Gesundheit : Wie die Zucht, so die Frucht

Fehlen der heutigen Schule Tugenden wie Fleiß und Ordnung? Was Regeln Schülern bringen

Florian Urschel

„Auch die Schule muss Werte vermitteln.“ Das hat unlängst der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) verlangt. Ohne Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und viele weitere Werte und Tugenden hätten Kinder im Leben schlechtere Chancen. Als Helmut Schmidt einst forderte, man müsse die Sekundärtugenden wiederbeleben, antwortete der junge Oskar Lafontaine, mit Sekundärtugenden könne man auch ein KZ leiten. In diesem Sinne verstand auch die 68er Pädagogik unter Werten etwas anderes als Fleiß und Ordnung: Selbstbestimmung, soziale Verantwortung und Toleranz. Haben die 68er das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, als sie den Untertanengeist aus den Klassenzimmern verbannten?

In Deutschland gibt es eine neue Debatte um die alten Werte in der Schule. Das zeigen auch Neuerscheinungen wie „Benehmen macht Schule“ von Gerlinde Unverzagt oder „Fünfzig Jahre passé, Knigge ade, Schule oh je!“ von Cornelia Frech-Becker und Susanne Becker. Becker und Becker erklären, „wie widerwärtig heute das Benehmen ist“, „warum Schüler Uniformen tragen sollten“, „warum das Lernen vom Lehrer diktiert werden muss“ und „warum Beten wieder neu gelernt werden muss“. „Disziplin“ verlangen die Autorinnen, leuchtendes Vorbild sind die 50er Jahre – eine Provokation.

Schuleschwänzen, Unpünktlichkeit, fehlende Höflichkeit: Gerlinde Unverzagt sieht darin keine Kavaliersdelikte. Kleine Beleidigungen und Regelverstöße stünden oft am Beginn handfester Gewaltkarrieren. Für die vielen Schüler, die heute in sozial schwierigen Verhältnissen aufwachsen, ist es eine neue Erfahrung, Grenzen gesetzt zu bekommen – die oft beglückend, nämlich als Klarheit und Geborgenheit erlebt wird. Die Schüler profitieren selbst vom Schutz der Regeln und von der guten Atmosphäre, die diese schaffen. Hat eine Schule sich einmal darauf geeinigt, dass jeder gegrüßt, niemand angepöbelt wird, verändert sich das Klima.

Muss also ein Schulfach „Benehmen“ her? Vor zwei Jahren gab es dazu eine hitzige bundesweite Debatte: UBV – „Umgang, Benehmen, Verhalten“. So nannte der Bremer Schulleiter Karl Witte damals ein Unterrichtsfach, mit dem er der immer rauer gewordenen Umgangsformen an seiner Schule Herr werden wollte. Schüler waren unverschämt zu Lehrern, mobbten einander und prügelten sich beim kleinsten Anlass. „Umgang, Benehmen, Verhalten“ sollte die Verrohung der Schülersitten stoppen.

Und jetzt? UBV hat sich nicht durchgesetzt, in keinem Bundesland steht Benimmunterricht auf dem Stundenplan – nicht mal mehr in Bremen. Karl Witte hat das Schulzentrum Flämische Straße verlassen, in dem er UBV lehrte. Niemand wollte das Fach von ihm übernehmen. Der 63-Jährige ist jetzt Schulleiter an einem Gymnasium, er sagt: „Hier wird UBV nicht gebraucht.“ An seinem Schulzentrum musste er hauptsächlich Hauptschülern aus bildungsfernen oder zerrütteten Familien beibringen, was Respekt ist. Einmal pro Woche machte er mit Fünftklässlern Rollenspiele, jeweils ein halbes Jahr lang. Die Kinder sollten in möglichst alltäglichen Situationen lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen und höflich zu sein. „Es hat den Schülern Spaß gemacht, Busfahrten und Schulhofdiskussionen zu simulieren“, sagt Witte. „Ob es dauerhaft was gebracht hat, weiß ich nicht.“ Eigentlich müsse man Kinder die ganze Schulzeit über lehren, wie wichtig gegenseitiger Respekt sei.

Was macht den Rüpel zum Rüpel? „Gerade viele Hauptschüler spüren, dass sie kaum Chancen in unserer Gesellschaft haben“, sagt die Psychologin Daniela Ulber von der Freien Universität Berlin. „Das frustriert sie und macht sie aggressiv.“ Sie fordert deutliche, aufgeschriebene Regeln, an die sich alle Schüler und Lehrer zu halten haben. „Darin soll dann klipp und klar stehen: Was passiert, wenn einer mitten im Unterricht einfach rausgeht? Was passiert, wenn einer sein Handy zückt?

Ein eigenes Schulfach für gutes Benehmen halten viele Pädagogen für sinnlos. Achtung voreinander und den (selbstgesetzten) Regeln sind eine Angelegenheit jeder Schulstunde. Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband hält „die schlagzeilenträchtige Show-Veranstaltung eines schulischen Benimm-Faches“ für einen PR-Gag. Es sei für Lehrer schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, Spielregeln zu vermitteln. Auch von eigenen „curricularen Bausteinen“, wie das Saarland sie hat, hält Kraus nichts.

Das dortige Bildungsministerium hat eine Unterrichtsmappe mit dem Titel „Respekt & Co“ an alle Schulen des Bundeslandes verschickt. Je nach Bedarf kann die Mappe in allen Unterrichtsfächern und Klassenstufen eingesetzt werden, für Dritt- und Viertklässler ist der Stoff Pflicht. In verschiedenen Kapiteln wie „Miteinander reden“, „Mein und Dein“ oder „Verhalten in der Öffentlichkeit“ sollen die Kinder lernen, sich gegenseitig zu achten. „Es geht nicht darum, wie man das Besteck bei Tisch richtig hält“, sagt Annette Reichmann vom Bildungsministerium. Sie hat die Mappe zusammen mit Lehrern, Erzieherinnen, Wirtschaftsunternehmern, Polizisten und auch Schülern entwickelt. Im Internet kann jeder interessierte Pädagoge den Stoff schnell herunterladen (www.aktion-respekt.de). „Viele Lehrer finden unsere Idee ganz toll“, sagt Reichmann, „sogar aus Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern kommen positive Meldungen.“ Ob das Verhalten der Schüler sich gebessert hat, kann sie allerdings nicht sagen.

„Disziplin, Schuluniformen, beten“, lautet das Rezept der Autorinnen Becker und Becker. Reicht das als Antwort auf die großen sozialen Probleme der Jugendlichen?

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