Gesundheit : Wie eine moderne Universität tickt

Starke Präsidenten erleichtern es den Hochschulen, sich zu reformieren – doch in Berlin wehren sich PDS-Politiker gegen die Entmachtung der Gremien

Uwe Schlicht

In diesem Jahr will die rot-rote Koalition den Entwurf für ein neues Hochschulgesetz vorlegen. Die Frage stellt sich, ob die Politiker erneut der Ehrgeiz packt, die Hochschulen nach ihren Vorstellungen zu formen oder ob sie, inzwischen bescheidener geworden, es den Universitäten und Fachhochschulen überlassen, die jeweils beste Lösung für sich zu finden. Berlin hatte von der Unfähigkeit der großen Koalition profitiert, ein neues Hochschulgesetz zu formulieren. Da sich CDU und SPD nicht einigen konnten, fanden sie eine Lösung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner: Sie gaben 60 Paragrafen des Berliner Hochschulgesetzes im Jahr 1997 zum Experimentieren frei.

Seit 1998 haben zuerst die Humboldt-Universität, dann 1999 die Freie Universität und die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft von dieser Chance Gebrauch gemacht und moderne Hochschulverfassungen entwickelt. Aber diese Experimente wurden nur für vier Jahre genehmigt. Danach sollte der Erfolg der Experimente in einer Evaluation überprüft werden. Die Freie Universität hat diese Evaluation schon im Sommer 2002 abgeschlossen, die Humboldt-Universität ist ihr jetzt gefolgt. Die Frage ist, was künftig aus der Experimentierklausel wird. Werden SPD und PDS dem Drängen der Gruppen nachgeben, ihnen wieder mehr Mitbestimmungsrechte einzuräumen?

Jahrzehntelang haben die deutschen Universitäten ihre Gremien nach dem Gruppenprinzip besetzt, und allzu häufig kamen dabei Entscheidungen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner heraus. Dass Gruppenuniversitäten sich einer schonungslosen Stärken- und Schwächenanalyse unterziehen, ohne von außen dazu gezwungen zu sein, war nicht zu erwarten.

Die Volkswagenstiftung hat deshalb schon vor Jahren ein Programm zur Verbesserung des Leitungs- und Entscheidungssystems aufgelegt, an dem sich zehn Universitäten beteiligen. Die Bilanz: Besonders das neue Leitungsmodell der HU ist lobenswert. Das heutige fünfköpfige Präsidententeam der Humboldt-Universität besteht aus Vollprofis, die nichts anderes mehr während ihrer fünfjährigen Amtszeit zu tun haben, als sich der Leitung der Universität zu widmen. Über dem Präsidententeam steht ein neues Kuratorium, das nicht mehr nach den Prinzipien eines Rundfunkrates mit Funktionären aus Parteien und Interessengruppen besetzt ist, sondern mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Staat greift nicht mehr ständig in die Universität mit Einzelanweisungen ein, sondern nimmt auf die Hochschulpolitik durch Verträge Einfluss. Der Präsident reicht diese Ziele an die Fakultäten weiter und schließt mit den Dekanen entsprechende Zielvereinbarungen. Fächer, die diese Ziele nicht erreichen, können Nachteile erleiden.

Angesichts dieser positiven Entwicklungen appellierte der Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Wilhelm Krull, an die Politiker in Berlin, das Rad zur Gruppenuniversität nicht zurückzudrehen. Wenn alles zurückgenommen würde, würde die Humboldt-Universität heruntergewirtschaftet. Die Dekane sollten für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt werden, forderte HU-Präsident Mlynek. Krull ergänzte, wenn die Leiter der Fakultäten wie bisher nur ein Jahr als Prodekan und ein Jahr als wirklicher Dekan wirken könnten, würden sie alles daran setzen, um schmerzhafte Entscheidungen zu vermeiden. Eine Hochschule im internationalen Wettbewerb bestrafe sich jedoch selbst, wenn sie schwache Dekane wähle.

Eine Stärkung der Dekane ist auch der Freien Universität empfohlen worden. Bei der Evaluation im Sommer 2002 wurde das folgendermaßen begründet: Damit nicht nur die Präsidenten von ihren Wählern aus der Hochschule unabhängiger werden, sondern auch die Dekane, soll das Prinzip der doppelten Legitimation greifen. Zuerst kommt der Präsident durch die Zustimmung des Kuratoriums (Hochschulrat) und des Akademischen Senats in sein Amt. Danach schlägt der Präsident die Dekane vor, damit er auf der Ebene der Fachbereiche und Fakultäten geeignete Partner für seinen Reformkurs findet. Die so Nominierten sollen dann von den Fachbereichsräten gewählt werden. Das ist eine Idee von Detlef Müller-Böhling, dem Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Müller-Böhling ist ein Lieblingsgegner der PDS, gilt er doch als Vordenker der „neoliberalen“ Hochschulreform.

In der Koalitionsvereinbarung von SPD und PDS wird den Berliner Hochschulen auch für die Zukunft Spielraum zum Experimentieren versprochen. Aber es gibt ein Positionspapier der PDS aus dem Jahr 2001, das den Kern der Reformverfassungen der Humboldt-Universität und der Freien Universität grundsätzlich kritisiert. Starke Präsidenten und Dekane sowie Kuratorien, die nach dem Vorbild von Aufsichtsräten zusammengesetzt sind, werden als Elemente einer „marktgesteuerten Unternehmenshochschule“ gebrandmarkt. Die PDS habe die Aufgabe, gegen diese „neoliberale Umstrukturierung“ einen „positiven Gegenentwurf für eine emanzipatorische Hochschulreform“ zu formulieren. Als Stichwort gilt „das Leitbild einer Demokratisierung der Hochschulen“. Wie wird sich das Land Berlin bei der Formulierung des neuen Hochschulgesetzes entscheiden? Benjamin Hoff, der hochschulpolitische Sprecher der PDS-Fraktion erklärte auf Anfrage: Jene Hochschulen in Berlin, die inzwischen neue Modell erprobt hätten, sollten dies fortführen können. Wenn die Technische Universität andere Regelungen wünsche als die HU oder die FU, dann könne sie diesen Weg einschlagen. Spannend und umstritten sei lediglich die Frage, welches Gremium über die neue Verfassung zu entscheiden habe. Für dieses Entscheidungsgremium stelle sich die PDS ein Gruppenmodell vor.

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