Gesundheit : Wie aus der Studienreform mit Bachelor und Master die große Hochschulreform wird

Uwe Schlicht

Wenn der 26-Jährige Student N. einen Bachelor-Abschluß in Business Administration macht, bekommt er nicht nur einen international bekannten Hochschulabschluss - er hat sein Studium in drei Jahren absolviert und einen erheblichen Teil des Lehrstoffes in Englisch bewältigt. Das klingt nach Studienreform und gilt als modern. Geht es nach dem Wissenschaftsrat, so soll es weit mehr geben als eine bloße Studienreform. Die Konzepte reifen in den Schubladen des Wissenschaftsrats zur großen Hochschulreform heran. Noch einmal soll mit dem Hebel Bachelor und Master der Versuch gewagt werden, den Hochschulen in Deutschland einen Modernisierungsschub zu geben.

Schon vor diesem Schub ist die Reform in Gang gekommen. Immer mehr Hochschulen bekommen inzwischen Räte, in denen herausragende Persönlichkeiten den so notwendigen Blick von außen vermitteln: Was erwartet die Gesellschaft von ihren höchsten Bildungsstätten? Aber das allein reicht nicht für eine große Hochschulreform. Alles muss schneller gehen. Schließlich sollen deutsche Hochschulabsolventen und junge Wissenschaftler noch in den kreativsten Jahren ihres Lebens mehr als nur ihre ersten Berufserfahrungen sammeln. Wenn der neue Rhythmus "drei, zwei, drei" - gemeint sind drei Jahre zum Bachelor, zwei Jahre zum Master, drei Jahre zur Promotion - wirklich greift, dann können deutsche Hochschulabsolventen nach acht Jahren bereits ihren Start als promovierte Nachwuchswissenschaftler feiern. Und wer lediglich ein Studium für eine gehobene Berufsausbildung plant, kann mit 23 oder 24 Jahren mit dem Bachelor die Hochschule verlassen. Das wären amerikanische Zustände. Heute dagegen wechseln deutsche Hochschulabsolventen mit dem Magister oder Diplom erst mit 27 Jahren in die Berufswelt.

Und was kommt für die Wissenschaft dabei heraus? Der 28jährige Doktor bewirbt sich in den folgenden fünf Jahren an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland, um sich in Lehre und Forschung zum Professor zu qualifizieren. Die Energie und Jahre verschleißende Riesenarbeit an der Habilitation wird in den meisten Fächern überflüssig. Der junge, kreative deutsche Wissenschaftler ist dann bei der Erstberufung zum Professor 35 Jahre alt und nicht wie heute über 40.

Jede Reform hat nicht nur ihre schönen Seiten, sie fordert auch ihre Opfer. Um die geht die Kontroverse. Ein amerikanischer College-Bachelor, der dem Niveau einer deutschen Schuloberstufe, kombiniert mit dem Grundstudium an einer Universität entspricht, kommt für Deutschlands Universitäten nicht in Frage. Auch die Einengung auf nur ein Fach, das in drei Jahren zum Bachelor-Abschluss führt, ist für deutsches Denken nur eine Schmalspurausbildung. Zwei Fächer sollten es schon sein, wie es heute beim Magister üblich ist. Und selbst das deutsche Diplom ist durch seine Querverbindungen zu den verschiedensten Disziplinen kein bloßes Ein-Fach-Studium. Kein Wunder, dass die Fakultätentage der Philosophen und Sozialwissenschaftler von einem zu eng gefassten Bachelor für die meisten Studenten nichts wissen wollen.

Der Wissenschaftsrat wird sich bei seinen Überlegungen für eine grosse Hochschulreform noch am Widerstand der klassischen deutschen Universitäten die Zähne ausbeißen. In einem internen Papier des Wissenschaftrats heißt es: "Nach einer Übergangszeit soll allein aus Kostengründen nicht an einer Doppelstruktur der Abschlusssysteme festgehalten werden: Langfristig sollten die Abschlüsse Bachelor und Master die bisherigen deutschen Abschlüsse Diplom/Magister ersetzen." An diesen Überlegungen entzündet sich der Widerstand.

Ob eine solche Radikalreform den Kultusministern schmecken wird, ist eine offene Frage. Die Kultusminister haben auf jeden Fall das letzte Wort bei der rechtlichen Umsetzung der Reformvorschläge des Wissenschaftsrats. Es gibt genügend Stimmen - an der Spitze Bayern Wissenschaftsminister Hans Zehetmair und Sachsens Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer - die vor einer schematischen Übernahme des amerikanischen Modells warnen. Sie wollen am Magister und Diplom festhalten und sehen im Bachelor oder Master nur eine Ergänzung hin zu internationalen Abschlüssen. Die klassischen deutschen Abschlüsse wollen sie aber mit einer internationalen Übersetzung versehen.

Die zweite grosse Reform, die mit der Einführung von Bachelor und Master verbunden wird, führt zur außerordentlichen Aufwertung der Fachhochschulen. Sie dürfen künftig Studiengänge sowohl für den Bachelor als auch für den Master anbieten. Nur im Titel wird der Unterschied zwischen einem Fachhochschulmaster und einen Universitätsmaster erkennbar sein.

Damit nicht genug. Wenn die Masse der deutschen Studenten künftig nach dem Bachelor-Studium zunächst die Hochschule verlassen soll, dann geht das nur über eine Selektion. Der Wissenschaftsrat und der philosophische Fakultätentag wollen hohe Hürden vor der Zulassung zum Masterstudium errichten: Nur die Besten 20 bis 30 Prozent eines Studentenjahrgangs könnten dann den Master direkt im Anschluss an den Bachelor erreichen.

Lassen sich alle diese Ziele in einer grossen Hochschulreform bündeln, dann werden mit einem Schlag auch ideologische Barrieren niedergerissen, die jahrzehntelang die deutsche Bildungsdiskussion belastet haben: Die Hochschulpolitik könnte dann in Einklang mit einer Wiederbelebung Humboldtscher Ideale und einer Durchsetzung des Servicegedankens gebracht werden. Das Massenproblem, das die deutschen Hochschulen seit dem Öffnungsbeschluß der Ministerpräsidenten von 1977 drückt, wird kanalisiert. Die Masse der Studenten wird mit dem Bachelor frühzeitig in die Berufswelt entlassen. Die eigentliche Elite bekommt in den Masterstudien dann Bedingungen einer Forschungsuniversität geboten. Das könnte dem alten Grundgedanken Humboldts von der Einheit von Forschung und Lehre sowie der Persönlichkeitsbildung durch Wissenschaft entsprechen.

Schließlich müssten sich die Hochschulen ehrlicher als bisher zu der gesellschaftlichen Aufgabe bekennen, dass auch sie vorrangig zur Ausbildung der jungen Generation beizutragen haben. Dieser Teil der Debatte wird seit den Jahren der Bildungsexpansion mit sehr viel Schlitzohrigkeit, Schuldzuweisungen und Jammern geführt. Sprach der ehemalige Bundeswissenschaftsminister Jürgen Rüttgers davon, dass Humboldts Universität tot sei, dann antworteten die Hochschulrektoren über ihren damaligen Sprecher Hans-Uwe Erichsen, Humboldts Universität sei nicht tot, sie drohe nur in der Masse zu ersticken. Implizit blitzte dahinter der Gedanke durch, der Ausbildungsauftrag für die Massen mache die Universitäten kaputt. In Wahrheit geht es den Hochschulen bis heute eher um sachgemäße Bedingungen für Forschung und Lehre als um die Garantie der Studienplätze.

Dabei ist den Professoren kaum bewußt, wie sie von außen bewertet werden. Für Politiker ist allein interessant, ob mit Forschungen Arbeitsplätze geschaffen werden können. Zähneknirschend müssen die Hochschulen erkennen, dass auch die Zahl der Studienplätze ein wesentlicher Maßstab ist, an dem die Politiker die Bedeutung für die Gesellschaft bemessen. Der Nachweis, dass in einer Region die Zahl der Studienplätze knapp wird und die Landeskinder nicht mehr versorgt werden können, weckt Ängste vor dem nächsten Wahlkampf. Daher müssen sich die Hochschulen seit dem Öffnungsbeschluss der Ministerpräsidenten mit der Frage herumschlagen: Wie viele Studienplätze braucht die Stadt, ja die Bundesrepublik? Die Antwort ist ein Rechenspiel: Wenn Wirtschaft und öffentlicher Dienst den 900 000 Heranwachsenden im wiedervereinigten Deutschland jährlich nicht mehr als 600 000 Ausbildungsplätze anbieten, müssen die Hochschulen für 300 000 Studienanfänger geöffnet bleiben. Die Massenuniversität bleibt uns erhalten.

Das hat Folgen für den Hochschulbau. Es ist die erklärte Absicht des Wissenschaftsrats, nicht nur die große Hochschulreform mit dem Bachelor und Master in den Griff zu bekommen, sondern gleichzeitig auch zur Entlastung der Universitäten die Fachhochschulen so auszubauen, dass 40 Prozent der Studienanfänger eines Jahrgangs an den Fachhochschulen eingeschrieben werden. Heute sind es erst 28 Prozent.

Eine weitere Komponente der großen Hochschulreform ist der Servicegedanke. Bisher war er in den deutschen Hochschulen unterentwickelt. An den Fachhochschulen ist er stärker ausgeprägt als an den Unis und an den technischen Universitäten allein schon wegen der Auftragsforschung aus der Industrie eher entwickelt als an den geistes- und naturwissenschaftlichen Universitäten. Mit der Einführung von Bachelor und Master wird sich der Servicegedanke überall durchsetzen. Service über englische Lehrveranstaltungen; Service über die Aufteilung des Studiums in Bausteine oder Module, für die Kreditpunkte vergeben werden. Diese Kreditpunkte erleichtern die Anerkennung beim Hochschulwechsel. Und Service in der Berufsorientierung. Das Achselzucken des Goethekenners, der über die Berufschancen der Germanistikstudenten wenig weiß, muss der Vergangenheit angehören.

Um die Jahrtausendwende klären sich die Perspektiven. Die Politiker müssen entscheiden, ob sie aus der Studienreform von Bachelor und Master eine große Hochschulreform machen wollen. Die Hochschulen hätten eine schlüssige Konzeption nötig.

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