Gesundheit : Wie gut ist der deutsche Kindergarten?

In der französischen „école maternelle“ werden auch die Jüngsten schon intensiv gefordert – in Deutschland haben sie bis zur Schule Schonfrist

Anna Herzog

Soll man Kinder früh fördern oder lieber so lange wie möglich spielen lassen? Solange, bis das harte Leben in Form der Schule auf sie zukommt? Seit die Schuluntersuchung Pisa deutschen Schülern schlechtere Ergebnisse bescheinigt hat als denen anderer Industriestaaten, ist auch der Kindergarten in die Diskussion geraten. Der Vergleich mit den Nachbarn zeigt klare Unterschiede.

Bisher haben wir unsere Kleinsten in Deutschland lieber geschont. Im Kindergarten dürfen sie spielen, viel selbst entscheiden, und lernen sollen sie vor allem, mit anderen Kindern auszukommen. Die Franzosen haben sich dagegen für die frühe Förderung entschieden. Beim Vergleich eines Kindergartentages in beiden Ländern fallen ganz unterschiedliche Schwerpunkte auf: Während deutsche Kinder öfter draußen Laub sammeln, sitzen französische Kinder eher im Halbkreis um ihre Lehrerin herum und üben, ihre eigene Meinung zu vertreten.

Französische Kinder besuchen ab drei Jahren die école maternelle. Der große Unterschied zum deutschen System zeigt sich schon im Namen: école maternelle ist eine „mütterliche Schule“ – noch nicht ganz das raue Leben, aber die Vorbereitung darauf. Die Kinder werden von Grundschullehrern unterrichtet und – für Eltern nicht uninteressant – die école maternelle ist kostenlos.

Hier als Beispiel ein Donnerstag in einem Kindergarten in Berlin und in einer école maternelle in einem Pariser Vorort. Zwei Mütter, die beide auch das jeweils andere Systeme kennen, vergleichen.

Der Tag in Deutschland

Die Katholische Albertus-Magnus-Kindertagesstätte in Wilmersdorf ist von sieben bis 17 Uhr geöffnet. Der Kindergarten hat zwei Gruppen mit je 15 Kindern. In beiden sind Kinder von zweieinhalb bis sechs Jahren.

9:00 gemeinsames Frühstück. Die Kinder sitzen an Vierer- bis Sechser-Tischen in ihrer eigenen Gruppe und essen ihr mitgebrachtes Frühstück. Dazu bekommen sie Kakao und Tee von der Erzieherin.

9:30 Stuhlkreis. Heute bleibt jede Gruppe für sich. Thema im Stuhlkreis ist der Herbst. Die Kinder singen „Bunte, bunte Blätter“.

10:00 bis 11:00 Freispiel: ein Teil der Kinder bastelt mit einer Erzieherin an einer Riesenraupe, die mit den Fotos aller Kinder beklebt wird – ein Geburtstagskalender. Die Kleinsten üben das Ausschneiden.

11:00 bis 11:30 Alle Kinder laufen in den Garten hinter dem Haus und spielen oder sammeln Blätter in Laubsäcke.

11:30 bis 12:00 Kreisspiel und ein Bilderbuch.

12:00 Mittagessen, von einer Köchin frisch zubereitet. Jedes Kind ißt in seiner Gruppe.

13:00 bis 15:00 Mittagspause. Die Kleinen gehen in den Schlafsaal in einem separaten Gebäude hinter der Kirche. Zum Einschlafen liest die Erzieherin ein Stück aus dem „Räuber Hotzenplotz“ vor, die fünfjährigen Vorschulkinder bleiben in den Gruppenräumen und spielen unter Regie ihrer Erzieherin Teile der Erzählung „Donnerwald“ nach.

15:00 Es gibt Obst und die Reste vom Nachtisch. Alle spielen oder werden abgeholt.

Bis 17:00 bleiben nur 10 Kinder.

In Frankreich

École maternelle „Les Chardrottes“, Chatou bei Paris, Klasse der moyens-grands, also der 4,5- bis Sechsjährigen mit 30 Schülern.

8:20 Die Kinder werden von der Lehrerin empfangen. Sie suchen sich ihr Namensschild und stecken es in die Anwesenheitstafel. Innerhalb der Klasse sind die Kinder in vier Gruppen nach Farben unterteilt. Jede Gruppe hat ihren eigenen Tisch, jedes Kind seinen mit Namen markierten Platz. Bis zum gemeinsamen Toilettengang im Gänsemarsch können alle malen oder spielen.

8:40 Alle versammeln sich auf Bänken vor der Tafel, an der Schilder mit Zahlen und Buchstaben hängen. Sie legen mit der Lehrerin Wochentag, Monat und Jahreszeit fest. Die Kinder zählen, wieviele Mädchen hat die Klasse, wieviele Jungen? Danach lässt die Lehrerin alle erzählen, was Wasser für Geräusche und Bewegungen machen kann. Sie korrigiert dabei sprachliche Schnitzer.

9:20 Travail: die blaue Gruppe nimmt sich heute das i vor. Sie umkreisen in einem Text alle i´s in Schreib- und Druckschrift und auf einem Blatt alle Gegenstände, bei denen ein i vorkommt.

10:00 Frühstück: Kekse und Milch für alle.

10:15 Pause auf dem Hof.

10:45 Die Kinder sollen lernen, eine eigene Meinung zu vertreten und vor anderen aufzutreten. Die Lehrerin fragt: War eure Aufgabe heute leicht oder schwer? Sie hängt eine Arbeit an die Tafel. Sind hier alle i´s richtig eingekreist? Danach trägt ein Mädchen vor der Klasse allein ein Gedicht vor, das alle vorher gelernt hatten und wird sehr gelobt.

11:30 Der größte Teil der Klasse verschwindet, von der Helferin im Gänsemarsch geleitet, in der Kantine. Sieben Kinder werden für die Mittagspause abgeholt. Danach Pause im Hof.

13:40 Ruhephase: die Lehrerin liest eine Geschichte von Pere Noel, dem Weihnachtsmann, vor.

14:00 Sport. Donnerstags gehen die Großen mit der Lehrerin und zwei Müttern ins Schwimmbad, die Kleineren malen in einem anderen Raum. Danach ein Spiel: die Kinder klatschen Wörter nach Silben. Souris? Zweimal klatschen. An anderen Tagen sind 45 Minuten für kleine Experimente vorgesehen: Kommt ein Ei in einer Wasserschüssel mit viel Salz wieder an die Oberfläche? Warum? Wie funktioniert eine Batterie?

15:00 Die Großen sind wieder da, noch einmal Kekse für alle.

15:15 Pause

15:45 hat die Lehrerin eine Reihe schuleigener Instrumente aufgebaut – ein Xylophon, eine afrikanische Trommel, eine Vogelstimmenflöte, die die Kinder reihum ausprobieren.

16:30 wird der größte Teil der Kinder abgeholt, von den Eltern, den Großeltern oder den „nounous“, den Kinderfrauen. Sechs Kinder bleiben noch in der Garderie bis 18:15.

So urteilen die Mütter

Brigitte Bekele, deren vierjähriger Sohn Noah den Albertus-Magnus-Kindergarten besucht: „Ich bin sehr zufrieden. Hier ist es viel spielerischer und freier als in Frankreich und individueller. Der Kindergarten macht viele Ausflüge und Feste. Es läuft alles sehr sanft. Wir hatten zum Beispiel sechs Wochen Eingewöhnungszeit und mein Sohn hat nie geweint.

Vielleicht ist es ein Nachteil, dass die Kindergärten in Deutschland sehr unterschiedlich sind; was die Kinder machen, die Ausstattung des Kindergartens – alles hängt von den finanziellen Mitteln ab. Erwerbstätige Mütter haben wirklich ein Problem. Man muss hier für einen Platz richtig betteln gehen. Ich habe immer argumentiert, dass mein Sohn früh deutsch lernen soll, weil wir das zu Hause wenig sprechen und er sich hier integrieren soll. Aber man zittert bis zuletzt, ob man einen Platz bekommt.

Ich finde es für Frauen auch diskriminierend, dass man in Deutschland für jede Betreuung bezahlen muss, auch für den Hort nach der Grundschule – vorausgesetzt man bekommt überhaupt einen Platz. Wenn man im Erziehungssystem von beiden einen Mittelweg finden könnte, dann wäre es gut.“

Anna Herzog, deren fünfjährige Tochter Gesine „Les Chardrottes“ besucht: „Für die ganz Kleinen finde ich es hier schon etwas brutal. Sie kommen mit drei Jahren gleich in eine Klasse von dreißig Kindern – mit einer Eingewöhnungszeit von dreißig Minuten. Sehr gut gefällt mir das vielseitige Programm inklusive der naturwissenschaftlichen Experimente und echten Schulheften: Pre-Mathematique, Pre- Écriture. Man merkt, dass die Kinder richtig Spaß am Lernen haben. Sie malen wenig frei, dafür lernen sie aber viele Techniken. Ein weiterer Pluspunkt: an unserer École frühstücken alle das gleiche und haben sich für den Karneval ihre Kostüme in der Schule selbst gebastelt – das hilft, Sozialneid zu verhindern.

Für Mütter, die arbeiten, sind die Betreuungszeiten ideal. Und die Kinder müssen nicht zwischen verschiedenen Einrichtungen wechseln. Sie bleiben mit ihren Freunden in einer Schule.“

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