Gesundheit : Wie kommt das Neue in die Welt? Ein Nobelpreisträger gibt Tipps

Hartmut Wewetzer

Nach 15 Jahren harter Arbeit kam 1984 der Durchbruch. Endlich. Kurt Wüthrich, Chemiker an der ETH Zürich, konnte mit seinem neuen Verfahren erstmals jede Ecke und jeden Winkel eines Eiweißmoleküls abbilden. „Aber es gab keinen Applaus, im Gegenteil – wir wurden harsch angegriffen“, erinnert sich Wüthrich. „Und da waren die Selbstzweifel, der Druck, weiter zu arbeiten.“ Am Ende dann der Triumph: 2002 bekam der Schweizer den Nobelpreis für Chemie zugesprochen.

Wie schafft man das? Was zeichnet Spitzenforschung aus? Was kann Europa tun, um der Wissenschafts-Supermacht Amerika noch Paroli zu bieten? Bei einer Veranstaltung der Berliner Universitäten, des Holtzbrinck-Veranstaltungsforums und der Schweizerischen Botschaft in der Humboldt-Universität zum Thema „Spitzenforschung im Vergleich“ gab Wüthrich am Dienstag Auskunft. Und man hätte wohl kaum einen Besseren finden können, vereint der Schweizer doch die Tugenden der neuen wie der alten Welt: kosmopolitisch und wissbegierig, zugleich aber auch bodenständig und hartnäckig, ja kämpferisch in der Sache.

„Innovation, nicht Perfektion“ lautet Wüthrichs Motto. Spartanische Bedingungen, internationale Erfahrung, Teamgeist, Zeitmanagement, Verzicht auf Beifall und das Hinwegsetzen über die Bürokratie sind die Rezeptur für einen Spitzenforscher à la Wüthrich. Für den Chemiker, der 65 Jahre alt ist, aber noch nicht ans Aufhören denkt und Forschergruppen in der Schweiz und in Amerika leitet, ist klar, dass hier zu Lande die Elite an den Max-Planck-Instituten sitzt.

Dem stimmte auch Ferdinand Hucho, Chemiker an der Freien Universität, zu – aber mit bitterem Unterton: „Deutschland verabschiedet sich von der universitären Forschung.“ „Die Unis degenerieren zu Massenausbildungsstätten“, sekundierte Helmut Schwarz, Chemiker an der Technischen Universität. Er beklagte einen „Stacheldraht von Regelungen“, mangelnde Autonomie und ein fehlendes gesellschaftliches Bekenntnis zu Elite-Einrichtungen. Andere beklagten die mangelnde Motivation der Studenten, das kaum ausgeprägte Unternehmertum der Professoren oder den Provinzcharakter deutscher Hochschulen, an denen es wegen des Ausländerrechts „unmöglich ist, einen Spitzengeist aus Russland zu halten“ (Hucho).

„Wir dürfen nicht nur lamentieren, wir müssen auch die Bedingungen verbessern“, sagte der Chemiker Schwarz. Und wies einen Weg auf: „Bloß nicht warten, dass ein guter Student oder Professor zu uns kommt, sondern aktiv anwerben.“ Kleiner Pferdefuß: In der Schweiz verdient ein Forscher leicht das Doppelte, wie Wüthrichs Landsmann Manuel Koch, Nachwuchswissenschaftler an der Uni Köln, berichtete.

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