Gesundheit : Wie der Wolf auf den Hund kam

Der treue Vierbeiner hat seinen Ursprung in China – und lernte im Laufe der Zeit immer mehr, uns zu verstehen

Peter Spork

Mops und Afghane rennen um die Wette, Chihuahua und Dogge kreiseln umeinander, Dackel und Retreaver balgen um einen abgegriffenen Tennisball. Wer das bunte Treiben auf einer sommerlichen Parkwiese betrachtet, mag kaum glauben, was Forscher jetzt herausfanden: Alle Hunde haben die gleichen Vorfahren. Vielleicht gibt es sogar einige wenige Ur-Hunde, von denen all die heutigen Gefährten abstammen.

Vor etwa 15000 Jahren zähmten Menschen in Ostasien eine Hand voll Wölfe und legten damit den Grundstein für eine einzigartige Beziehung. Drei Forscherteams enthüllen im aktuellen Heft des Wissenschaftsmagazins „Science“ erste Schritte der Hundwerdung: Zunächst breiteten sich die Hunde erstaunlich schnell über Asien und Europa aus. Sogar bis nach Amerika schafften sie es innerhalb weniger Tausend Jahre. Während ihrer Domestizierung waren sie offenbar nicht nur einer gezielten Rassenzucht ausgesetzt. Vierbeiner, die menschliche Signale besonders gut verstehen konnten, waren im Vorteil und sicherten damit dauerhaft ihre Stellung als treue Gefährten des Menschen.

Peter Savolainen vom Königlichen Institut für Technologie in Stockholm untersuchte mit Kollegen das Erbgut von 654 Hunden und 38 Wölfen, um herauszufinden, wann und wo die Vorfahren der Vierbeiner lebten. Dazu wertete er ein Stück aus der „mitochondrialen DNS“ der Hunde aus. Dieses Erbgut wird nur von Müttern an ihre Kinder weitergegeben und alle Änderungen sind auf Zufallsmutationen zurückzuführen. Der Vergleich ermöglicht deshalb Rückschlüsse auf den Hunde-Stammbaum: Je ähnlicher das Erbgut zweier Hunde, desto enger verwandt dürften sie miteinander sein. Aus der Zahl der Mutationen lässt sich sogar kalkulieren, wann die letzten gemeinsamen Vorfahren lebten. Und das Muster aus geographischer Verteilung und Verwandtschaftsgrad ergibt, wo diese gelebt haben dürften.

Zunächst fanden Savolainen und Kollegen heraus, „dass die Population aller Hunde von mindestens fünf weiblichen Wölfen abstammt“, wobei drei Linien den Ursprung von 95 Prozent aller Hunde bilden. Die weitere Auswertung ergab, dass diese Linien etwa am gleichen Ort entstanden sind: „Es existierte wahrscheinlich nur ein geographischer Ausgangspunkt“, fasst Savolainen zusammen. Dieser liege in Ostasien, vermutlich in China.

Vor 15000 Jahren sei dort die Zähmung von Wölfen wahrscheinlich „eine gängige Praxis in der Bevölkerung“ gewesen. Die größte Hunde-Linie, der mehr als zwei Drittel aller lebenden Rassen angehörten, sei theoretisch zwar deutlich älter, die beiden anderen wichtigen Gruppen aber nicht. Deshalb und aufgrund anderer Indizien vermuten die Gen-Archäologen, dass die vermeintlich ältere Linie aus der gleichen Epoche stammt, genetisch jedoch älter erscheine, weil sie eine Mischung mehrerer kleiner Gruppen sei.

Die zweite „Science“-Publikation verdeutlicht, wie schnell sich die Hunde im Schlepptau wandernder Menschen ausbreiteten. Jennifer Leonard von der University of California in Los Angeles, USA, knöpfte sich mit einem internationalen Team Überreste amerikanischer Hunde vor, die vor Kolumbus’ Wiederentdeckung des Kontinents lebten. Das Fazit ihrer Gen-Analysen: Die Hunde der neuen Welt stammten von den gleichen Vorfahren ab, wie ihre Vettern aus der alten. Schon „die Menschen, die Amerika vor 12000 bis 14000 Jahren kolonialisierten, brachten mehrere Linien domestizierter Hunde mit“, schreiben die Forscher.

Dass die Hunde ihre Position so rasch und nachhaltig eroberten, dürfte auch an ihrer Fähigkeit liegen, menschliche Signale so gut zu verstehen, wie kein anderes Tier. Weder Schimpansen, die nächsten Verwandten des Menschen, noch Wölfe, die Ahnen der Hunde, können den Vierbeinern darin das Wasser reichen. Das fanden Verhaltensforscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Harvard University in Cambridge, USA, heraus. Hunde sind eindeutig am geschicktesten darin, einen Menschen zu verstehen, der auf verstecktes Futter zeigt, das Versteck berührt oder es anstarrt.

Junge Hunde, die bislang kaum Kontakt zu Menschen hatten, schnitten in den Tests sogar besser ab, als ausgewachsene Wölfe, die mit Menschen zusammen lebten. „Unsere Ergebnisse stützen nicht die Voraussagen, wonach Hunde ihre Fähigkeiten von Wölfen geerbt oder durch intensiven Kontakt mit Menschen erlernt hätten“, sieht Ko-Autor Brian Hare aus Cambridge zwei populäre Thesen widerlegt. Stattdessen scheinen die enormen hündischen „Fähigkeiten zur sozialen Kommunikation“ Resultat eines Ausleseprozesses während der Verwandlung vom Wolf zum Haustier zu sein. Bewusst oder unbewusst hatte der Mensch also schon vor mehr als zehn Jahrtausenden seine Finger im Spiel der Evolution.

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