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Williams und Schiffer statt Shakespeare und Schiller: Deutsche und britische Jugendliche wissen wenig voneinander

Uwe Schlicht

Ein 20-jähriger deutscher Student sagt über Großbritannien: „Mir gefällt die Offenheit der Gesellschaft und Kultur, der wirtschaftliche Optimismus.” Und eine 23-jährige Angestellte fügt hinzu: „Mich fasziniert an England, dass so viele verschiedene Kulturen auf so engem Raum zusammenleben, ohne dass man viel von Unruhen, Diskriminierung oder Ähnlichem hört.” Solche Meinungsäußerungen gefallen natürlich der Leiterin des British Council in Berlin, Kathryn Board. Sie stellte jetzt in Berlin eine repräsentative Befragung von 1000 deutschen und 1000 englischen Jugendlichen im Alter von 16 bis 25 Jahren vor.

Die Deutschen werden das Ergebnis nicht ganz so positiv bewerten, denn die britischen Jugendlichen äußern auch negative Ansichten über Deutschland. Ein 20-jähriger Student sagt: „Die Deutschen wünschen sich einen europäischen Superstaat, und sie nehmen immer die Liegestühle in den Ferien in Anspruch.” Und ein 25-jähriger Angestellter ergänzt: „Negativ ist die deutsche Vergangenheit, insbesondere die Verwicklung in zwei Weltkriege und die Tatsache, dass dies immer noch ein Brutplatz für weit rechtsstehende Gruppen ist.” Was den englischen Jugendlichen positiv an Deutschland aufgefallen ist, hat eher technischen Charakter. Eine 24-jährige Angestellte nennt die „große technologische Power in Europa, die große Produktivität und eine stabile Wirtschaft”. Eine 18-jährige Studentin bringt die positiven Seiten auf die Formel: „Die Autos und die Architektur.”

52 Prozent der jungen Deutschen waren schon in Großbritannien. Umgekehrt waren erst 37 Prozent der jungen Briten in Deutschland. Die Eindrücke der Deutschen über England und der Engländer über die Bundesrepublik beruhen auf Kurzaufenthalten von bis zu vier Wochen. Für solche Stippvisiten gilt: Man sieht nur, was man sehen will. Für die Briten kommt ein großes Handicap hinzu: Nur 22 Prozent geben an, Deutschkenntnisse zu besitzen, während 97 Prozent der deutschen Jugendlichen behaupten, Englisch sprechen zu können.

Auffallend ist eine völlig andere Präferenz der Briten als der Deutschen. Die jungen Briten sind auf die USA fixiert und skeptisch gegenüber Europa. Die jungen Deutschen sind ebenfalls am stärksten an den USA interessiert, aber an zweiter Stelle steht bereits das Interesse an Großbritannien. Für englische Jugendliche sind englischsprachige Länder wie Australien, oder unmittelbare Nachbarn wie Frankreich und die Niederlande sowie das Ferienland Spanien wichtiger als Deutschland. In der Wertschätzung stehen die USA bei 27 Prozent der Briten an erster Stelle, Deutschland kommt mit nur vier Prozent Fans auf den achten Platz

Das Land, von dem die jungen Deutschen am meisten halten, sind aber nicht mehr die USA. Das war bei der Befragung im Juni 2003 noch der Fall. Im Juni 2004 stand für die deutschen Jugendlichen die Schweiz an erster Stelle, gefolgt von Frankreich und den USA. Diesen Abfall in der Wertschätzung der USA führen die Meinungsforscher auf den Irak-Krieg zurück. Aber wenn es um Studium oder Arbeit im Ausland geht, stehen die USA nach wie vor auf dem ersten Platz – gefolgt von Großbritannien.

Die Zukunftsvisionen von jungen Deutschen und Briten unterscheiden sich stark. Zwar sehen in beiden Ländern die meisten Jugendlichen ihre Zukunft ziemlich optimistisch. Das gilt für 63 Prozent der Deutschen und 65 Prozent der jungen Briten. Aber mehr als die Hälfte der Deutschen haben Angst davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder in ihrem Traumberuf gar keine Chancen zu erhalten. In Großbritannien ist das anders: Nur 16 Prozent der jungen Briten spüren Angst vor Arbeitslosigkeit. Im Vordergrund der Ängste britischer Jugendlicher stehen persönliche Schwierigkeiten wie Schulden oder Krankheit (Aids) und Einsamkeit. In einer weiter gefassten Perspektive ängstigt die britische Jugend noch die internationale Konfliktlage, während solche politischen Krisen bei den deutschen Jugendlichen nicht im Vordergrund stehen.

Über das Bildungsniveau kann man auf Grund dieser Befragung in beiden Ländern nur den Kopf schütteln. Fragt man deutsche Jugendliche nach berühmten britischen Persönlichkeiten, dann können 84 Prozent der jungen Deutschen mindestens einen Briten nennen. Wenn einem Erwachsenen dabei sofort Shakespeare oder Churchill in den Sinn kommen, nennen die deutschen Jugendlichen Popstar Robbie Williams, Lady Diana, den Fußballer David Beckham und die Queen. Umgekehrt können 64 Prozent der jungen Briten gar keine berühmte deutsche Person nennen – wenn überhaupt fällt ihnen noch Claudia Schiffer ein.

Was ist zu tun? Das Goetheinstitut möchte seine Auslandsarbeit umstellen, nicht etwa um die Briten über die deutschen Klassiker aufzuklären, sondern um sie davon zu überzeugen, dass es außer den technischen Werten von Autos und Wirtschaftskraft noch eine multi-kulturelle und junge Kultur in Deutschland gibt. Und die Kultusministerkonferenz möchte mehr junge Briten nach Deutschland einladen, damit sie dieses Land unter entsprechender Betreuung und Begleitung anders kennen lernen als durch die Brille von Vorurteilen.

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