Gesundheit : Wider die Manipulation

Abu Zayd will den Koran vor politischem Missbrauch schützen

Gerwin Klinger

Seit dem 11. September, seit der Islam im Westen auf die Feindseite zu rutschen droht, ist der ägyptische Korangelehrte Nasr Abu Zayd für die hiesige Debatte zu einer wichtigen Stimme geworden. Schon seine politisch-intellektuelle Biografie nötigt Respekt ab: In seiner Jugend war er Anhänger der Muslimbruderschaft. Als Techniker arbeitete er bei der National Communication Organisation. Parallel dazu studierte er arabische Literatur und lehrte ab 1990 an der Universität Kairo. Seinen kritischen Koran-Analysen und seine Thesen über die Trennung von Staat und Religion haben großen Einfluss auf Reformkräfte in den arabischen Ländern. Der Preis, den Zayd zahlte, war hoch: Seine Ernennung zum Ordinarius wurde abgelehnt, ein Gericht verfügte die Zwangsscheidung seiner Ehe.

Die religiöse Orthodoxie klagte Zayd wegen Ketzerei an und bedrohte ihn mit dem Tode. 1995 musste er mit seiner Frau emigrieren und lehrt heute Islamwissenschaft an der Universität Leiden. Die Rolle, die ihm hier zu Lande auf Podien zugedacht wird, ist die des Warners. Dem Zerrbild, das den Islam auf Jihad und Sharia, auf Gotteskrieger und Steinigungen reduziert, soll er das Lichtbild eines aufgeklärten und dialogfähigen Islam entgegensetzen. Ein Vortragsabend im Berliner Wissenschaftskolleg gab jetzt Gelegenheit, Zayd jenseits solch plakativer Zuordnungen als Koran-Hermeneutiker kennen zu lernen, der das ganze Arsenal der Text-Chemie, von Diskursanalyse, Linguistik und historischer Ethnographie, beherrscht.

Was Zayd mit „Besorgnis und Angst“ erfüllt, sind die „politischen Manipulationen“ an der Bedeutung des Islam. Die Liste, die Zayd aufmacht, ist lang. Als Ägypten sich in den 60er Jahren in Richtung Sozialismus und arabischen Nationalismus bewegte, wurde der Islam als Religion der Gerechtigkeit und der Jihad als Kampf gegen Imperialismus und Zionismus propagiert. In den 70er Jahren folgte die Wende zur „open door economic policy“ und den Islam sah man nun als Religion des Privateigentums. Daraufhin wurde die Bodenreform von 1954 als anti-islamisch zurückgenommen und die Erbschaftssteuer abgeschafft. Als 1978 der Friedensprozess mit Israel einsetzte, hielt man den Islam als Religion des Friedens hoch.

Das hermeneutische Projekt, das Zayd seit über zwanzig Jahren verfolgt, möchte diesen ins Kraut schießenden pragmatischen Islam-Exegesen „methodische Normen“ der Koran-Interpretation entgegensetzen. Gelänge das, gerieten die politischen manipulierenden Islam-Interpretationen unter methodischen Legitimationsdruck und wären philologisch eingehegt. Dabei geht es Zayd nicht darum, eine bestimmte Lesart des Koran durchzusetzen. Er begreift den „Islam als Projekt mit offenem Ende“ und plädiert durchweg für eine „interpretative Vielfalt“. Diese Differenzierungen im Spiel von Interpretation und Neuinterpretation seien notwendig, weil die Botschaft des Koran sonst „degenerieren“ und erst Recht zur Beute des politischen Pragmatismus würde.

Das Kunststück, eine interpretatorische Vielfalt ins Werk zu setzen, gelingt Zayd mit einer ausgeklügelten Hermeneutik: Er markiert eine Tiefenstruktur des Koran, die durch den ursprünglichen kulturellen und sozio-politischen Kontext und das historische Verständnis der Menschen bestimmt ist, die seine Botschaft als erste empfingen. Die Bedeutung des Koran für die erste Muslim-Generation sei auf Grund ihrer Historizität „fast unverrückbar“. Beweglich ist hingegen der Sinn, den die Interpretation des Koran erzeugt. Regelgerecht interpretieren heißt: Seine ursprüngliche Bedeutung im historischen, kulturellen und sprachlichen Ursprungskontext wird dekodiert und dann im zeitgenössischen Kontext des Interpretierenden rekonstruiert und neu kodiert. Das ermöglicht differierende Interpretationen, limitiert diese aber zugleich durch Verpflichtung auf die „Tiefenstruktur“.

„Wir haben nicht Gott. Wir haben den Text“, sagt Zayd und bezeichnet damit den politischen Einsatz seiner Koran-Hermeneutik. Sie lässt den Status des Korans als „Wort Gottes“ unangetastet, dennoch konstituiert sie ihn als diesseitigen Text. Zayd säkularisiert damit auch das Geschäft des Interpretierens zu einem, das weniger religiöse als vielmehr hermeneutische Kompetenz verlangt.

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