Gesundheit : Wie fühlt sich Seide an, wie schwer ist Holz?

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Von Dorothee Nolte

Sie sehen so ernst aus, wie sie da Schleifen binden, Buchstaben sortieren, Stoffe ertasten, Glocken klingen lassen - sehr konzentriert sind die Kinder im Montessori-Kinderhaus, die man auf den Fotos aus der Weimarer Zeit sehen kann. Auf den heutigen Betrachter wirken sie aber auch ein wenig freudlos - ein Lachen, ja ein Lächeln hat Seltenheitswert, von Ausgelassenheit keine Spur. Wie sich die Kleinen benahmen, wenn sie gerade nicht fotografiert wurden, wissen wir nicht. Sicher ist: Sie spielten, forschten, lernten mit damals hochmodernem Material, das sowohl handwerklich als auch pädagogisch von vorbildlicher Qualität war.

Nuancen der Farbe Blau

In einer kleinen Ausstellung im Bauhaus-Archiv kann man sie jetzt in Augenschein nehmen - all die Klangglocken, Sandpapierbuchstaben, geometrischen Formen, Knüpfrahmen, Farbtäfelchen, Steckkästen, Rasselbüchsen, mit denen die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870-1952) die Sinne der Kinder wecken und trainieren wollte. Wie fühlt sich Seide an, wie Baumwolle? Wie schwer ist ein Holzbaustein, wie schwer einer aus Metall? Wie viele Nuancen der Farbe Blau gibt es? Es sind Originalmaterialien aus der Zeit von 1913-1935, die hier zum ersten Mal ausgestellt werden - zuvor lagerten sie in Kisten in Tauberbischofsheim, wo die Berliner Herstellerfirma Johannes P. Müller sie nach dem Krieg hingeschickt hatte. Die Wander-Ausstellung soll später einen Platz in dem Schulmöbel-Museum finden, das die Nachfolgerfirma „Vereinigte Spezialmöbelfabriken" 1998 gegründet hat.

Die Lehre von Maria Montessori, die sie um 1900 zuerst im Umgang mit behinderten und sozial benachteiligten Kindern entwickelte, scheint heute, im Zuge der Debatten um die Pisa-Studie und Kindergärten als Bildungseinrichtungen, neue Aktualität zu gewinnen: Betonte die promovierte Ärztin doch immer wieder die Notwendigkeit, Kinder zum selbsttätigen Forschen anzuregen. Getreu dem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun" hielten sich die Erzieherinnen im Hintergrund. Die Kinder konnten sich mit den Materialien so lange beschäftigen, wie sie wollten, einen festen Lehrplan gab es nicht. „Sie sind kluge Forscher, nicht ziellose Wanderer", schrieb Montessori über ihre Schützlinge.

Auch sie selbst sah sich in erster Linie als Forscherin, die ihre Lehrmaterialien mit Hilfe von empirischen Studien entwickelte: Legt man Kindern Spielzeug in verschiedenen Farben vor, worauf reagieren sie stärker? Das Training der Sinne fördere die emotionale und intellektuelle Entwicklung der Kinder, die auf diese Weise spielerisch an die Schrift, die Musik, die Mathematik herangeführt wurden. Eine Pädagogik also, die gleichermaßen weit entfernt ist von einem simplen Sich-Selbst-Überlassen wie vom Frontalunterricht und vom Herumtrudeln in einer virtuellen, nicht sinnlich erfahrbaren Welt, wie Peter Hahn, der Leiter des Bauhaus-Archivs, bei der Eröffnung betonte. Er sieht auch einen Zusammenhang zwischen der Montessori-Pädagogik und dem Bauhaus: Beide sind Teil der Reformbewegung des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

Bügeln, Waschen, Kartoffeln schälen

Die Ausstellung umfasst auch Kindermöbel und Beispiele zur Architektur von Montessori-Einrichtungen, etwa von Gustav Oelsner in Altona oder Günter Behnisch in Ingolstadt. Fotos aus Berliner Kinderhäusern zeigen die Kinder auch bei alltäglichen Vorgängen wie Kartoffelschälen, Bügeln, Waschen, Bücher und Broschüren dokumentieren das Leben und die Lehre Maria Montessoris. Eine Hommage an eine beeindruckende Wissenschaftlerin und Pädagogin, und eine Anregung für die Bildungsdebatten von heute.

Montessori, Lehrmaterialien 1913-1935, noch bis zum 2. September, Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, 10785 Berlin, täglich außer dienstags von 10 bis 17 Uhr, www.bauhaus.de . Der deutsch/englische Katalog kostet 28,50 Euro. Am 20. Juni um 19 Uhr findet im Rahmen der Ausstellung eine Podiumsdiskussion „Reformpädagogik - brauchen wir das heute?" statt (Infos: 25 40 02 78).

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