahre vor Pisa – im bayerischen Sozialbericht den Bayern eine enorme „Bildungsarmut“ attestierte. Die Gewerkschaften und die Arbeitgeber irritiert es, wenn sie das duale System der beruflichen Bildung infrage stellt. Es bereite nicht auf Lebensläufe vor, in denen mehrfacher Berufswechsel zur Regel werde. Immer wieder hat die Soziologin, selbst Mutter eines zwölfjährigen Sohnes, kritisiert, in Deutschland werde das berufliche Potenzial der Frauen verschleudert.

Am WZB hofft man zu Recht darauf, dass Allmendinger Kockas Politik fortsetzen wird, Wissenschaft öffentlich zur Diskussion zu stellen. Ihr Ziel sei ein „streitendes, lebendiges, nicht konfliktscheues Institut“, sagt sie, ein WZB, dass seine Potenziale auch einmal nutzt, um „verrückten Ideen“ nachzugehen.

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