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Google stoppt sein Digitalisierungsprojekt – vorerst. Wie gut sind die alternativen Volltextsuchmaschinen?

Gerd Hansen

Der Suchmaschinengigant Google hat eines seiner ehrgeizigsten Projekte auf Eis gelegt. Ende letzten Jahres hatte das kalifornische Unternehmen angekündigt, gut 15 Millionen Bücher fünf großer Bibliotheken einzuscannen, um sie in den Index der Suchmaschine aufzunehmen. Ähnlich wie bei der Funktion „Search-Inside-the-Book“ von Amazon soll dadurch auch die Recherche im Volltext ermöglicht werden. Jetzt teilte Google auf der eigenen Homepage mit, man wolle bis November vorerst keine weiteren, urheberrechtlich geschützten Bücher mehr einscannen. Rechteinhabern soll die Möglichkeit eröffnet werden, dem ungefragten Erfassen ihrer Werke zu widersprechen. Sie könnten Google mitteilen, welche Werke nicht in der Trefferliste der Suchmaschine auftauchen sollen.

Mit diesem Schritt trägt das börsennotierte Unternehmen der massiven Kritik vieler Verlage Rechnung. Diese fürchten, dass sie durch die massenweise Digitalisierung der von ihnen verlegten Bücher die Kontrolle über die Vermarktung der digitalen Inhalte verlieren könnten. Unter Urhebern und Verlegern geht die Sorge um, mit Google mache man letztlich den Bock zum Gärtner. Die Ergebnisse der geistig-schöpferischen und verlegerischen Arbeit würden abgegrast, ohne dass sie eine angemessene wirtschaftliche Beteiligung erhielten.

Das Angebot der digitalen Volltextrecherche ohne vorherige Nutzungsrechtseinräumung sieht die Verlagsseite als eklatanten Urheberrechtsverstoß. Christian Sprang, Justiziar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, bezeichnet das vorläufige Aussetzen der Digitalisierung denn auch „als einzig richtige und konsequente Entscheidung“. Das von Google offerierte so genannte „Opt-Out-Modell“, also die Möglichkeit gegen eine Aufnahme in den Suchmaschinenindex vorzugehen, wertet Sprang allerdings als „absolut unvereinbar mit dem deutschen Urheberrecht“. Die von Google angestrebte digitale Nutzung bedürfe stets der vorherigen Genehmigung der Rechteinhaber.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat unterdessen eine eigene Task Force „Volltextsuche online“ eingesetzt. Ziel ist es, eine durch die Verlage kontrollierte, zentrale Branchenplattform zur Volltextsuche von Büchern im Internet aufzubauen. Im November soll die Abgeordnetenversammlung des Börsenvereins über das Projekt entscheiden. Nichtsdestotrotz ist man beim Börsenverein bemüht, kämpferische Töne gegenüber dem strukturell und finanziell überlegenen Suchmaschinenbetreiber zu vermeiden. Man setzt bewusst auf Kooperation mit Google, aber auch anderen Suchmaschinenbetreibern wie Yahoo – schließlich tummeln sich auf deren Seiten die umworbenen Kunden.

Begrüßt wurde die jüngste Ankündigung von Google auch durch einen der profiliertesten kulturpolitischen Kritiker des Digitalisierungsprojekts, Jean-Noël Jeanneney. Der Direktor der französischen Nationalbibliothek befürchtet, dass die amerikanische Hegemonialstellung im Kultur- und Wissenschaftsbereich durch das Scanprojekt gestärkt wird. Kontinentaleuropäische Sprachen seien darin unterrepräsentiert. In einem Beitrag für „Le Monde“ forderte Jeanneney nun, dass jetzt das Tempo der europäischen Digitalisierungsbemühungen forciert werden müsse.

Insbesondere wissenschaftliche Volltexte lassen sich aber auch heute schon über das Internet durchsuchen. Der einfache Internetnutzer ist jedoch von der schier unüberschaubaren Angebotsfülle überfordert. Daran konnten auch die Bemühungen der so genannten „Open-Access-Bewegung“, die einen freieren Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen mittels kostenfrei zugänglicher Online-Archivierungen propagiert, kaum etwas ändern. Die Unübersichtlichkeit hat aufgrund selbst archivierter Beiträge mitunter eher zugenommen.

Der Informationsfülle steht eine Vielzahl spezialisierter Suchmaschinen für wissenschaftliche Inhalte gegenüber. So gibt es Suchmaschinen für die frei verfügbaren „Open-Access-Inhalte“. Die wichtigste Metasuchmaschine dafür ist mit rund 5,8 Millionen Datensätzen von 523 Einrichtungen „OAIster“, die von der University of Michigan betrieben wird. Suchmaschinen wie „Citeseer“ und „Google Scholar“, mit denen man nach bestimmten Fachgebieten suchen kann, bieten mehr Service: Sie zeigen die Zitierhäufigkeit der gefundenen Treffer an. „Citeseer“ umfasst allerdings vornehmlich Beiträge aus dem Bereich der Informatik und Informationswissenschaft.

Den Bereich Wissenschaft, Technologie, Medizin deckt „Scirus“ ab, die englischsprachige Wissenschaftssuchmaschine des Elsevier-Verlags. Die Volltextrecherche ist bei diesem Anbieter im Gegensatz zu den Abstracts aber häufig kostenpflichtig.

Die Quellen von über 40 deutschen Partnern bündelt und vereinheitlicht „Vascoda“, ein fachübergreifendes Wissenschaftsportal. „Vascoda“ sucht allerdings nicht im gesamten World Wide Web, sondern in den teilweise kostenpflichtigen Fachdatenbanken der Vascoda-Partner. Deutschsprachige Nutzer können sich zudem über die überarbeitete Version der interdisziplinären „Bielefeld Academic Search Engine“ (kurz: BASE) freuen, die eine leicht handhabbare Verfeinerung der Suchanfragen und der Ergebnisdarstellung ermöglicht.

Wissenschaftliche Publikationen von staatlich geförderten Forschungseinrichtungen hat das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte „Forschungsportal.Net“ im Visier. Neu ist hier die Möglichkeit, sämtliche bei der Deutschen Bibliothek hinterlegten Dissertationen zu durchsuchen.

Angesichts der Vielfalt der bestehenden Suchmaschinenangebote zur Volltextrecherche ist das Aussetzen des Google-Digitalisierungsprojekts zumindest für Wissenschaftler kein allzu großer Rückschlag. Es bleibt trotzdem zu hoffen, dass Google seine Bemühungen fortsetzt – und dabei die Kooperation mit Verlegern und Urhebern weiter verbessert.

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