Gesundheit : Wie die Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden kann

Peter Struck

In einer überschaubaren Jugendkulturnische wird heute vieles vorgegeben: wie man sich zu kleiden hat, welche Musikrichtung man zu bevorzugen hat, welche Insider-Sprachcodes zur Identifizierung Gleichgesinnter gelten, welche Feindbilder den Bewährungsaufstieg ermöglichen und wie man seine Freizeit zu verbringen hat. Der Mangel an Familienleben wird in Gruppen ausgeglichen, die Wir-Bewusstsein, Geborgenheit, Solidarität, Akzeptanz und Rangordnungsaufstieg bieten.

Kinder, die Geborgenheit vermissen und unter Zuwendungsdefiziten leiden, trösten sich dagegen vielfach mit Kuscheltieren, mit Haustieren oder gar mit Ratten. Wenn ihre Eltern ihnen nicht zuhören, wenn sie von ihnen zu wenig Ansprache bekommen, dann sprechen sie mit ihren Tieren. Sie erproben mit diesen Platzhaltern Nähe und Distanz, Körperkontakt und Ablehnung, Liebe und Strafe.

Was ein Mensch von außen her zu viel oder zu wenig an Reizen erhält, das zwingt ihn von innen her zum Gegensteuern. Das gilt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zugleich. Bei Schülern nennen wir die Phänomene dann Essstörungen, Hyperaktivität, Gewalt, Autodestruktion bis hin zum "Schülerselbstmord".

Suche nach Ersatzbefriedigung

In dem Maße wie stress- und problemgeplagte Eltern ihren Kindern eine stoffliche Ersatzbefriedigung geben (Nahrung, Spielzeug, später Geld und den Bildschirm), lernen diese schon früh, dass die Grundbedürfnisse auch anders befriedigt werden können. Sie fügen sich zum Ausgleich selbst etwas vermeintlich Gutes zu, indem sie zunächst zucker- und dann esssüchtig werden, indem sie später zu Nikotin, Alkohol, Tabletten und illegalen Drogen greifen oder der Spielsucht erliegen.

Jedes vierte Vorschulkind ist inzwischen sprachgestört - dazu gehören Sprachverweigerung, Stottern, Poltern. Hinzu kommt das Phänomen der Sprachverzögerung durch zuviel Fernsehkonsum bei gleichzeitigem Mangel an Ansprache und Zuhören durch Eltern und Geschwister.

Jedes dritte Schulkind ist mittlerweile verhaltensgestört. Psychische Unruhe, Konzentrationsmängel, das "Montags-Syndrom", Wahrnehmungsstörungen und Gewaltbereitschaft zählen dazu. An zahlreichen Schulen wie an der Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Kamen erreichen zwei Drittel aller Schüler nicht mehr das Mindestniveau, das sich die Schulpolitiker und Lehrer erhoffen. Viele von ihnen verhalten sich alltäglich so, "als ob ihr zentrales Nervensystem direkt ans Fernsehprogramm angeschlossen" sei - so formuliert es ihr Gesamtschullehrer Horst Hensel. Das moderne Kind kann oft nicht mehr gut zuhören und schon gar nicht am Montag nach dem Bildschirmkonsum des Wochenendes ("Montags-Syndrom"). Schulen bieten im morgendlichen Kreis den Kindern die Gelegenheit, unverarbeitete Reize erst einmal hinauslassen zu können.

Was die Bildschirmhelden können und dürfen, können und dürfen die Kinder selbst zu Hause meist nicht. Daher fallen für sie Fernseh- und Filmwelt und ihre graue Alltagswelt weit auseinander. Da sie die Kluft dieses für sie unstimmigen Weltbildes nicht zu überbrücken vermögen, bauen sie in sich Spannungen auf, die sie zu Abreaktionen zwingen.

Mittlerweile lässt sich auflisten, was man gegen Gewalt tun kann und was sich an manchen Stellen Deutschlands bewährt hat

Wir brauchen in den Kindergärten und Grundschulen ein "Frühwarnsystem", damit sich andeutende neurogene Störungen nicht zu schweren Verhaltensstörungen auswachsen.

Präventionsräte in vielen Städten sind bemüht, alle mit Kindern und Jugendlichen befaßten Institutionen zu vernetzen, so dass Hilfe eher greift. Jugendbeauftragte der Polizei und Präventionslehrer an Schulen, aber auch Familienhelfer, Straßensozialarbeiter und Gemeinwesenarbeiter stehen für eine solche Vernetzung.

In Norwegen hat man ein Unterrichtsprinzip "Höflichkeitserziehung" geschaffen. Mit gutem Erfolg werden Lehrer dort fortgebildet, häufig "bitte" und "danke" zu sagen und die Schüler morgens per Handschlag zu begrüßen und nachmittags zu verabschieden.

In vielen deutschen Schulen werden mittlerweile mit den Schülern "Klassenregeln" als Verhaltensregeln erarbeitet und ausgehängt oder Verträge mit einzelnen schwierigen Schülern oder ihren Eltern geschlossen, als "Verhaltensbündnisse" oder als "Pakte des Vertrauens".

Mit dem "Täter-Opfer-Ausgleich" wird dem Täter vor Augen geführt, was er angerichtet hat. Er wird zum Mitleiden mit dem Opfer und seinen Angehörigen sowie zu einer eigenen Ausgleichsleistung, also zur "Wiedergutmachung aus Überzeugung" geführt. Außerdem wird ihm vermittelt, wie er künftig auf andere Weise seinen Frust kanalisieren kann.

Mit der "Werteerziehung über Dilemmata" in Nordrhein-Westfalen wird jeder schulische Konflikt noch einmal per Rollenspiel veranschaulicht. Es wird dann gefragt, was Täter, Opfer und Zuschauer hätten stattdessen tun können. Die Vorschläge der Schüler werden danach in Diskussionen bewertet und die angemessenen erneut über Rollenspiele eintrainiert.

Mit der Ausbildung der Zuschauer zu "Streitschlichtern" oder "Konfliktlotsen", die nicht mehr nur gaffen oder weggucken, wird in Niedersachsen die Fähigkeit des sich Einmischens geschult.

In schulischen Opferschutzprogrammen wird jungen Menschen beigebracht, wie man sich je nach Situation angemessen wehren, behaupten und durchsetzen kann, ohne Opfer zu werden.

Alle diese Maßnahmen sind gegenüber einem Teil der Kinder und Jugendlichen durchaus wirkungsvoll. Ihr Erfolg hängt wesentlich von den Persönlichkeiten der beteiligten Pädagogen und von der jeweiligen Individualität des jungen Menschen samt seiner Vorgeschichte ab.

In Rollenspielen lernen

Wir sollten schon beim kleinen Kind dafür sorgen, dass sowohl Vernachlässigung als auch Verwöhnung vermieden werden. Bereits Grundschülern kann man beibringen, wie man das macht, wenn man ein Problem hat, indem wir ihm per Rollenspiel und per Bewertung in anschließenden Diskussionen ganz viele Verhaltensalternativen für kritische Lebenssituation vorführt. Dazu gehören Argumentieren, Eingreifen, Hilfe holen, einen Bus oder ein Taxi mit Sprechfunk anhalten, in ein Geschäft laufen, Leserbriefe schreiben, in die Politikersprechstunde gehen, wie es die Lehrerinnen in der Lübecker Domschule tun.

Wir nähern uns dann endlich unserem schon so alten, aber immer noch nicht umgesetzten Erziehungsziel des mündigen demokratischen Staatsbürgers, der sich angemessen entscheiden, wehren, behaupten und durchsetzen kann und der es nicht mehr nötig hat, mit Cool-Sein, mit Macho-Gehabe, mit martialischem oder gar bewaffnetem Auftreten, mit provozierender Hässlichkeit, mit muskelstrotzendem Bodybuilding, Kampfsporttechniken und Kampfhunden seine inneren Schwächen zu kaschieren oder in einer Jugendbande seinen Familienersatz zu finden. Mit der Stärkung des Selbstwertgefühls, mit dem Ermöglichen von Erfolgserlebnissen und dem Aufbau der Schlüsselqualifikation Konfliktfähigkeit werden junge Menschen gestärkt.Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg. In der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist sein Buch "Die Kunst der Erziehung" erschienen.

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