Gesundheit : Wie das Herz die falsche Form bekam Ein anatomischer Irrtum wurde zum Liebessymbol

Margit Mertens

Ob mit Buntstift ins Schulheft gekritzelt, in die Rinde eines Baumes geritzt oder allgegenwärtig zum Valentinstag – die Botschaft ist eindeutig: Das Herzsymbol signalisiert Liebe. Seit dem Altertum gilt das menschliche Herz als Sitz der Seele und der Gefühle. Schon aus der Steinzeit sind herzförmig behauene Steine bekannt, und bis in Kunst und Kommerz der Gegenwart wird das Herz als allgemeinverständliches Kürzel für Liebe und Leidenschaft gebraucht.

Das Herz ist in vielen Kulturen und Religionen ein magisches Sinnbild. Doch während seine Darstellung im antiken Ägypten noch halbwegs an die eigentliche Faustform des menschlichen Hohlmuskels erinnert, entspricht unser modernes Herzsymbol keineswegs der anatomischen Form. „Die symbolisierte Darstellung des Herzens ist das Ergebnis eines anatomischen Irrtums“, sagt Jürgen Frielingsdorf, leitender Kardiologe am Stadtspital im schweizerischen Triemli.

Der griechische Arzt und Philosoph Aristoteles beschrieb den Hohlmuskel im 4. Jahrhundert vor Christus als „eher rundlich und am Ende zugespitzt“, während Hippokrates ihn als pyramidenförmig bezeichnete. Claudius Galen, 500 Jahre später Arzt in Rom, behauptete: „Das Herz sieht kegelförmig aus, mit breiter runder Basis, die sich zunehmend verjüngt.“ An diese Blasenform glaubte die Wissenschaft während des ganzen Mittelalters. „Nicht nur die nahezu uneingeschränkte Autoritätsgläubigkeit den historischen Vorbildern gegenüber war schuld an diesem Erkenntnisstillstand“, erläutert Frielingsdorf, „sondern auch die Tabuisierung der Leichenöffnung, zuerst durch die Römer und anschließend durch die frühchristlichen Kirchenväter.“

Es existierten weder anatomische noch künstlerische Illustrationen. Das älteste bekannte Bild eines Herzens im europäischen Raum taucht in einem englischen anatomischen Manuskript um das Jahr 1100 auf und stellt das Herz wie eine auf der Spitze stehende Pyramide dar. Frielingsdorf glaubt, der Ursprung des neuzeitlichen Herzsymbols sei in den Texten Aristoteles’ zu finden. Dieser beschrieb drei Herzkammern, von denen die dritte in der Mitte zwischen den beiden Hauptkammern liege. Dadurch komme es zu einer deutlichen Delle in der oberen Herzbasis. Da die Wissenschaft bis ins 14. Jahrhundert der Darstellung Aristoteles’ nicht widersprach, setzte sich diese Vorstellung des Herzumrisses bei Künstlern und Anatomen durch. Erst um 1500 zeichnete Leonardo da Vinci nach Studien an Leichen ein anatomisch richtiges Herz. Dennoch lebt die unkorrekte, eingedellte Herzkontur aus dem Mittelalter bis heute fort, „da sie schon als Symbol für das Herz anerkannt war“, so der Experte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben