Gesundheit : Wie germanisch sind die Externsteine?

Älteste Feuerspuren aus dem achten Jahrhundert

Michael Zick

Die Externsteine bleiben hart. Sie geben ihre Geheimnisse auch nach massiver wissenschaftlicher Attacke nur stückchenwiese preis. Um die 13 Sandsteinfelsen, Teil des Teutoburger Waldes nahe dem Denkmal des germanischen Recken Hermann, ranken sich seit Jahrhunderten vielfältige Mythen. Eine hitzige Diskussion mit weltanschaulichen Dimensionen schwelt dabei um die Frage: Kamen hier schon vor 2500 Jahren Gläubige zu kultischen Feiern zusammen?

Die Antwort auf die Frage „vorchristlich-germanische Kultstätte oder nicht“ steht und fällt mit dem Alter der künstlichen Grotten in den 40 Meter hohen Felsnadeln. Mit ihren neuesten Methoden haben die Wissenschaftler von der Forschungsstelle Archäometrie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften am Max-Planck-Institut für Kernphysik nun eines der Rätsel dieses bedeutenden Natur- und Kulturdenkmals Mitteleuropas lösen können. Clemens Woda, Leiter der Studie, betont den Vorteil der Wissenschaftler: „Weder die eigene subjektive Weltanschauung noch irgendwelche Vorannahmen beeinflussten die Untersuchungen. Wir sind völlig ergebnisoffen an die Altersbestimmung herangegangen.“

Zum Alter des Platzes gab es bislang drei sichere Daten: Die Sandsteingruppe entstand vor 70 Millionen Jahren. Der Ort wurde in der Alt- und Mittelsteinzeit (10000 bis 5000 v.Chr.) von Menschen aufgesucht. Im Mittelalter zelebrierten Christen hier ihre Feiern. Aus der Zeit vom Neolithikum bis zum Mittelalter gab es bislang keinerlei archäologische Belege für menschliche Aktivitäten. Steine sind jedoch, entgegen der gängigen Meinung, nicht stumm, sondern haben sogar ein Gedächtnis. Das bohrten die Heidelberger Wissenschaftler an, pressten die Gesteinsproben in ein hochkompliziertes kernphysikalisches Diagnosebett und verkündeten jetzt einen Teilerfolg, Clemens Woda: „Alle ermittelten Alter weisen ins Mittelalter.“

Initiiert und finanziert wurde die Studie von der „Schutzgemeinschaft Externsteine e.V.“, einer Gruppe von Naturschützern, die verhindern will, dass das Landschaftsdenkmal zu einer Openair-Festivalarena umgebaut wird. Vorstandsmitglied Kurt-Uwe Förster ist „nicht ganz glücklich“ mit den Ergebnissen der Studie. „Nun haben wir unsere Gelder ausgegeben für etwas, was wir auch vorher wussten – dass nämlich die Grotten der Externsteine im Mittelalter genutzt wurden.“

Die monumentale Felsgruppe lädt mit ihren künstlichen Treppen und Kammern, Altar und Sonnenfenster, Skulpturen und dem riesigen Relief der „Kreuzabnahme“ zu widersprüchlichen Deutungen ein: War sie ein heidnisches Kultzentrum, ein Nachbau der heiligen Stätten in Jerusalem, eine vorchristliche Sternwarte oder ein Kraftort mit intensiver Erdstrahlung? Die Nationalsozialisten stilisierten die Steine zum germanischen Ahnenerbe.

Die „Schutzgemeinschaft Externsteine“ ist angetreten, endlich Klarheit zu schaffen. Die Hoffnung der Naturschützer sei es „zu einer völligen Neubewertung der Externsteine in der deutschen und europäischen Kulturgeschichte beizutragen“, sagt Vorstandsmitglied Förster. Dazu reicht es nun nicht ganz, aber Förster sieht die Lösung des Rätsels Externsteine dennoch ein „gutes Stück nähergekommen“. Sein Optimismus speist sich aus einem unerwarteten Ergebnis der Heidelberger Studie: Für ihre Untersuchungen bohrten die MPI-Forscher mehrere Gesteinsproben aus den Teilen der Grottendecke, die vor Jahrhunderten einer intensiven Brandeinwirkung ausgesetzt waren. Mit dem neuen und komplizierten Verfahren der „Optisch-Stimulierten-Lumineszenz“ (OSL) können die Forscher ermitteln, wann die Gesteinskörner zum letzten Mal erhitzt wurden – und damit das Mindestalter der Grotten.

Die Proben aus der Haupt- und Nebengrotte der Anlage bestätigten nun die Daten aus dem 12. bis 14. Jahrhundert n.Chr. Die feuererhitzten Gesteinsproben aus der so genannten Kuppelgrotte jedoch datierten die Wissenschaftler ins 8. bis 10. Jahrhundert n.Chr. – also eindeutig älter als die bislang angenommene Nutzungszeit. „Damit wird die Beton-Meinung, dass alles bei den Externsteinen romanisch sei, aufgebrochen“, konstatiert Förster: „Da muss man nun wohl neu nachdenken.“

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