Gesundheit : Wie geht es unseren Kindern?

Zu dick, zu träge, zu ungeschickt – ob diese Behauptungen stimmen, soll nun eine Studie klären

Adelheid Müller-Lissner

Unsere Kinder werden immer kränker. Diesen Eindruck könnte bekommen, wer Schlagzeilen wie diese liest: Kinder werden immer dicker. Allergien bei Kindern nehmen zu. Jedes fünfte Kind ist entwicklungsgestört.

Doch so gut gemeint die Warnungen sein mögen: Sie erwecken einen falschen Eindruck, sagen Experten. Denn die Kinder sind im historischen und internationalen Vergleich hierzulande gesund wie nie. Die vermeintlichen Hiobsbotschaften verdecken einen grundlegenden Mangel. Bisher fehlen gesicherte wissenschaftliche Daten, wie sich Kinder heute gesundheitlich und körperlich entwickeln – mit weit reichenden Konsequenzen für die Prävention von Leiden, die ihnen später im Erwachsenenalter zu schaffen machen könnten. Das soll jetzt eine bundesweite Studie ändern.

„Wenn wir Gesundheit als Freiheit von Krankheiten definieren, haben wir supergesunde Kinder“, sagt Bärbel-Maria Kurth, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), das im letzten Jahr einen Schwerpunktbericht zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen herausbrachte. Impfungen, Antibiotika, die frühe Operation komplizierter Herzfehler oder das optimale Management chronischer Krankheiten machen es möglich.

Doch gesundes Aufwachsen beinhaltet mehr: Die Minderjährigen, knapp 20 Prozent der Bevölkerung, sollten sich altersgerecht entwickeln können. Und sie sollten nicht in der Kindheit Risiken für Leiden anhäufen, die ihnen später zu schaffen machen. Dass diese Bedingungen heute vielfach fehlen, legen Ergebnisse von Einschulungsuntersuchungen nahe. Sie zeigen etwa, dass die Koordinationsfähigkeit der Sechsjährigen in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen hat.

Genaues über Trends in der kindlichen Entwicklung wissen Forscher bisher allerdings nicht. Viele Studien vergleichen Daten, die gar nicht miteinander vergleichbar sind, kritisiert Kurth. Etwa, wenn Studien herausstellen, dass Brandenburger Kinder bei der Einschulung mehr Kilos auf die Waage brächten als die Erstklässler aus Bayern. Sie differenzieren dabei nicht nach sozialen Gruppen und ziehen nicht die unterschiedliche Zusammensetzung der Bevölkerung ins Kalkül.

Das sollen die Daten des neuen bundesweiten Kinder- und Jugendsurveys „Kiggs“ ändern. Derzeit werden für die Querschnittsuntersuchung, mit der das Bundesgesundheitsministerium das Robert-Koch-Institut beauftragte, in ganz Deutschland 18 000 zufällig ausgewählte Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 18 Jahren befragt. Der Querschnitt bietet erst einmal schnell verfügbare, verlässliche Ergebnisse.

Zunächst einmal wird „Kiggs“ dafür sorgen, dass man auch begrifflich ein bisschen besser sortieren kann. Etwa in Sachen Entwicklungsstörungen: Welche Entwicklung ist gestört, die körperliche, die sprachliche, die seelische? Wo liegen die Bezugspunkte zwischen diesen Bereichen? Um die körperliche Entwicklung zu beurteilen, werden die Kinder nicht nur gemessen und gewogen, sondern müssen – je nach Alter – einige Aufgaben bewältigen: Auf einem Bein stehen und eine Spirale nachfahren. Die Älteren müssen auf dem Fahrradergometer ihre Kondition unter Beweis stellen.

Auch mit dem vieldiskutierten Aufmerksamkeitdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) beschäftigt sich „Kiggs“ ausführlich. Zu Informationen über Symptome und eingenommene Medikamente, die Eltern und größere Kinder dem Fragebogen anvertrauen, kommen Messungen mit einer Spezialkamera, die jähe Bewegungsmuster registriert.

„Bisher hat sich niemand die Mühe gemacht, das Problem von so vielen Seiten zu beleuchten“, sagt Kurth. Sie rechnet damit, dass danach die bisherigen Aussagen über die Häufigkeit des Syndroms etwas nach unten korrigiert werden müssen.

Daten werden dringend gebraucht, will man bei der viel beschworenen Vorbeugung durch Gesundheitserziehung über gute Absichten hinauskommen. Die neue Studie könnte genau das gewährleisten, sagt Kurth: „Wir werden am Ende genauer wissen, wo man wirklich Prävention machen muss.“

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